So, nachdem jetzt sogar zweitrangige Figuren des Marvel-Universums wie Elektra zu Kinoweihen gekommen sind, war es wirklich überfällig, dass das dienstälteste Heldenteam aus dem "Haus der Ideen" auf der Leinwand aufräumt. Und sie machen das so erfrischend, das man ihnen ihr Alter (erschaffen 1961) gar nicht ansieht.
Und das dem so ist, lässt mich wirklich gewaltig aufatmen, denn als mir erstmalig zu Ohren kam, dass Tim Story, verantwortlich für Filmchen wie NEW YORK TAXI, Regie führen würde, rutschte mir mein Fanboy-Herz glatt in die Hose. Sam Raimi, Bryan Singer, Ang Lee, das sind auf ihre Art allesamt visionäre Regisseure mit unverwechselbarem Stil, und nun Tim wer? Konnte das gut gehen?
Es kann, wenn man sich eines vor Augen hält: Die Fantastischen Vier sind in einer Zeit entstanden, als Stan Lee und Jack Kirby Marvels Markenzeichen, nämlich Superhelden mit Macken, noch nicht komplett ausgeformt hatten. Das kam dann erst später, als jeder der Helden ein körperliches oder emotionales Defizit verpasst bekam. Doch die Vier, die waren noch Helden aus dem Bilderbuch, wenn man vielleicht mal von Ben absieht. Bei ihnen stand erst die Weltrettung an, und dann ging es ab auf die Psycho-Couch, wenn überhaupt. Auch heute noch gehören ihre Abenteuer zu den witzigsten und unbesorgtesten aus dem Hause Marvel.
Und so betrachtet ergibt das auch Sinn: Der jugendliche Übermut Peter Parkers eingefangen von einem Raimi, der filmtechnisch ebenso tollkühn zu Werke geht; eine Team-Geschichte wie die der X-Men, umgesetzt von einem Regisseur wie Singer, der seit USUAL SUSPECTS Spezialist für Gruppendynamik ist; die emotionale Schwere und Tragik eines Monsters mit Vaterkomplex alias Hulk, vermittelt vom Meister des Familiendramas Ang Lee, und nun eben die deutlich leichtere Geschichte eines tapferen Teams ohne viel Aufhebens, unter der Kontrolle eines Regisseurs, der sich auf lockere Unterhaltung versteht. Hier geht es um Spaß. Sommer-Blockbuster voraus, Gentlemen, start your Popcornbecher!
Als Fan fragt man sich natürlich vor allem, ob man seine Helden auch wieder erkennt, und da darf man hier ganz unbesorgt sein: Reed ist genauso verkopft und bindungsängstlich wie in der Vorlage, Sue ist die gute Seele des Teams und staucht auch schon mal, wenn nötig, alle zusammen, Johnny geniesst sein Heldendasein und Ben hadert mit seinem Aussehen und gerät bei jeder Gelegenheit mit Johnny aneinander. Wirklich schön, als würde man die Hefte lesen. Gut, dass Marvel bei den neueren Verfilmungen immer den Finger auf der ganzen Sache hat. Da streckt sich Mr. Fantastic in seinem Labor in alle Himmelsrichtungen, Johnny spielt Ben pausenlos Streiche und Sue schwankt zwischen ihrer offensichtlichen Zuneigung zu Reed und ihrer Verbindung zu von Doom. Stichwort Bösewicht: Doom ist eine ganz fiese Socke, aber der selbstgerechte Herrscher des Landes Latveria ist er hier natürlich noch nicht, weswegen er nicht mit den Eigenschaften punkten kann, die ihn in den Comics so unverwechselbar machen, sondern eher wie "Evil-Electricity-Man" daher kommt, der seine Gegner fies aus der Wäsche schauend mit Stromstössen grillt. Das muss einem nicht gefallen, aber wir haben es hier ja auch schließlich mit der Einführung der Helden zu tun, und erstens hat man ja gesehen, wie sich X2 gegenüber X-MEN gesteigert hat, und zweitens hört man am Ende des Films ja auch Latveria trapsen...
Wie gesagt, es ist eine Einführung, da kann man keine verschachtelte Handlung erwarten, sondern will die Helden sehen, die ihre Fähigkeiten kennen lernen. Zugegebenermassen kann man auch beides vollbringen, wie Sam Raimi mit SPIDER-MAN, aber deswegen ist dieser Film ja auch zum Welterfolg geworden.
Und man kommt auch nicht dazu, große Dramaturgie zu vermissen, denn hier geht es laut und schnell zu. Die Special-Effects verraten manchmal zwar das verhältnismäßig kleine Budget (Reeds Dehnungen schwanken zwischen "genau-so-muss-das-aussehen!" und "muss-das-so-aussehen?" und die Raumstation hätte auch ein wenig schöner umgesetzt werden können), und Bens Kostüm ist vielleicht nicht soo beeindruckend (apropos: dicke Stein-Augenbrauen, die braucht er!) aber der unbeschwerte Ton der Vorlage sollte einem eigentlich den Wind aus den Kritik-Segeln nehmen. Hier geht es viel zu aufgekratzt zu, das Ziel heisst Unterhaltung, und das wird erreicht. Und ausserdem gibt es ja auch schöne Effekte, wie beispielsweise Sues Unsichtbarkeit und Kraftfelder.
Die Schauspieler sind in ihren Rollen allesamt glaubwürdig, speziell Chris Evans und Michael Chiklis atmen deutlich den Geist ihrer gezeichneten Vorbilder. Aber ihr permanentes Gerangel ist ja auch eine dankbare Grundlage für Zuschauersympathien. Gruffudd hat den Reed-Blick, diese Mischung aus stets-beschäftigt-sein und Verantwortung für sein Team, voll drauf und Jessica Alba ist entgegen meiner Befürchtungen eine gute Sue. Und das, obwohl ich sie nun WIRKLICH nicht unsichtbar erleben will...
Tja, und da Marvel ja schon einen regelmässigen Film-Output angekündigt hat, darf man sich wohl auf baldige Fortsetzung freuen, die dann dramaturgisch und "effektisch" noch ein paar Schippen drauflegt. Bis dahin bleibt ein ungemein unerhaltsamer, nicht übermäßig fordernder "Schau-mich-weg"-Blockbuster, der nicht nur Comic-Fans gefallen dürfte, sondern auch all denjenigen, die Pixars Inspiration für die INCREDIBLES kennenlernen wollen.
It´s clobberin´time, dafür 8 von 10 gedehnten Fingern.