Michael Bay („Bad Boys“, „The Rock“) meets Anspruch. Das ist, als ließe man ein Kleinkind seine Einkommenserklärung ausfüllen. So glaubten die meisten jedenfalls bis „Bad Boys II“. Abgestempelt als Mann für hirnlose, zumeist patriotische Actionkost, hatte Bay seinen schlechten Ruf weg, konnte seinen Kritiker jedoch zumindest mit seinen stets überzeugenden Einspielergebnissen das noch während der Produktion sabbernde, längst sich einen Verriss zurechtlegende Maul stopfen. Nun floppt einer seiner Filme zum ersten Mal und schon verstummen die meisten seiner Kritiker? Warum? Keine Ahnung!
Ein Tapetenwechsel sollte endlich sein schlechtes Image begraben. Mit der Abkehr von Blockbusterproduzent Jerry Bruckheimer und dem Wechsel zu Steven Spielberg, der ihn persönlich für „The Island“ warb, wollte er einen Schlussstrich unter eine extrem erfolgreiche Zusammenarbeit ziehen und „einfach mal etwas anderes machen“, so Bay selber.
Tatsächlich ist sein neuster Film anders geworden und dennoch wieder typisch Bay. Allerdings im Vergleich zu seinen früheren Filmen eine gute Portion schlechter und das schreibe ich als einer seiner eisernen Verfechter.
Dem Thema „Künstliches Leben“ kann, wenn wir mal ehrlich sind, schon seit „Frankenstein“ nichts Bahnbrechendes mehr abgewonnen werden. Das gilt gleichermaßen für Klassiker wie „Blade Runner“, wie auch für den neueren „Minority Report“. Gleich ein Autorentrio versuchte sich nun an einem Spagat zwischen „The 6th Day“ und „Gattaca“, um einen Kompromiss zwischen ernsthafter Themenauseinandersetzung und dem Bayschen Actionorgien zu finden. Was die noch reichlich unbeleckten Schreiberlinge Caspian Tredwell-Owen („Beyond Borders“), Alex Kurtzman und Roberto Orci (beide seit „Alias“ groß im Geschäft, es warten „The Legend of Zorro“ und „Mission: Impossible III“) zustande brachten ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Zu allem Überfluss müssen sie nachträglich zudem vor einer völlig verfehlten Marketingstrategie kapitulieren, die bereits im Trailer vorweg die Pointe des Films verrät. Ich gehe nebenbei bemerkt in den noch folgenden Absätzen davon aus, dass
Achtung Spoiler!
der Leser darüber Bescheid weiß, dass jene Einrichtung nicht mehr als eine Klon-Fabrik darstellt.
Spoiler Ende!
Michael Bay ist ohnehin kein M. Night Shyamalan („Signs“, „The Village“), aber damit hat man auch ihm keinen Bärendienst erwiesen.
Immerhin, die stattlichen 122 Millionen Dollar Budget sieht man, wie man es von Bay mittlerweile auch erwartet, an. Sehr penetrantes Product Placement von Puma, Microsoft und Co. verhagelt (Calvin Klein fand ich dagegen intelligent eingesetzt) zwischendurch zwar mal die Stimmung, aber insgesamt haben wir hier wieder eine auf Hochglanz polierte Optik, glatt in den Ruhephasen, körnig in der Action. Farbfilter noch und nöcher, tolle Panoramaaufnahmen, im Grunde das, was ein Bay-Film auch ausmacht. Niemand kann so cool in Zeitlupe seine Protagonisten aus Fahrzeugen aussteigen lassen, so stylisch mit der Kamera um selbige kreisen und Luxuskarossen in dem Ausmaß so gekonnt zerlegen. Darin ist er ein Meister und seine Klasse bleibt er auch hier nicht schuldig. So sehr muss man sich visuell also nicht umstellen, denn da steckt noch viel von ihm drin.
Seine Standardmotive fährt er aber erst nach gut 50 Minuten auf, denn bis dahin versucht er sich an einem Science-Fiction-Szenario, das wenig Substanz vorzuweisen hat. Mit viel Humor versucht man dieses Manko zu kaschieren, was auch teilweise funktioniert, aber die überlange Exposition, die, als Bay dann zur Treibjagd bläst, ihre Existenzberechtigung verliert, hätte durchaus mehr diskussionswürdiges Material liefern dürfen. Die merkwürdige Ausnahme, dass lediglich Lincoln Six Echo (Ewan McGregor, „Trainspotting”, „Star Wars”) seine Welt hinterfragt, und die Antworten weit über das hinausgehen, was er eigentlich wissen dürfte, genießen einzig und allein Aufmerksamkeit. Für die Klone wird die Illusion erschaffen, dass die Außenwelt verseucht wurde, man nur noch innerhalb dieses Komplexes überleben kann und eine Verlosung darüber entscheidet, wer auf die Insel, das letzte Fleckchen unberührter Natur, das Paradies, reisen darf. Der tägliche Tagesablauf, die monotone Arbeit, die ewig gleichen Klamotten, die Abende in Szene-Bars (voller gesunder Fruchtsäfte, etc) und die Tatsache, dass Lincoln Six Echo sich nicht so ernährt, wie er muss, erscheinen da nur als Füllstoff, um Anlauf für die Actionorgie zu nehmen. Wahrhaft interessante Fragen werden bis dahin jedenfalls nicht aufgeworfen und wirkliche Charaktere bleiben uns sowieso vorenthalten.
Inhaltlich bleibt „The Island“ bis auf einige wenige Szenen zu beliebig. Wenn, dann muss schon Doctor Merrick (Sean Bean, „Ronin“, „Troy“) anwesend sein, um etwas zu bewegen. Bean, der bis Mitte der Neunziger in Filmen wie „Patriot Games“ oder „GoldenEye“ hervorragende Bösewichter mimte, danach etwas in der Versenkung verschwand und dank „The Lord of the Ring“ wieder dick im Geschäft ist, gibt den Projektleiter mit der nötigen Hingabe, gepaart mit Skrupellosigkeit und einem Gott-Komplex. Wenn er vor dem Kamin sitzt, ein Glas Wein an die Lippen führt und seinen Blick nachdenklich in die Ferne schweifen lässt, dann hat so ein Moment mehr Aussagekraft als bei manchen Kollegen Taten oder minutelang dauernde Hassansprachen. Neben offensichtlicher Kritik an Hollywoods Schönheitswahn darf er zudem den leider viel zu kurzen, besten und ehrlichsten Dialog des Films mit dem moralischen Jäger Albert Laurent (Djimon Hounsou, „Gladiator“, „Dead Weight“) aufsagen. Erfreulich, dass Hounsou, den ich sehr gern mal in einer großen Hauptrolle sehen würde, „The Island“ so unendlich veredelt. Der Mann hat eine sparsame, aber sehr ausdrucksstarke und entschlossene Mimik, erhält aber meist nur Nebenrollen und gefiel mir schauspielerisch ehrlich gesagt am Besten.
Es dämmert Lincoln Six Echo, dem sein Leben immer suspekter erscheint, dass hier etwas nicht zu stimmen scheint, weil man ihm zu viele Fragen nicht beantworten kann. Merrick betont mehrmals, dass Klone keine Menschen seien, aber die menschliche Neugier konnte er ihnen nicht stehlen und so nimmt das Schicksal nach einer für Lincoln Six Echo traumatischen Erfahrung seinen Lauf. Zusammen mit seiner Freundin (Ich nenn’ das mal so, obwohl dort Beziehungen untersagt sind) Jordan Two Delta (Scarlett Johansson, „The Horse Whisperer“, „Lost in Translation“) tritt er die Flucht nach draußen an.
Selbst unter Michael Bay scheint der Kameramann, in diesem Fall Mauro Fiore („Training Day“, „Tears of the Sun“), von seltsamen Muskelzuckungen befallen zu werden. Es nervt einfach, wenn die Jungs ihre Steady-Cams nicht mehr ruhig halten können, alles verwackelt und man nichts mehr erkennt. Vielleicht ist so etwas ja heute trendy und soll ein „Mittendrin statt nur dabei“ – Feeling beim Zuschauer heraufbeschwören, aber mich nerven diese Wackeleien nur noch und ich hoffe, dass diese Unart endlich ein Ende findet. Es hält sich bei „The Island“ zwar noch im Grenzen, aber es gibt, besonders während der Flucht aus dem Fabrikkomplex, einige Momente, wo ich Fiore am Liebsten sein Arbeitsgerät um die Ohren gehauen hätte.
Der Weg über die Freiheit führt nicht nur über eine beängstigend albtraumhafte, riesige Halle voller heranwachsender Klone und eine giftige Wüsten-Klapperschlange (Da fiel mir spontan eine biblische Verbindung zu Adam (Ewan) und Eva (Scarlett) ein...), sondern auch Steve Buscemi („The Big Lebowski“, „Armageddon“), der mit einer seiner unverfälschten Nebenrollen ein humoristisches Highlight setzt. Sein Ego McCord (Man beachte in seinem Unterschlupf die Hula Hula Tänzerin, die Nicolas Cage einst aus langer Weile in „The Rock“ abfackelte) stellt so etwas wie den Aufklärer dar, der es mit Klonen auf dem geistigen Niveau von 15jährigen zu tun und deshalb mit den beiden deswegen seine Liebe Müh’ und Not hat. Wie soll er ihn denn das jetzt nun erklären? Er befindet sich in einem Zwiespalt! Gewissen befreien oder den Job in der Klonfabrik riskieren?
Im übrigen schleichen sich bereits an dieser Stelle dann erste Logikfehler ein, aber man kann darüber hinwegschauen. Jedenfalls hat das flüchtige Duo, das mit der realen Umwelt (insbesondere Alkohol) gerade einmal erste Erfahrungen sammelt, so seine Probleme. Auf dieser Tatsache reitet der Film dann auch sehr ausführlich herum und den Witz damit zu Tode. Die abstrakten Vergleiche mit Kuh und Hamburger, die passende Kleiderauswahl für Jordan Two Delta und die ähm Frau, die einfach nur nett sein wollte (*gg*) sind allerdings schon ein paar Lacher wert. Leider wird Buscemi sehr abrupt und unwürdig aus der weiteren Handlung geschrieben, denn die ist dann fast nur noch eine reine Actionorgie.
Davon zumindest versteht Bay etwas und ist voll in seinem Element. Hinter den beiden ist Laurent mit seinem Team (u.a. der bärtige Gary Nickens aus „Bad Boys II“) her. Die Jungs verfügen über eine hochtechnische Ausrüstung, eine perfekte Tarnung (Egal, ob S.W.A.T. oder Police, anzugmäßig alles am Start) und die hartnäckige Professionalität, um die Klone im futuristisches Los Angeles aufzuspüren. Also kann der Mann, der mit „The Rock“ den wohl besten Actionthriller der Neunziger drehte, loslegen und er tut es exzessiv. Die Autoverfolgungsjagd auf dem Freeway sorgte bereits im Trailer für sabbernde Münder, sie stellt auch das Actionhighlight des Films dar und doch enttäuscht sie, weil sie nahezu eine Kopie der selben Szene aus „Bad Boys 2“ , mit dem Unterschied, dass dieses Mal nicht Luxusautos, sondern Zugachsen von einem Transporter gerollt werden. Das schaut zwar immer noch klasse aus, aber speziell von Michael Bay, der dem Actionfilm einmal eine neue Richtung wies, hätte ich doch etwas mehr erwartet. Wo bleiben die Innovationen, die seine Filme hinsichtlich der Actionorgien auszeichneten? Nicht mal der luftige, leider auch schon aus dem Trailer bekannte Absturz mit dem „R“ – Firmenlogo kann sich aus der Masse herausheben.
Überraschen kann „The Island“ dafür mit seinem für einen PG-13-Film relativ hohen Härtegrad, der den Einsatz einer Nagelpistole und eines Skalpells erlaubt. Nicht alltägliche Szenen in einer auch auf das junge Publikum abzielenden Produktion. Speziell Michael Clarke Duncan („The Green Mile“, „Armageddon“), der leider nur zwei Szenen abbekommen hat, muss einiges durchmachen.
Der Flop, der „The Island“, wie sich anhand der mageren U.S.- Einspielergebnisse unschwer feststellen lässt, nun geworden ist, lässt sich summa summarum nicht erklären, denn für einen anspruchslosen Kinoabend kann er als brauchbar bewertet werden. Mit „xXx – State of the Union“ lässt er sich nicht vergleichen, aber der Film zielte auf ein ähnliches Publikum ab und ging auch unter. Vielleicht sind solche Filme derzeit nicht gefragt. Die gleiche Sprache spricht „Stealth", der ja nun auch weit hinter den Erwartungen zurückbleibt, jedenfalls auch.
Fakt ist jedenfalls, dass „The Island“ sein Versprechen nicht einlösen konnte, Unterhaltung mit Anspruch zu kombinieren. Speziell die Leistungen der beiden blass bleibenden Hauptdarsteller Ewan McGregor und (vor allem) Scarlett Johansson waren sehr enttäuschend, wobei ihre Figuren auch nichts hergeben. Lincoln Six Echo entwickelt sich auf seiner Neugier halt rasend schnell und Jordan Two Delta, obwohl die Neugier weggezüchtet, darf Erfahrungen sammeln. Prophylaktisch noch die Romanze zwischen den beiden dazu. That’s it. Wobei die Entwicklung von Freundschaft zu Liebe gar keine Rolle spielt und plötzlich vollzogen ist.
Selbst der erwartete Schlusskampf Schöpfer vs. Schöpfung wirkt wie obligatorisch angehängt und zwingt die Laufzeit auf Überlänge. Schon nach der Verfolgungsjagd geht „The Island“ kontinuierlich die Luft aus, denn von da an bleibt er ein in höchstem Maße akzentfreier, ambitionsloser Sommerblockbuster, der ein wenig Krach machen will. Die Unplausibilitäten häufen sich (Man hat die nötigen Erinnerungen um Autos zu fahren, weiß aber nicht was Sex ist?), die Diskrepanz zwischen futuristischen Institutionen und der in unserer Zeit noch festhängenden Umwelt will nicht fließend ineinander übergehen. Mich beschlich das Gefühl, als wollte man die letzten Minuten nur noch heil über die Bühne bekommen, bevor man konturlos versandet.
Fazit:
„Ich wünschte, da wäre mehr“, sagt Ewan McGregor zu Beginn so treffend und fasst damit den Film und meine Meinung in einem Satz zusammen. Die kritischen Ansätze sind vorhanden (z. B.: Züchten von reinen komatösen Organträgern nur kurzfristig möglich, daher müssen sie leben. Moralisch vertretbar?) und ich erwarte von einem Bay-Film auch gar nicht, dass daraus eine brisante Diskussion entfacht wird, aber dann alles im Dienste des Actionfeuerwerks zu opfern, ist eine Frechheit. Fraglos, Bay bürgt für in Qualität in seinen Actionszenen, aber da ist dieses Mal nichts dabei, was mich aus dem Kinosessel gehauen hat. Viel geht zu Bruch, Autos segeln durch die Gegend oder überschlagen sich, Steve Jablonsky („The Texas Chainsaw Massacre“, „Team America: World Police“) knüppelt seinen meist unauffälligen Score dazu und die Optik ist farbenfroh hochglänzend poliert, aber im ohnehin enttäuschenden Kinojahr 2005 braucht es einfach etwas mehr, um letztlich, vor allem auf dem Actionsektor, zu überzeugen. Etwas schade, um die gut spielenden Sean Bean und Djimon Hounsou, die dem Film genau die schauspielerischen Schübe liefern, zu denen Protagonisten-Duo nicht in der Lage ist.
Damit ist es also an der Zeit, dass Frank Martin alias Jason Statham mit „Transporter - The Mission“ durchstartet. Meine letzte Hoffnung...