"Klute" ist eine seltsame Mischung zwischen Suspense-Thriller, Detektiv-Film und Psycho-Studie, geradezu unangenehm modern für sein Herstellungsjahr. So ungewöhnlich der Film jedoch 1971 gewirkt haben muß, so unausgegoren wirkt er heute, wie er mit den Erwartungen seiner Zuschauer umspringt.
Der Anfang ist noch ganz konventioneller Thriller wenn Sutherland als titelgebender Detektiv auf das Verschwinden eines seiner Freunde angesetzt wird und als einzige Spur eine Reihe von Briefen an Fondas Callgirl Bree Daniels besitzt. Die wird anscheinend schon von jemandem verfolgt, doch Pakulas Film bricht mit den gewöhnlichen Thriller-Erwartungen.
Das Spiel gerät zu einer einfühlsamen Reise in den inneren Kosmus von Fondas Figur, die die Prostitution als Machtmittel mißbraucht, weil sie in solchen Momenten die Kontrolle hat und spielen darf, weswegen sie nebenbei versucht, als Schauspielerin unterzukommen. Gleichzeitig jedoch versucht sie das zu analysieren, in dem sie laufend zu einer Psychiaterin geht.
Im Verlauf des Films wird dann mit dem zunehmenden Vertrauensverhältnis zwischen der vortäuschenden Fonda und dem nüchtern-emotionslosen Sutherland die gegenseitige Abhängigkeit der beiden unterstrichen. Jeder hat das, was dem anderen ungewollt und unbewußt fehlt. So stärken sie sich gegenseitig, bis sie am Ende einen gemeinsamen Neuanfang wagen, dessen Ausgang in den Sternen steht.
Das mag zwar psychologisch recht interessant sein, führt aber nicht zu mehr Spannung. Dabei sind die zwischendurch eingestreuten Szenen, wenn der Verfolger aktiv wird, fast Giallo-Style, wenn auch ohne die Gewalt. Doch der Fall entwickelt sich psychologiegemäß günstig für Spannung zu langsam und tritt lange auf der Stelle, ehe gegen Ende der Zufall zur Hilfe kommt.
Der Zuschauer erfährt den Täter leider zu früh und die atmosphärisch durchaus gut getimten Schlußszenen in einer Kleiderfabrik werden durch einen geradezu fahrlässig in Szene gesetzten Schlußkampf zerstört.
Die Akteursleistungen sind dabei sicherlich hochklassig, denn Sutherland wirkt unnahbar und tiefgründig, während Fondas Seelenstriptease (der ihr den Oscar einbrachte) ein wahrhaft einprägsames Portrait darstellt.
Doch zu sehr fallen beide Filmzutaten auseinander, um wirklich harmonisch in Einklang zu bringen wären.
Schön atmosphärisch ferner noch der Score, der stets Unruhe erzeugt und die Sixties-Seventies-Ausstattung, die perfekt zwischen futuristisch-modern und abgerissen schwankt. Unter dem Strich jedoch leider mehr Psychogramm der Callgirlszene als unterhaltsamer Thriller. Doch nicht ohne Qualitäten. (5/10)