Truffaut: Wir haben nun 1944, und Sie sind zu den Dreharbeiten von “Spellbound” wieder in Hollywood. Neben den Namen der anderen Szenaristen lese ich den von Angus MacPhail, einem Engländer, der Ihnen beim Drehbuch zu “Bon Voyage” [ein 1944 gedrehter kurzer Propagandafilm] geholfen hatte.
Hitchcock: Angus MacPhail war Chefdramaturg der Gaumont British und einer von diesen jungen Intellektuellen aus Cambridge, die sich als erste fürs Kino interessierten. Ich hatte ihn zur Zeit von “The Lodger” [“Der Mieter”] kennengelernt, und er hatte zur selben Zeit wie ich bei der Gaumont British gearbeitet. Nach “Sabotage” hatte ich ihn nicht wiedergesehen, bis ich dann diese zwei kleinen französischen Filme [die beiden Propagandafilme] in London drehte und mit ihm die erste Drehbuchfassung von “Spellbound” begann. Aber unsere Arbeit war ohne jedes Konzept. Als ich wieder in Hollywood war, wurde Ben Hecht herangezogen, und das war eine glückliche Wahl, denn er interessierte sich sehr für Psychoanalyse.
Truffaut: Eric Rohmer und Claude Chabrol erzählen in ihrem Buch über Sie, Ihre ursprüngliche Idee zu “Spellbound” sei viel verrückter gewesen. Zum Beispiel hätte der Direktor der Klinik unter seinem Fuß ein Kreuz eintätowiert haben sollen, um es bei jedem Schritt “mit Füßen zu treten”, weil er ein Großmeister schwarzer Messen war.
Hitchcock: Das war so in dem Roman, “The House of Dr. Edwardes”, ein melodramatischer und wirklich verrückter Roman, über einen Irren, der die Herrschaft über eine Irrenanstalt an sich reißt. In dem Roman waren sogar noch die Krankenpfleger Irre und stellten alle möglichen Dinge an. Meine Absicht war viel vernünftiger, ich wollte nur den ersten Psychoanalysefilm drehen. Ich habe mit Ben Hecht gearbeitet, der die berühmtesten Psychoanalytiker frequentierte.
Als wir bei der Traumsequenz ankamen, wollte ich unbedingt mit den traditionellen Kinoträumen brechen, die meist nebelhaft und verworren sind, mit zitternden Bildern undsoweiter. Ich habe Selznick gebeten, Salvador Dali als Mitarbeiter zu verpflichten. Selznick war einverstanden, aber ich bin sicher, er hat geglaubt, ich hätte das nur wegen der Reklame gemacht. Mein einziger Grund war, rein visuelle Träume zu bekommen, mit spitzen und scharfen Konturen, härter als die Bilder des eigentlichen Films. Ich wollte Dali wegen der schneidenden Konturen seiner Bilder - de Chirico ist sehr ähnlich -, wegen der langen Schatten, der unendlichen Entfernungen, der Fluchtlinien, die sich im Unendlichen treffen, der formlosen Gesichter.
Natürlich hat Dali ziemlich seltsame Dinge erfunden, die nicht zu realisieren waren: eine Statue, die Risse bekommt, aus denen Ameisen über sie kriechen, und dann sieht man Ingrid Bergman ganz bedeckt mit Ameisen.
Ich hatte Angst, weil die Produktion bestimmte Ausgaben scheute. Ich hätte die Dali-Träume gern im Freien gedreht, damit alles von Sonne überflutet gewesen wäre und besonders scharfe Konturen bekommen hätte, aber das hat man mir abgelehnt, und ich mußte im Atelier drehen.
Truffaut: Schließlich haben Sie nur einen Traum in Ihrem Film, der in vier Teile aufgeteilt ist. Ich habe “Spellbound” unlängst wiedergesehen, und ich muß Ihnen gestehen, daß ich das Drehbuch nicht besonders mochte.
Hitchcock: Es ist wieder einmal die Geschichte einer Jagd auf einen Mann, hier aber eingewickelt in Psychoanalyse.
Truffaut: Für mich ist es gar keine Frage, daß viele Ihrer Filme, wie “Notorious” [“Berüchtigt”] oder “Vertigo”, tatsächlich gefilmten Träumen gleichen. Deshalb weckt die Ankündigung eines Hitchcockfilms, der sich mit der Psychoanalyse beschäftigt, Erwartungen auf etwas vollkommen Irres, Delirierendes. Und dabei ist dies einer Ihrer vernünftigsten Filme, mit sehr viel Dialog. Grob gesagt, im Vergleich mit Ihren anderen Filmen würde ich “Spellbound” einen Mangel an Phantasie vorwerfen.
Hitchcock: Wahrscheinlich weil es um Psychoanalyse ging. Wir hatten Angst vor der Irrealität und wollten das, was diesem Mann widerfährt, besonders logisch erzählen.
Truffaut: Zweifellos. Es gibt trotzdem sehr schöne Sachen in dem Film, zum Beispiel den Kuß, auf den dann die sieben sich öffnenden Türen folgen. Und dann, wenn Ingrid Bergman und Gregory Peck sich zum erstenmal sehen, das ist eindeutig Liebe auf den ersten Blick, sie liebt ihn vom ersten Blick an.
Hitchcock: Leider beginnen genau in dem Augenblick die Geigen zu spielen, das ist fürchterlich.
Truffaut: Ich mag auch sehr gern die Reihe von Einstellungen, die der Festnahme von Gregory Peck folgen, die Bilder von den Gittern und die Großaufnahmen von Ingrid Bergman, bevor sie dann plötzlich zu weinen beginnt. Dagegen hat mich diese ganze Geschichte, wenn die beiden bei dem alten Professor Zuflucht suchen, nicht besonders interessiert. Schockiert es Sie, wenn ich sage, daß der Film enttäuschend sei?
Hitchcock: Nein, nein, ich bin ganz Ihrer Meinung. Ich glaube, alles ist einfach zu kompliziert, und die Erklärungen zum Schluß sind zu konfus.
Truffaut: Dann ist da noch etwas, das auch dem “Paradine Case” [“Der Fall Paradin”] geschadet hat, das ist Gregory Peck. Ingrid Bergman ist eine außergewöhnliche Schauspielerin, mit der Sie phantastisch gearbeitet haben, aber Gregory Peck ist wirklich kein Hitchcockschauspieler, er ist hohl, und er hat vor allem gar keinen Blick. Trotzdem ziehe ich “The Paradine Case” “Spellbound” vor. Und Sie?
Hitchcock: Ich weiß nicht. In “The Paradine Case” gibt es auch eine Menge Fehler aufzuzählen.
Quelle: “Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?” von Francois Truffaut