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Albany im Staat New York im eiskalten Herbst 1938. Die seit neun Jahren andauernde Weltwirtschaftskrise hat trotz Präsident Roosevelts wirtschafts- und sozialpolitischem "New Deal" noch nicht den erhofften Abbau der Massenarbeitslosigkeit bewirkt. Albany ist aus Sicht der Obdachlosen und Gestrandeten eine trostlose Stadt. Francis Phelan (oscarnominiert: Jack Nicholson), einstiger Baseballstar bei den Washington Indians und Frauenschwarm, verdingt sich nach der Freilassung aus dem Knast, die ihm sein Sohn Billy (Michael O'Keefe) ermöglicht hat, als Friedhofsarbeiter. Dabei entdeckt er das Grab seines im Alter von nur 13 Tagen gestorbenen Sohnes Gerald, den er als Säugling vor 22 Jahren aus einer fatalen Ungeschicklichkeit heraus auf den Boden fallen ließ.

Helen Archer (oscarnominiert: Meryl Streep), glasige Augen, rote Nase, fahles Gesicht, ist eine früher bekannte Sängerin bzw. Pianistin, deren Ruhm verblasst ist. Ihren Steinway-Flügel musste sie, von Bruder und Mutter ums Erbe betrogen, verkaufen, um die Miete zahlen zu können. Einen Rest von Würde und Stolz hat sie sich bewahrt. Sie verzweifelt an der Alkoholsucht von Francis, mit dem sie eine neun Jahre währende Hassliebe verbindet. Ein Versuch, stimmlich mit einem Kneipenauftritt noch einmal bescheiden an alte Zeiten anzuknüpfen, misslingt kläglich, nur abgefedert von ihrer in sich zusammenstürzenden Fantasie von einem glanzvollen Comeback-Auftritt und vergolten vom Barkeeper mit einem Glas Wein.

Es ist Halloween und marodierende, maskierte Jugendliche rauben ihr 15 $. Helen hatte das Geld von Francis' Sohn Billy erhalten, um den inhaftierten und jetzt freigelassenen Francis mit einer Kaution aus dem Gefängnis zu holen. In der Kirche der methodistischen Stadtmission erhalten sie jenen warmen Teller Suppe, der sie am Leben hält. Die salbungsvollen Predigten erreichen die abgeklärten Gestrandeten kaum. Da ist Sandra (Priscilla Smith), aus Alaska stammend. Sie wollte Ärztin werden, verkam zur Dirne, schläft alkoholkrank auf der Straße und findet ihr Ende. Die kranke und übermüdete Helen verbringt eine Nacht in einem Autowrack an der Seite eines anderen Obdachlosen, Finny (James Dukas), der mit ihrer Hand masturbiert. Angeekelt geht sie in eine Kirche, reinigt die Hand im Weihwasser, bittet kniend um Sündenvergebung und findet einen Geldschein, als sie sich zum Gehen aufrichtet. Das Sandwich, das sie sich davon kauft, kann die Sterbenskranke schon nicht mehr essen. Wenige Schlucke Wein erbricht sie. Ihre Lebensentwürfe sind gescheitert. Einmal noch gibt sie sich Illusionen hin, träumt von einer Wohnung und Sesshaftigkeit, als Francis ein paar Stunden für einen Lumpenhändler gearbeitet hat. SIe nimmt sich ein Zimmer in einer Pension und richtet sich mit ihren wenigen Habseligkeiten ein, doch für eine Rückkehr in das äußere Leben mit seinem vordergründigen Glück und der untadeligen Bürgerlichkeit ist es viel zu spät. Für Helen wird - frei nach Rilke - nirgends (mehr) Welt sein als innen.

Francis' Gelegenheitsjobs konfrontieren ihn mit seiner Vergangenheit: Seine Familie, die er damals verließ, wohnt noch in Albany. Nie hatte seine Frau Annie (Carroll Baker) irgend jemand verraten, dass er es gewesen war, der das Baby hatte fallen lassen. Der einstige Baseballstar erinnert sich an einen eskalierenden Arbeiterstreik, bei dem er - angeheizt vom wütenden Mob - einen der amtlich bestellten Streikbrecher mit einem Steinwurf so unglücklich traf, dass dieser tödlich getroffen wurde. Der Getötete begegnet ihm weiß geschminkt in einer surrealen Vermischung von Diesseits und Jenseits wieder - als Ankläger. Ein weiterer Geist eines Menschen, dessen Leben er ungewollt auf dem Gewissen hat, tritt auf: Ein vor der Polizei flüchtender Pferdedieb, den Francis nicht mehr in einen bereits fahrenden Güterzug mit der Hand in den Waggon ziehen konnte.

Francis kauft mit seinem wenig Verdienten einen Truthahn, sucht nach all den Jahren auf Einladung seines Sohnes Billy seine völlig überraschte Frau und die mittlerweile erwachsenen Kinder auf. Seine Tochter Peggy (Diane Venora) ist mittlerweile selbst Mutter eines Sohnes, Danny (Ean Egas), geworden. Sie tut sich schwer damit, dem Vater zu verzeihen. Francis belässt es bei dem Kurzbesuch.

Nachts wird das Obdachlosenlager von einer selbsternannten Bürgerwehr mit Baseballschlägern überfallen und in Brand gesteckt. Francis kann mit dem krebskranken Rudy (Tom Waits), einem anarchisch dem Tod ins Gesicht lachenden Trunkenbold, fliehen und schleppt ihn ins Krankenhaus, wo er blutüberströmt vor den Augen der Nachtschwester stirbt. Doch Rudy ist nicht der einzige Tote dieser Nacht: Als Francis Helen in ihrer Pension aufsucht, liegt diese tot am Boden. Francis verlässt die Stadt in einem Güterzug. Noch einmal kommt ihm Annie in den Sinn, wie sie ihm irischen Frühstückstee reicht und ihm anbietet, für ihn ein Zusatzbett in Dannys sonniges Zimmer zu stellen...

Durch das Drehbuch von William Kennedy nach seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman ziehen sich Heimatlosigkeit und Heimatsuche als Grundton. Die Dialoge mit den Toten, die an die moralisierenden Geister aus Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte erinnern, wenngleich sie hier grotesker und surrealer, weniger lehrstückhaft wirken, machen eine Besonderheit des Films aus, der auf Special Effects verzichtet, und die Toten bühnenhaft eindringlich in ihrer Erscheinung wirken lässt.

Meryl Streep und Jack Nicholson, die auch in "Sodbrennen" ein problematisches Paar abgaben, zeigen sich in ihrem Zusammenspiel entwaffnend uneitel und verwundbar. Streep als Helen Archer berührt die Zuschauer bis ins Mark. Sie kotzt, flucht, taumelt und lässt noch einmal verblassende Grandezza ahnen, als sie in einem Musikhaus auf einem Piano spielt und sie in Donovans Pension, bekleidet mit dem ihr verbliebenen Seidenkimono, ohne Publikum ihren Schlussauftritt hat.

Helen und der scham- und schuldbehaftet in seine Heimatstadt zurückgekehrte Francis sind menschliche Metaphern der Pflanzengattung der Wolfsmilchgewächse: In ihnen fließt Gift, äußerlich taugten sie vielleicht sogar einmal zur Zierpflanze, doch nun sind sie Entwurzelte. "Happy days are here again" hieß ein amerikanisches Lied zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, zynisch, ironisch, bitter. Obwohl das Lied in dem Film nicht vorkommt - "Wolfsmilch" ist der Film dazu.

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