Klon-Grusel in der nahen Zukunft oder wie es hie und da zu hören war: „Flucht ins 23.Jahrhundert“ trifft „Gattaca“ trifft „Matrix“, wobei letzteres allerdings höchstens im Rahmen der Actionsequenzen zutrifft.
Das muß nicht schlecht sein, aber „Die Insel“ schleppt die Hypothek mit sich herum, von Michael Bay inszeniert zu sein, dem Spezialisten für pumpende Breitwandaction, bei gleichzeitiger Unfähigkeit zu kohärenten Geschichten, glaubwürdigen Emotionen oder der mindesten Logik, von der Geschichtsfälschung bei „Pearl Harbour“ mal ganz zu schweigen.
In diesem Fall konnte er da zumindest nichts anrichten und wenn es etwas durch und durch Positives zu berichten gibt, dann daß er wenigstens auf handwerklichem Gebiet immer noch Brauchbares zu liefern in der Lage ist.
Vom Start weg macht einem dieser SF-Thriller dann auch ein bißchen Mut, wenn man Ewan McGregor und Scarlett Johannson in ihrem kleinen Utopia der weißen Anzüge und des markenbewußten Product Placement (das im übrigen selten aufdringlicher und vulgärer eingearbeitet wurde) leben und arbeiten. Man wird kontrolliert, überwacht und darf sich doch amüsieren – nur eben Berührungen und Emotionen sollten außen vor bleiben (bis auf freundschaftliche Gefühle).
Natürlich steckt da Finsteres dahinter, denn alle die, die in der „Lotterie“ gewinnen und auf die sagenumwobene Insel, das letzte angeblich nicht kontaminierte Paradies, reisen können, werden als Organspender oder Leihmutter ausgeweidet und anschließend umgebracht. Na denn Prost.
Rein optisch ist das zwischen Idylle und menschenverachtender Grausamkeit angesiedelte Szenario schön zu goutieren, nur erzählerisch harkt es etwas.
Was nicht zuletzt daran liegt, daß der Film nämlich eigentlich nichts zu erzählen hat. Der Clou des Films ist eben einzig und allein die Decouvrierung der Bewohner als Menschenmaterial. Ist diese Katze erst mal aus dem Sack – und das dürfte den meisten Besuchern eh bewußt sein, wenn sie Zeitung lesen oder einen Trailer gesehen haben – bleibt dem Film nichts mehr an erzählerischer Substanz.
Denn es handelt sich nicht um eine breitwandige Verschwörung, die aufgedeckt werden muß, während draußen die Welt mit kleinen Veränderungen zu unserer jetzigen Gegenwart einfach normal weiterläuft, sondern ist das Geheimnis des innersten Kerns einer Firma, die ihren Kunden schlichtweg verschweigt, daß sie das „Material“ eben doch aus Haltbarkeitsgründen zu einer sozialen Gemeinschaft zusammenwachsen lassen muß.
So bleibt die Anzahl der Gegner relativ überschaubar, ein Finsterling im Hintergrund und viele Erfüllungsgehilfen, die am Ende wohl nicht mal sühnen müssen, dafür nimmt sich der Film zu positiv oder zu neutral.
Und wie es denn so sein muß, um die Spielzeit voll zu bekommen, wird aus dem Restfilm eine gigantische Verfolgungsjagd, in dem unsere Adam samt Eva vor einer allgewaltigen Einsatztruppe fliehen müssen, die sie einfach nur ausschalten wollen. Also viel Flucht, Schießereien und einige Action-Set-Pieces, die sich aber manchmal, wie bei dem Sturz vom Hochhauslogo, wie bei Bay üblich der Lächerlichkeit preisgeben.
Manche Momente sind tatsächlich großes Actionkino, wie die Verfolgungsjagd auf dem Highway, aber der Showdown z.B. bleibt deutlich hinter den Ansprüchen zurück, mehr Materialschlacht als Katharsis.
McGregor und Johannsson werden mit ihren Rollen wohl kaum Lob ernten, denn sie sind beide nicht „credible“ genug, um diesen Film aus seiner wohlverdienten Mittelmäßigkeit zu reißen. Mir persönlich war es ein Vergnügen, mal unverbrauchte Gesichter in so einem Blockbuster zu sehen, aber das anämische Skript gibt ihnen selten Gelegenheit auch nur einen Hauch von Profil zu entwickeln. Die Dialoge sind Stückwerk, das „Erwachen und Lernen“ dieser neuen Menschen schwankt zwischen schonungsloser Naivität und überraschendem Professionalismus und für ein paar One-Liner und Schmunzler ist auch noch gesorgt worden, damit es nicht gar zu ernst wird.
Daraus wird schon ersichtlich: der Zuschauer hat es mit einem perfekt zugeschnittenen Konfektionsfilm zu tun, der ein Minimum an Anspruch mit einem Maximum an äußeren Reizen verbinden soll. Dumm, aber kurzfristig unterhaltsam. Ändert jedoch nichts daran, daß es hier so gut wie keine Aha-Momenten gibt, sondern hier nur Standards abgenudelt werden, was schade ist, denn zumindest die Organentnahme-Sequenz macht ein flaues Gefühl in der Magengrube.
Warum dann alles wieder seelenloser Action geopfert wird, kompetent aber ohne Innovation, das weiß Michael Bay wohl nur allein.
Und so ist „Die Insel“ dann doch nur ein Schatten kontroverser SF der 70er, umgesetzt mit dem Geld des neuen Jahrhunderts. Das letzte Wort in Sachen Klonen ist also noch nicht gesprochen und die Realität ist immer noch schlimmer als alles, was sich Filmemacher mit Geld erdenken können. „Plane deine Flucht“ steht auf den Plakaten – ganz so schlimm ist es nicht geworden, aber da weiß man gleich, auf welcher Filmhälfte das Hauptaugenmerk lag. (6/10)