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Was Stephen King für die Bücherwelt ist, ist Wes Craven für die Filmwelt: Horrorspezialist, der unter anderem für die "Scream"-Trilogie verantwortlich zeichnet und nach deren Abschluss er fünf Jahre ins Land ziehen ließ, bis er ein weiteres Mal auf dem Regiestuhl Platz nahm. Dann gleich in doppelter Ausführung: Während er in "Cursed" seinem Genre, dem Horrorfilm, treu blieb, gibt es in dem anderen Vertreter keinerlei Horrorelemente. Bei "Red Eye" hat man es mit einem stinknormalen Thriller weit über den Wolken zu tun, bei dem man sich fragt, was Wes Craven dazu bewegt hat, hier Regie zu führen. Der Film ist nicht schlecht, aber erschreckend uneigenständig und innovationslos.

Die Hotelmanagerin Lisa Reisert (Rachel McAdams; "Mean Girls", „The Notebook“) ist gerade auf dem Weg zurück zum Hotel nach Miami, als der Flug gestrichen wird und sie beim Warten dem charmanten Jackson Rippner (Cillian Murphy; "Batman Begins") begegnet, der sich, als sie endlich in den Flieger steigen können, als ihr Sitznachbar herausstellt. Schnell muss sie aber feststellen, dass ihre Bekanntschaft alles andere als nett ist und ihr heute nicht nur zufällig über den Weg läuft. Sie soll für ihn den Security-Chef William Keefe (Jack Scalia), der gerade auf dem Weg in ihr Hotel ist, in ein anderes Zimmer umlegen, damit Jacksons Leute leichtes Spiel beim Beseitigen haben. Wenn sie ihm nicht hilft, stirbt ihr Vater - ein Kollege von Jackson steht vor dessen Tür und könnte jederzeit zuschlagen. Doch sie will, dass niemand stirbt und sucht nach einem Weg, sich Hilfe zu verschaffen...

Das Interessanteste an der Story ist die Idee, dass das Grauen im Flugzeug über die gestresste Lisa kommt. Es gibt keinen Ausweg, sie sitzt am Fenster und kann sich nicht bemerkbar machen, ohne dass ihr Gegner etwas davon bemerkt und wenn sie es dann doch mal versucht, scheint Jackson einen siebten Sinn dafür zu haben. Die Situation wird immer auswegloser, die Bekanntschaften, die sie noch vor dem Flug, zum Beispiel die einer alten Frau, der sie ein Buch schenkt, gemacht hat, können ihr nicht helfen, werden aber immer wieder dazu benutzt, um vielleicht doch Hilfe zu erfahren – aber auch da scheint Jackson einen Schritt schneller.

Die langsame Erzählweise, die erst vermuten lässt, dass man es hier womöglich mit einem Liebesfilm zu tun hat, da die ersten Begegnungen noch sehr harmonisch ablaufen, spitzt sich immer weiter zu und sobald die beiden erst mal im Flugzeug, wo sich auch der Großteil des Films abspielt, nebeneinander sitzen, wird es etwas düsterer, dunkler, bis dann Jackson sein Geheimnis offenbart. Von da an nimmt die Spannung immer weiter zu, man leidet mit Lisa mit und erkennt, wie schlimm ihre Situation eigentlich ist. Die Spannung in den Wortduellen und den Versuchen, sich bemerkbar zu machen, wird durch einen genialen Score erhöht, der mir bei diesem Film erstmals wirklich auffiel und der so das letzte Bisschen Spannung rausholen kann, da er immer leise, aber bedrohlich im Hintergrund auftaucht. Generell ist die beklemmende Atmosphäre im Flugzeug perfekt eingefangen – dank Score und Kameraarbeit.
Zum Ende hin wird die subtile Spannung der Gefechte umgeworfen und es wird noch ein wenig auf die Actiontube gedrückt. Allerdings scheitert der Film auch in diesem Punkt. Man hätte noch mehr aus der Flugzeugszenerie machen können, da es danach ein wenig bergab geht. Zwar wird schon im Flugzeug klar, dass man hier nicht alle Klischees von Bord geworfen hat, allerdings wird es im Anschluss noch viel schlimmer. Mein persönliches Handy ist kaputt und hat an keinem Ort der Welt Empfang, aber ich denke Rachel hat ein funktionierendes. Dass es in der entscheidenden Situation nicht funktioniert, beginnt zu nerven. Ich lade mein Handy auch nur sehr selten auf – anscheinend ähnlich wie Rachel. Denn nachdem sie Empfang hat, erscheint die Meldung „Low Battery“. Damit hätte man zwei Klischees direkt hintereinander bedient, die sonst ihren Weg nur in einer Form in den Film finden sollten. Auch der Showdown bietet keinerlei Überraschungen geschweige denn Innovationen oder Experimente. Die Szene folgt einem altbekannten Schema, das mit minimalistischen Schocks aufgelockert wurde, die aber allerhöchstens sehr schreckhafte Gemüter oder Genreneulinge erschrecken. Man zählt als erfahrener Genrekenner die Sekunden runter, bis das Herz einen Sprung machen sollte. Fatalerweise zählt man immer richtig. Und damit wird das Ende leider zu vorhersehbar. Nicht, dass die Experimentierfreudigkeit schon im ersten Teil des Films vorhanden gewesen wäre, nein, hier wurde gar nicht erst versucht, neues Leben ins Genre zu bringen, aber der Actionteil ist doch noch mal ein gutes Stück durchschaubarer. Der ein oder andere Plottwist hätte dem Film sicher nicht geschadet.

Getragen wird der Film von seinen hervorragenden Schauspielern, den beiden Hauptpersonen, die natürlich allen die Schau stehlen, da alle anderen Nebencharaktere nur der Vollständigkeit dienen. Auf der einen Seite wäre da Cillian Murphy als Jackson Rippner. Der Hass auf ihn wird mit zunehmender Laufzeit immer größer, da er mit seiner widerlichen, heuchlerischen Freundlichkeit so tut als wäre er der Liebling aller Mütter. Allerdings weiß man ja, wer er wirklich ist: jemand, der eiskalt versucht, seinen Job zu erledigen, koste es, was es wolle.
Der Gegenpart, Rachel McAdams, spielt hier mal nicht unbedingt im Komödienfach á la „Mean Girls“ und „The Wedding Crashers“, sonder wieder deutlich ernster wie schon zuletzt in „The Notebook“. Scheint es anfangs nur ihr Arbeitsstress und die Flugangst, die ihr Unbehagen bereiten, merkt sie schnell, dass mit ihrer neuen Bekanntschaft etwas nicht stimmt. Sie muss sich entscheiden, wem sie das Todesurteil unterschreibt – entweder stirbt ihr Vater oder der Security-Chef Keefe. Ihre Situation wird auswegloser, die Verzweiflung steigt und die Hoffnung sinkt. In ihrer Vergangenheit gab es glücklicherweise ein Ereignis, das sie prägte…
Beide spielen super, liefern sich ein fesselndes Psychoduell und die Nebenrollen verkommen hier fast zur Nichtigkeit. Die „größten“ Rollen neben den Hauptprotagonisten spielen wohl noch Lisas Vater Joe (Brian Cox; „Troy“) und William Keefe, ohne aber groß das Spiel der beiden zu stören. Sehr amüsant war auch noch Jayma Mays als Hotelangestellte, die das Chaos im Hotel alleine bewältigen muss und sich dabei noch mit einigen unbeliebten Gästen rumschlagen muss.

Wes Craven brachte nach fünf Jahren Pause auf dem Regiestuhl gleich zwei Filme innerhalb kürzester Zeit in die Kinos. Der Werwolfhorror „Cursed“ (ich selbst habe ihn noch gar nicht sehen können) wurde hoffnungslos zerschnippelt, was sicherlich nicht die Intention von Craven war. Sein zweiter Film „Red Eye“ ist auch weit weg von der Klasse eines „Scream“, bietet aber auch keinerlei Horrorelemente. Ein gewöhnlicher Thriller, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Er ist routiniert inszeniert, aber etwas Geniales oder Einfallsreiches findet man praktisch gar nicht. Das Psychospiel zwischen Adams und Murphy ist im Flugzeug sehr spannend geraten, weist dank des Scores eine hervorragende Atmosphäre auf und alle Actionfans bekommen zum Schluss immerhin noch ein wenig geboten. Allerdings bleibt jeglicher Versuch aus, dem Genre irgendetwas Neues abzugewinnen und dem Zuschauer etwas zu bieten, das er noch nicht kennt. Man wartet den ganzen Film ab, um dann beim Showdown in ganz üblen Klischeesümpfen zu versinken. Warum Craven so eine Innovationslosigkeit auf die Zuschauer loslässt, erklärt sich mir leider nicht. Ich bin hin- und hergerissen, welche Wertung denn jetzt angebracht ist. Größter und einziger Kritikpunkt ist sicherlich die eben angesprochene Innovationsarmut und der damit verbundene Haufen Klischees. Wer darüber hinwegsehen kann, wird bestens unterhalten. Und da schließe ich mich erst mal an. Gut geklaut ist bekanntlich besser als schlecht selbst zusammengebastelt.
Nicht begeisternd, aber annehmbar.
Nicht nervenzerfetzend, aber spannend.
Nicht innovativ, aber routiniert.
Nicht unvergesslich, aber toll gespielt.
Bekannt, aber durchaus fesselnd.

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