Dass Guillermo del Toros „Mimic“ mindestens ein Sequel nach sich ziehen würde, war eigentlich kaum überraschend, nachdem man mit dem Original letztendlich doch schwarze Zahlen geschrieben hatte. Dass es sich bei dem Sequel nicht um einen Kinoblockbuster, sondern um ein aalglattes B-Movie mit direct-to-video-Vorbestimmung handeln würde, war sogar noch weniger überraschend. Für einen gemütlichen Fernsehabend auf dem Fernsehsessel gibt die Thematik nämlich zweifellos genug her.
Das fertige Produkt sieht optisch sogar beinahe nach A-Movie aus, zumindest auf den ersten Blick. Zwar ist das Gezeigte, das sieht man sofort, seelenloser als das wundervoll atmosphärische Ausgangswerk des mexikanischen Filmemachers, doch hat man trotzdem die Hoffnung, anspruchslos unterhalten zu werden. Diese Hoffnung wird größtenteils durchaus erfüllt. Unterhaltung? Ja. Qualität? Mmmh...
Was nämlich auch ins Auge fällt, sind die zweidimensionalen Charaktere, die nicht nur mäßig ihren Job erledigen, sondern auch von den Drehbuchvorgaben her arg im Stich gelassen werden. Zwar haben sich Mira Sorvino, Jeremy Northam und der Rest der Originaltruppe auch nicht gerade schauspielerisch mit Ruhm bekleckert, doch vermochten sie es zumindest, mit Hilfe des Skripts die Sorge der Zuschauer für sich zu gewinnen. Davon kann hier keine Rede sein: durch die Bank sind die Darsteller auswechselbares Fleisch. Lediglich der Käferexpertin, Sorvino-Nachfolgerin und Hauptdarstellerin (alles eine Person) wird ausreichend Screentime zugesprochen, dass man sie theoretisch näher kennenlernen könnte. Eine emotionale Bindung baut man dennoch nicht zu ihr auf. Vermutlich, weil sie ein astreiner Klon der Hauptdarstellerin aus Teil 1 ist, mitsamt des Berufes und der latenten Mutterinstinkte, die im Original durch den Schuhputzerjungen Chewey (oder so ähnlich) ausgelebt wurden, hier durch den schwarzen Jungen, der die ganze Zeit an ihrer Seite ist.
Der Rest der Mannschaft ist sehr farblos. Was vor allem fehlt, ist die Mannigfaltigkeit an Persönlichkeiten, deren Gegensätzlichkeiten in „Mimic“ zeitweise noch für beißenden Sarkasmus gesorgt hatte. In „Mimic 2“ jedoch ähneln sich die Charaktere nicht nur wie ein Ei dem anderen, sie wirken zudem wie unbeschriebene Blätter, auf denen die ausgereiften Charakterzüge erst noch vermerkt werden müssen. Die Folge sind belanglose, meist ernsthafte Dialoge, bei denen nur selten die in B-Movies so wichtige Selbstironie und nie wirklich treffender Humor zum Vorschein kommt.
Worauf sich das Sequel also wirklich konzentriert, ist der Einbau der Insekten, welche wohl aus Budgetgründen dennoch nicht in Übermaßen auftauchen. Elemente, die im Vorgänger funktioniert hatten, werden wieder aufgegriffen und weitergeführt. Dazu gehört auch das menschenähnliche Auftreten in düsteren Gassen und Gängen mit einer plötzlichen Bewegung, die darauf schließen lässt, dass es kein Mensch ist, der vor einem steht. Und nun, frei jeglicher Zwänge, sich an die wissenschaftlichen Fakten zu halten, erlaubten sich die Drehbuchautoren Freiheiten, die in del Toros Film gnadenlos kritisiert worden wären, in einem B-Movie jedoch kaum ins Gewicht fallen. Und zwar gehen die Tarnfähigkeiten der Rieseninsekten inzwischen so weit, dass sie sich sogar als bestimmte Menschen tarnen können. In einer Szene, die fast ein wenig an das Finale aus Cronenbergs „Die Fliege“ erinnert,
*SPOILER*
klopft ein Vieh sogar mit Blumen in der Hand an die Tür und steht in einer Art „Edgar-Kostüm“ („Men in Black“) vor der Hauptdarstellerin, um nach dem Nachwuchs zu sehen.
*SPOILER ENDE*
Mit der Ausgangsidee vom Tarnverhalten von Insekten, wie man es auch in der Realität beobachten kann, hat das natürlich überhaupt nichts mehr zu tun. Immerhin hat das den Vorteil, sich nicht mehr an die Fakten halten zu müssen.
Inszenatorisch werden die Insektenauftritte recht unklug eingebaut. Es beginnt ganz nett mit einem Prolog, in dem ein Unbekannter das erste Opfer wird, dann folgt eine Hommage ans Original (Mann wird durch eine kleine Öffnung gequetscht, wobei sich der Brustkorb als hinderlich herausstellt). Auch das Bild von der schwarzen Gestalt in der Gasse funktioniert noch ganz gut, bis es jedoch schon bald überreizt wird.
Was letztendlich auch fehlt, sind etwas deutlichere Szenen der Insekten in Aktion (Flug, Krabbeln), etwas explizitere Goreszenen und die Bedrohung durch mehrere Viecher auf einmal. Das Herumirren durch das nicht sehr angsteinflößende Gebäude ist als solches nicht effektiv genug, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Eindeutig fehlt das Biologische, die herumfliegenden Insekteninnereien. Auch die Tarnung des Menschen als Insekt durch Geruchsstoffe und das Spiel mit den daraus entstehenden Möglichkeiten kommt viel zu kurz. Einmal zieht die Hauptdarstellerin ihre Sachen aus, um das Käferchen in eine Pheromon-Falle zu locken – das war's auch schon mit der Herrlichkeit. Die Duftdrüsen aus Teil 1 kommen nicht wieder zur Anwendung.
In der Summe ist „Mimic 2“ eine ganz nette Fortsetzung im B-Movie-Gewand, die aber letztendlich nur von dem reinen Potential der Reihe lebt. Das Original hatte ja bereits zahlreiche effektive Schlüsselbilder vorgelegt, die man einfach nur wiederholen musste, um ein gewisses Unterhaltungsmaß zu gewähren, was man dann auch tat. In gewisser Weise mimt „Mimic 2“ also „Mimic“ nach. Alles, was darüber hinausgeht, ist meist von den typischen Sequel- und B-Movie-Schwächen geprägt. Nur der fehlende wissenschaftliche Unterbau und die trashige Weiterentwicklung der mimischen Insektenfähigkeiten kann auch positiv ausgelegt werden; zumindest insofern, als dass der B-Movie-Charakter des Films nicht nur negative Auswirkungen hat, sondern auch seine positiven Aspekte verwendet wurden.