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Tim Burtons Kreativität scheint unerschöpflich. Ob er nun durchgeknallte Aliens auf die Menschheit loslässt, oder nicht minder durchgeknallte Clowns auf die arglosen Bewohner von „Gotham City“ hetzt; sein leicht schrulliger Stil und sein einzigartiges Vermögen, jedem Film eine ganz eigene Atmosphäre zu verleihen, suchen in der Massenproduktionsfabrik Hollywood ihresgleichen. Auch sein neustes Werk „Charlie und die Schokoladenfabrik“ macht hier keine Ausnahme. Die mittlerweile zweite Verfilmung des hierzulande nicht besonders populären Kinderbuches von Roald Dahl ist auf den ersten Blick ein zuckersüßes Märchen. Angesiedelt in einer Art Schlaraffenland, in welchem Wasserfälle aus Schokolade existieren und die gesamte Umgebung essbar ist, scheinen die Träume eines jeden Kindes wahr zu werden. So ergeht es auch Charlie. Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Junge bekommt eine von fünf goldenen Eintrittskarten, die zu einem Besuch der sagenumwitterten Schokoladenfabrik des exzentrischen Moguls Willy Wonka berechtigen; Eine umfassende Führung durch den Hausherren inbegriffen. Doch ein Blick hinter die Fassade zeigt, dass Wonkas selbsterschaffenes Paradies eigentlich nur dem Zweck dient, seine eigene Einsamkeit zu verbergen. Nicht ohne Zufall erinnert die Fabrik dann auch an die „Neverland Ranch“. Willy Wonka selbst, kongenial verkörpert von Johnny Depp hat mehr als nur äußerliche Ähnlichkeiten mit Michael Jackson. So ist er zwar eben so reich, wie genial, wünscht sich jedoch nichts sehnlicher, als eine Familie. Die Botschaft ist überdeutlich: Kein Reichtum dieser Welt kann eine Familie ersetzen. Somit wird aus dem vermeintlich besitzlosen Charlie ein König, während der reiche Wonka als Bettler erscheint.
Neben Charlie haben noch vier andere Kinder das Glück, eine der begehrten Eintrittskarten zu ergattern. Diese sind jedoch verzogene Gören, welche eigentlich alle nur den Sonderpreis haben wollen, den Wonka einem seiner Gäste am Ende versprochen hat. Vom reinen Gewand her ist „Charlie und die Schokoladenfabrik“ ein prototypisches Märchen.
Tim Burton erschafft jedoch noch zwei weitere Ebenen, welche den Film zu etwas wirklich außergewöhnlichem machen. Auf der einen Seite sind es die Seitenhiebe auf unsere Gesellschaft, die zwar in der Handlung an sich angelegt sind, jedoch gerade erst durch die faszinierenden Bilder ihre Eindringlichkeit erhalten. In Wonkas Fabrik und auch außerhalb funktioniert alles mit der Präzision eines Uhrwerks. Überall droht die Industrialisierung, welcher auch Charlies Vater zum Opfer fällt; Wer sich nicht in die Ordnung einfügt, oder keine Möglichkeit dazu hat, wird gnadenlos ausgestoßen. Im Gegensatz zum Einheitsdesign der umliegenden Domizile nimmt sich das Haus der Bucketts durch seine windschiefe Lage und dringende Reparaturbedürftigkeit optisch aus. Dass dies jedoch kein Wertmaßstab darstellt, wird im Film deutlich.
Gleichzeitig finden sich eine Reihe von Leckerbissen für Cineasten, verweist Burton doch mittels genialer Kniffe auf Klassiker, wie „Odyssee im Weltraum“.
Abgerundet wird der Film durch den genialen Soundtrack von Danny Elfman. Wie schon im Großteil der bisher abgedrehten Burton – Werke entsteht die einzigartige Atmosphäre erst aus der Symbiose von Optik und Akustik. Doch nie waren die Gegensätze näher beieinander, als in „Charlie und die Schokoladenfabrik“. Elfman, der in Filmen wie „Batman“ seine düstere Seite voll ausleben konnte, gelingt hier der Spagat zwischen kunterbunten Kinderlied – Melodien und schwerer Orchestration. Besonders das Hauptthema lebt von diesem Kontrast. Insgesamt gehört der Soundtrack zum Besten, was dieses Jahr an Filmmusik komponiert wurde.
Zu den Schauspielern muss man nicht mehr viel sagen. Wie kaum ein zweiter dreht Tim Burton häufig mit den selben Leuten. Und auch „Charlie und die Schokoladenfabrik“ beweist, dass dies nicht die schlechteste Methode ist. Neben dem vollkommend überzeugenden Johnny Depp ist Helena Bonham Carter wieder einmal mit von der Partie. Sie gibt die Mutter von Charlie. Auch der geniale Christopher Lee – hier zu sehen als der Vater von Willy Wonka – kann als manisch auf Reinlichkeit bedachter Zahnarzt auftrumpfen.
Abschließend lässt sich sagen, dass „Charlie und die Schokoladenfabrik“ eindeutig eines der Highlights des laufenden Kinojahres geworden ist. Allen Leuten, die gerne einmal wieder nostalgischen Erinnerungen an ihre Kindheit nachhängen möchten, sei Tim Burtons Werk wärmstens empfohlen.
8 / 10 Punkte

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