Robert Siodmaks „Die Wendeltreppe“ kam im Nachkriegsdeutschland um 1946 nicht sonderlich gut an, Kritiker beschimpften sein Werk als geschmacklos und widerwärtig und das Publikum fühlte sich bei den Motiven des Killers allzu sehr an die Euthanasie der Nazis erinnert: „Ich habe die Aufgabe, die Welt von allem, was schwach ist, zu befreien.“ Dabei vergaß man offenbar, dass Siodmak teilweise jüdischer Abstammung war und früh aus Nazideutschland fliehen musste.
„Die Wendeltreppe“ drehte er in den USA und schuf damit einen überaus spannenden, wenn auch nicht perfekten Film Noir.
Zuschauer, die atmosphärische Grusler der Marke „Bis das Blut gefriert“ bevorzugen, werden aber hieran ihre Freude haben.
Eine amerikanische Kleinstadt um die Jahrhundertwende: Ein Serienkiller hat es auf Frauen mit körperlichen Beeinträchtigungen abgesehen.
So könnte auch Helen, die stumme Angestellte von Mrs.Warren, welche bettlägerig in einem weitläufigen Landhaus wohnt, das nächste Opfer sein.
Noch bevor sie ein junger Arzt zur Abreise überzeugen kann, geschieht ein Mord im Haus.
Siodmak schafft von Beginn an eine bedrückende Atmosphäre. Helen sieht sich im Kino einen Stummfilm an – herrlich symbolträchtig, wie sie den Film mitlebt – und kommt bei ungemütlichem Wetter heim, der Sturm tobt, der Regen peitscht, das Gartentor klappert und Helen fühlt sich von jemandem verfolgt.
Die Kulissen sind einfach, verfehlen aber nicht ihre stimmungsvolle Wirkung, zudem kann ein kraftvoll orchestraler Score von Roy Webb diese noch immens verstärken.
Helen verlor als Kind ihre Stimme, als sie sah, wie ihre Eltern im Haus verbrannten, seither ist sie traumatisiert.
Sie ist gefangen in ihrer Psyche, die sie mit Schuldgefühlen einschnürt und nun gefangen in einem Landhaus, in dem ein irrer Killer umherstreunt.
Dieser könnte Professor Warren sein, der seine Sekretärin Blanche an seinen verhassten Stiefbruder Steve verlor. Windhund Steve kommt auch in Frage, selbst der gutmütige Arzt Dr.Parry, der Helen angeblich zu einer Therapie verhelfen will, könnte der Mörder sein.
Die alte Mrs. Warren warnt Helen, sie möge das Anwesen noch heute Nacht verlassen, denn in diesem Haus sei sie nicht sicher. Das Unheil breitet sich immer wieder über die stumme Hauptfigur aus, jederzeit vermutet man ein Attentat, einen Angriff, der sich geschickt ankündigt, um das vermeintliche Opfer dann doch noch ein wenig in Ruhe zu lassen.
Als Manko ließe sich das Ratespiel um den Killer anführen, denn bereits beim ersten Mord sind seine Augen in Nahaufnahme festgehalten worden (prägend für spätere Fulci-Filme) und diese sind so markant, dass die „Whodunit“-Frage frühzeitig beantwortet ist, zudem kommen ja nicht allzu viele Personen als Täter in Frage.
Den Weg bis zur Auflösung hat Siodmak aber in nahezu allen Punkten perfekt inszeniert.
Sein wunderbares Spiel mit Licht und Schatten, ein hervorstechendes Merkmal der „schwarzen Serie“, beherrscht er perfekt und löst beim Zuschauer das ein oder andere Mal eine Gänsehaut aus.
Ein paar hervorragende Kameraeinstellungen verstärken die innere Unruhe Helens, wenn sich hinter ihr drohende Schatten auftun, um im nächsten Moment einen anderen Weg einzuschlagen.
Zuweilen wirkt das große Anwesen richtig klaustrophobisch und wenn einmal mehr eine Gewitternacht hereinbricht, fühlt man sich so richtig wohlig unwohl.
Zudem wurden nicht artikulierbare Wünsche und Ängste Helens hervorragend illustriert, wie eine Hochzeit mit dem jungen Arzt, bei der alles so perfekt wäre, wenn ihr nicht im letzten Moment das „Ja“ vor dem Traualtar in der Kehle stecken bliebe.
Etwas aufgeheitert wird die latent bedrohlich wirkende Stimmung durch schräge Charaktere, wie einer schnodderigen Krankenschwester (passend ausgestattet mit der Synchro von M.Rutherford in den Miss Marple Filmen) und einer Köchin, die ohne Cognac erst gar nicht aus dem Quark kommt.
Überhaupt ist die Charakterzeichnung der Figuren außergewöhnlich detailliert ausgefallen, selbst der verstorbene Ehemann von Mrs. Warren erhält eine Beschreibung, welche stark an die Figur Hemingways angelehnt scheint und möglicherweise ein indirektes Motiv für den Mörder liefert.
Die Darsteller tragen ihren guten Teil zum Gelingen der Stimmung bei. Primär kann eine Ethel Barrymore als verbitterte Mrs.Warren punkten, aber auch Dorothy McGuire ist als stumme Helen überzeugend, nur in den ersten Szenen lächelt sie noch etwas unbeholfen. Dafür wird sie gegen Ende immer stärker, wenn ihr die Panik ins Gesicht geschrieben steht, sie ihre Verzweiflung aber nicht in Worte fassen kann.
Ein Film wie aus einem Guss:
Siodmak schuf einen stimmungsvollen Gruselfilm mit psychologischer Tiefe und markanten Figuren. Dabei kommt die Kulisse des einsam gelegenen Landhauses ebenso gut zur Geltung wie die hervorragende musikalische Untermalung.
Starke Bilder, starke Atmosphäre, - ein Tipp für alle Zuschauer, die hin und wieder eine Schwarz-Weiß-Gänsehaut benötigen.
8,5 von 10 Punkten