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Michael Bay versucht es ohne Kumpel Jerry Bruckheimer, denn „Die Insel“ hat Steven Spielberg produziert.
2019: Lincoln Six Echo (Ewan McGregor) leben in einer Zukunft, die der feuchte Traum eines jeden Fitnessfreaks sein dürfte. Man hält sich mit Joggen und Sport fit, in der Bar kriegt man nur Fruchtsäfte und ähnliches Zeug und stimmen die (täglich vom Computer gemessenen) Werte nicht, dann gibt es zum Frühstück nur Haferschleim statt Eier und Speck. Das ist zu künstlich, zu sehr auf Leistung getrimmt, da schürt sich (ähnlich wie bei „Gattaca“) schnell das Misstrauen.
Die Welt ist nach einer biologischen Katastrophe kontaminiert und es gibt außerhalb des Schutzturmes nur noch ein Refugium für die Menschen: Die Insel. Hierhin kommen nur Leute, die in einer Lotterie gewinnen, doch die Zahl der Verlosungen schwankt stark. Bei derartigen Umständen kommen auch Lincoln Six Echo Zweifel, denn „Die Insel“ zeigt sehr glaubwürdig, wie Lincoln nach und nach seine gewohnte Umwelt hinterfragt.

Bald erhärtet sich der Verdacht: Lincoln wird nach nicht konformem Verhalten kontrolliert, findet eine herein geflogene Motte (die es ja angesichts der Kontamination nicht geschafft haben dürfte) usw. Er schleicht sich durch einen Lüftungsschacht und findet das Unfassbare heraus: Er und seine Kumpane sind bloß Klone, die als Ersatzteillager für Wohlhabende dienen. Michael Bay versteht es in diesen Szenen zu schocken, denn Lincoln muss mit ansehen, wie zwei Klone ihrer grausigen Bestimmung zugeführt werden.
Lincoln beschließt mit seiner besten Freundin Jordan Two Delta (Scarlett Johansson) zu fliehen. Keine Sekunde zu früh, denn Konzernchef Merrick (Sean Bean) und seine Truppe sind ihm auf der Spur. Die beiden können entkommen, klettern in der Wüste aus dem Bunker. Doch wohin sollen sie nur?
„Die Insel“ ist ein erfreulich clever aufgebauter Science-Fiction-Thriller, der ähnlich gelagerte, futuristische Fluchtfilme der letzten Jahre (wie z.B. „Minority Report“ oder „Paycheck“) hinter sich lässt. Grund hierfür ist die Tatsache, dass „Die Insel“ enorm viel Drive besitzt: Michael Bay lässt selbst in der rund 40 Minuten dauernden Exposition, in der Lincoln langsam hinter das Geheimnis kommt, keine Langeweile aufkommen und erhöht nach der Entdeckung noch mal deutlich das Tempo. Die Geschichte besitzt genug Twists und Turns, um den Zuschauer mehr als zwei Stunden bei Laune zu halten, auch wenn die großen Überraschungen fehlen und man einige Wendungen schnell vorausahnt. Nur gegen Ende hätte man die Geschichte doch etwas straffen können.

Zudem erweist sich Michael Bay als fantastischer Actionregisseur, auch wenn diese Komponente hier weniger wichtig als in seinen früheren Filmen ist. Dafür bekommt der Zuschauer einige nette Fights, kurzen Schusswaffengebrauch sowie massig Verfolgungsjagden geboten. Die Highwayjagd weist zwar einige Parallelen zu Bays vorigem Oberkracher „Bad Boys 2“ auf, ist aber fast ebenso atemberaubend. Zudem kommt Bay mal wieder mit erfreulich wenig CGI-Einsatz aus und schrottet Vehikel und Requisiten was das Zeug hält. Nur im Showdown erweist sich die Action als ausbaufähig, denn hier fehlt einfach noch ein echter Knalleffekt, auch wenn das dort Gebotene ordentliche Actionkost ist (nur ein echter Höhepunkt ist es eben nicht).
Angereichert ist die Geschichte mit Humor und Gefühl. Ersteres tritt vor allem in der Gestalt des spöttisch-lässigen Technikers McCord (Steve Buscemi) zutage, der immer wieder für schräge Gags sorgt, aber auch Lincoln und Jordan haben ein paar komische Auftritte, wenn sie lernen müssen, wie man in der realen Welt zurechtkommt (herrlich: der Besuch in der Bikerbar). Gefühlvoll hingegen ist die Beziehung von Jordan und Lincoln, die sich langsam entwickelt. Beide sind mit künstlich unterdrücktem Sexualtrieb aufgewachsen, körperlicher Kontakt war zudem untersagt. So zeigt Bay überraschend einfühlsam, wie sich die beiden langsam näher kommen und mehr als bloß Freunde werden.

Nebenbei ist „Die Insel“ auch ein überraschend gelungener Beitrag zum Thema Klonen (deutlich besser als der vordergründige „The 6th Day“). Ernst wird die Frage gestellt, ob es vielen Menschen nicht recht wäre über so ein Ersatzteillager zu verfügen und ob das Schicksal der Klone ihnen nicht egal wäre. Viel eingegangen wird auf die Fragen nicht (soviel Tiefgang sollte es dann auch nicht sein), aber immerhin werden die Aspekte angerissen und der Zuschauer nicht mit plumpen Antworten abgespeist. Dabei wirkt das Szenario auch stets nahe der Realität, denn Bays Werk entfernt sich nicht allzu sehr in zukünftige Gefilde (wirkt quasi „Futureal“ um mit Iron Maiden zu sprechen): Lediglich kleine Gimmicks wie zwei Flugmotorräder oder eine Illusionsgenerator kennzeichnen „Die Insel“ als Sci-Fi.
Ewan McGregor und Scarlett Johansson liefern zudem sehr gute Vorstellungen als Klone mit aufkeimenden Emotionen ab, sodass man nicht meckern kann, auch wenn ein paar Nebendarsteller ihnen etwas die Show stehlen. Sean Bean beherrscht den Fiesling mal wieder aus dem FF, Steve Buscemi zieht seine übliche Geekrolle gekonnt vom Leder und Djimon Hounsou ist eh Charisma pur (der Mann rettete ja schon mittelmäßige Filme wie „Die vier Federn“ ein wenig). Leider recht wenig sieht man von Michael Clarke Duncan und Kim Coates, wobei letzterer als PR-Manager immerhin herrlich schmierig rüberkommt.

Unterm Strich bleibt ein spannender Sci-Fi-Thriller mit viel Drive und wenigen, aber dafür famosen Actioneinlagen. Gegen Ende geht leider etwas die Puste aus und dem Showdown fehlt der letzte Knalleffekt, doch schickes Blockbusterkino.

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