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Action- und Pathos-Fanatiker Michael Bay (Armageddon) sagt sich für "Die Insel" von seinem Mentor und Spezi Jerry Bruckheimer los - und siehe da: der Mann kann es auch ohne Daddy! Denn "Die Insel" wurde von Steven Spielbergs DreamWorks-Studios produziert, und der ehemalige Videoclip-Regisseur kann nun endlich beweißen, dass er mehr Zustande bringen kann als auf Hochglanz geleckte, hohle und vor Pathos triefende Actionburner der Marke "Armaggedon" und "Pearl Harbor".

Mitte des 21. Jahrhunderts leben Lincoln Six-Echo (Ewan McGregor) und Jordan Two-Delta (Scarlett Johansson) in einer hermetisch abgeschotteten High-Tech-Wohnanlage. Sie alle hoffen irgendwann auf "Die Insel" reisen zu dürfen: die letzte unverseuchte Oase auf der Erde. Doch dann entdecken sie, dass alles nur eine große Verarsche ist: Sie sind Klone, die nur so lange leben, bis sie als menschliche Ersatzteillager ihren wahren Zweck erfüllen. Deshalb wagen sie die Flucht und müssen sich plötzlich in einer fremden Welt zurechtfinden, während ihnen eine Truppe bewaffneter Söldner unter der Führung von Laurent (Djimon Hounsou) immer dicht auf den Fersen ist...

Schon beim Cast beweißt Michael Bay hier ein gutes Händchen und besetzt statt einen muskelbepackten Übermenschen a'la Vin Diesel oder The Rock einen physisch eher durchschnittlichen Menschen in der Form von Ewan McGregor (Black Hawk Down), der sowohl den Klon als auch den echten Lincoln ideal verkörpern kann. So wird durch McGregors Teilnahme auch mehr auf Schauspielerei gesetzt als auf einfaches Rumgeballere und Macho-Getue, wie man das sonst von den Figuren der Bay-Werke gewohnt ist. An McGregors Seite darf die nicht weniger talentierte Newcomerin Scarlett Johansson (Arac Attack) agieren, die nicht nur verdammt gut aussieht sondern auch mehr von mimischer Veränderung versteht als Kolleginnen wie Tara Reid oder Denise Richards. Sean Bean (Equilibrium) darf hingegen mal wieder den fiesen Sack raushängen lassen, während Djimon Hounsou (Gladiator) als Verfolger seine Sache recht gut macht. In Nebenrollen sind dann noch Steve Buscemi (Con Air), Kim Coates (Bad Boys) und Michael Clarke Duncan (Daredevil) zu sehen. Nur schade, dass Letzterer zu wenig Screentime hat.

Mit Werken wie "Minority Report", "I,Robot" oder "A.I. - Künstliche Intelligenz" wurde sich in den letzten Jahren schon mehrmals an intelligenten SciFi-Stoffen versucht, um wieder einen Klassiker im "Blade Runner"- oder "Total Recall"-Breich zu erschaffen. Sowohl bei den beiden Spielberg-Produkten als auch bei dem Will Smith-Streifen ging die Rechnung nicht auf. Zwar wurde bei allen drei Filmen auch auf eine halbwegs intelligente Story gesetzt, die aber dann größtenteils von geleckten CGI-Aufnahmen, ständigen Produkteinblendungen und zu wirren Dialogen überfrachtet wurde. Auch "Die Insel" hat einige dieser Merkmale, wenngleich sie hier nicht so dermaßen mit dem Holzhammer serviert werden. Von Produktplatzierungen ist hier von Puma bis Celvin Kline einiges dabei, auch wenn Letzterer recht originell eingesetzt wurde. Keimfreie CGI-Aufnahmen gibt es glücklicherweise weniger und auch die komplizierten Dialoge halten sich in Grenzen. Dafür dürfen in der ersten Filmhälfte vor allem die Handlung sowie die Charaktere in den Vordergrund treten, ehe Michael Bay den Turbo Boost einschaltet und ein astreines Actionfeuerwerk abfackelt. Auch wenns hierbei nicht in einem bombastischen Rundumschlag in "Bad Boys 2"- oder "The Rock"-Form ausartet, weiß Bay wie er auch die etwas weniger eingesetzte Action in Szene setzen muss. Einiges geht zu Bruch, es wird durch die Gegend geballert, Blechschäden stehen an der Tagesordnung und etwas Fratzengeballer ist auch noch drin - typisch Bay halt! Alles verpackt in einem gesunden Härtegrad, der nicht in "Bad Boys 2"-Brutalitäten ausufert, sondern überwiegend unblutig, dennoch anschaulich ins Bild gesetzt wurde. Und wie so oft in den Werken Michael Bays dürfen auch Hubschrauber und teure Karren nicht fehlen. Somit ist die zweite Filmhälfte eindeutig Bay-Revier, während der Mann zu Beginn noch in ihm einigermaßen unbekannten Gewässern fischt, zumal eine clevere Story in seinen vorherigen Streifen eher zweit- oder sogar drittrangig war. So weiß "Die Insel" im ersten Teil durch seine Charaktere, deren Umgebung und den Handlungsablauf zu unterhalten, während im zweiten Teil auf Action gesetzt wird, auch wenn mir persönlich im Finale zu wenig Äktschen dominiert und der Finsterling am Ende lediglich am Seil paumeln darf. Overkills sucht man hier vergebens, was wiederum der Handlung zugute kommt. Ein weiterer Pluspunkt sind dann noch die abwechslungsreichen Locations. Für die nötige Portion Spannung sorgen dann noch Lincolns Konfrontation mit seinem Original sowie die Hetzjagd auf die beiden Klone. Humor kommt nur geringfügig vor, was alllerdings nicht stört, da meistens ein ernster Ton herrscht. Abzüge gibt es hingegen für den Score, da man irgendwie die heroischen Klänge aus dem Hause Hans Zimmers vermisst, die vor allem "The Rock" noch eine Spur eindrucksvoller gemacht hatten.

Am Schluss kann man sagen, dass "Die Insel" zwar keinen Kultstatus a'la "Blade Runner" und "Total Recall" beanspruchen kann, aber dennoch eine ganze Ecke unterhaltsamer ist als die Spielberg-Machwerke "Minority Report" und "A.I. - Künstliche Intelligenz". Zudem markiert der Film auch eine deutliche Weiterentwicklung Bays in die positive Richtung. Hoffen wir mal, dass er sich nicht wieder von Mentor Bruckheimer zu solchem Pathos-Trash wie "Pearl Harbor" breitschlagen lässt, der einst schon den Untergang Michael Bays als Regisseur prophezeite. Glücklicherweise konnte der Mann sich mit dem kernigen Actioner "Bad Boys 2" und nun eben "Die Insel" wieder an sichere Ufer retten. Dass die Versuche eines begnadeten Action-Genies sich in fremden Gefilden zu profilieren, auch mächtig in die Hose gehen kann, hat uns ja John Woo mit seinem "Paycheck" bewießen. Michael Bay hat diesen Balanceakt jedoch gut gemeistert und gezeigt, dass doch noch mehr in ihm steckt. Man darf also auf seine zukünftigen Projekte weiterhin gespannt sein...

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