„Eine Frau, die sich hingibt, die muss ein Geschenk sein und keine zusätzliche Belastung!“
„La Boum“ dürfte der größte Erfolg des französischen Regisseurs Claude Pinoteau („Die Ohrfeige“) gewesen sein. Die Coming-of-Age-Liebeskomödie aus dem Jahre 1980 entstand nach einem Drehbuch, das die Oscar-prämierte Autorin Danièle Thompson zusammen mit Pinoteau verfasste, und machte die debütierende, erst 13-jährige Sophie Marceau zum Star.
Vic (Sophie Marceau), unschuldige 13 Jahre jung, beginnt zu pubertieren und somit sich für Partys und Jungs zu interessieren. Gerade erst ist sie mit ihren Eltern François (Claude Brasseur) und Françoise (Brigitte Fossey), einem Zahnarzt und einer Zeichnerin, von Versailles nach Paris gezogen, rechtzeitig zum Beginn des neuen Schuljahrs. In Pénélope (Sheila O'Connor) findet sie eine Freundin, die bereits Erfahrungen mit Jungs hat. Deren kleine Schwester Samantha (Alexandra Gonin) schwärmt für Vics Vater, der seine Ehe aufs Spiel setzt, indem er seine Frau mit einer Parfümhändlerin betrügt. Vic wiederum schwärmt für Mathieu (Alexandre Sterling), den sie auf einer Party kennengelernt hat. Ihre Eltern beschließen, sich eine Auszeit zu nehmen, in der die schwangere Françoise mit Vics Englischlehrer anbändelt und sich ansonsten voll aufs Cartoon-Zeichnen für eine Zeitung konzentriert. Vic geht mit Mathieu aus und entwickelt eine romantische Beziehung zu ihm, muss jedoch herausfinden, dass er eigentlich eine andere hat. Trost, Halt und kluge Ratschläge findet Vic in dieser turbulenten Zeit bei ihrer aufgeweckten, nonkonformistischen Urgroßmutter Poupette (Denise Grey). Gibt es eine gemeinsame Zukunft für Vic und Mathieu? Und werden sich Vics Eltern wieder zusammenraufen?
Im Mittelpunkt des Films steht zwar eindeutig Vic, im Gegensatz zu diversen anderen Coming-of-Age-Filmen ist die Erwachsenenwelt dennoch sehr präsent. Mit der Marceau fand man eine goldige Hauptdarstellerin, deren Leben sich seit dem Umzug allen elterlichen Zerwürfnissen zum Trotz hauptsächlich um Partys und Jungs dreht: Die Partys sind zu wichtigen sozialen Ereignissen in der Welt der Heranwachsenden avanciert, auf denen nicht nur eitles Schaulaufen betrieben und sich amüsiert wird, sondern wo wichtige Entscheidungen getroffen und die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Auf der ersten Party (bzw. Fete, wie der deutsche Verleih sie nannte) lernt sie Mathieu kennen, auf der zweiten, Vics Geburtstagsparty im eigenen Hause, auf die der Film seit dem Ende der ersten Party zusteuert, wirft sie sich bereits dem Nächstbesten (Olivier Gins) an den Hals – verdammte Pubertät!
Vergessen ist da der ach so große Kummer, den Mathieu ihr bereitet hat, fatalistischer Sprüche inklusive. Die Sprunghaftigkeit der Jugend wird damit ebenso illustriert wie ihre Unberechenbarkeit sowie das stete Wechselbad der Gefühle. Grandios die zuckersüßen Szenen, in denen Vic verschiedenste Outfits für die Party ausprobiert und in diesen posiert. Hinzu gesellen sich einige gelungene, meist situationskomische Gags, aber auch ein paar unglaubwürdige Szenen der Jungdarstellerinnen zugunsten albernen Klamauks. Mitunter ist „La Boum“ seiner Zeit voraus bzw. ein perfektes Bindeglied zwischen den 1970ern und den 1980ern: Zwischen „Lacoste“-Schleichwerbung spielt nicht nur eine Rollschuhdisco eine Rolle, nein, Vic verfügt sogar über die technische Innovation schlechthin, den damals letzten Schrei: einen Walkman! Auf diesem läuft natürlich Richard Sandersons verträumte „Dreams Are My Reality“-Schnulze, die auf den Film hin die Charts stürmte und 1987 nach der deutschen „La Boum“-TV-Premiere (ja, so lange konnte das damals noch dauern) hierzulande sogar Platz 1 der Single-Charts erklomm. Ansonsten hat es erfreulicherweise auch 2-tone-Ska in den Film geschafft, der z.B. auf Vics Party läuft, zur Freude der skankenden Gäste. Apropos: So wie in diesem Film waren unsere Hauspartys früher nie – anstatt kontrolliert zu tanzen wurde gesoffen, was die Vorräte hergaben, und anschließend meist durchgedreht. Vic und ihr Freundeskreis sind diesbzgl. dann doch etwas anders gepolt…
Ein erwachsenes Publikum dürfte sich durchaus auch für Vics Probleme und ihre Bekanntschaften interessieren, vor allem jedoch mitfiebern, ob es François gelingen wird, seine Frau zurückzugewinnen. Zwischenzeitlich wirkt es so, als wolle der Film seinem verheirateten weiblichen Publikum als Aussage mitgeben, doch bitte ihren untreuen Gatten zu verzeihen, was später jedoch wieder relativiert, wenn nicht negiert wird. Allem Humor zum Trotz wird dieses Thema durchaus ernstgenommen, das Drehbuch macht es diesbzgl. niemandem leicht. Dass „La Boum“ fast all seine Figuren ernstnimmt, ist neben dem bestens aufgelegten Ensemble vielleicht das größte Pfund des Films, der dadurch sowohl Verklärung als auch Überzeichnung gekonnt umschifft und zu verstehen gibt: Das Leben ist hart, aber nicht aussichtslos.