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Per Schnur gebunden an den unmittelbaren Raum, wird der Wirkungsbereich doch weit über das Sichtbare hinaus gedehnt: Das Telefon ist nicht nur ein Meilenstein in der Geschichte der Kommunikationsmedien, sondern darüber hinaus ein wunderbares Plot Device für Thriller aller Art. Das wusste schon Alfred Hitchcock („Bei Anruf Mord“, 1954), ergo natürlich auch William Castle. Letzterer brachte zum Ende seiner Karriere mit „Es geschah um 8 Uhr 30“ (1965) noch einmal ordentlich die Leitungen zum Glühen, indem er zwei junge Babysitterinnen vor ein Telefonbuch setzte und sie wahllos Leute anrufen ließ, um ihnen ein mysteriöses „Ich habe gesehen, was Sie getan haben“ einzuflüstern – bis sie die Nummer eines Serienkillers erwischten, der tatsächlich etwas getan hatte.

1988 kam es zu einem Remake in Form eines TV-Films. Für eine echte medientheoretische Neuausrichtung, wie sie die Mobilität des Handys ermöglicht hätte, war es noch ein paar Jahre zu früh, aber in Sachen Jugendkultur trennen Tammy Lauren und Shawnee Smith bereits Welten von den Backfischen aus dem Original. In die gleiche Zeit der Spätachtziger-Jugendkultur inklusive Guns-n-Roses-Poster, George-Michael-Schwärmereien und rosa Kaugummiblasen fällt auch „Lisa – Stimme des Todes“, dessen Konzept demjenigen des Castle-Remakes derart ähnlich ist, dass man es wiederum fast für ein Remake des Remakes halten könnte – mit dem kleinen Unterschied, dass es diesmal nicht einfach willkürliches Teenage Boredom ist, das zu der schicksalhaften Telefonverbindung führt, sondern zielgerichtete jugendliche Rebellion gegen das Regelwerk der Vormundschaft.

Dadurch verschiebt sich in der bis dahin vollständig auf spielerischen Nervenkitzel ausgelegten Rezeptur nicht nur die Dynamik zwischen den Anrufern, sondern es wird auch ein Schlag Familiendrama hinzugefügt, mit dem eine gewisse zwischenmenschliche Tiefe Einzug erhält, auf die es jemand wie William Castle nie angelegt hatte. Während die junge Protagonistin Lisa (Staci Keanan) ihre adoleszenten Anwandlungen zwar ähnlich rücksichtslos an ihrer Umwelt abreagiert wie ihre Vorgängerinnen, inszeniert Gary Sherman das Katz- und Mausspiel mit dem mordenden Extremromantiker am anderen Ende der Leitung nicht ausschließlich um des Thrills willen, sondern auch als eine Art psychologisches Ventil, das auf die Beziehung zwischen Lisa und ihrer alleinerziehenden Mutter Katherine (Cheryl Ladd) verweist.

Die leisen Zwischentöne, die sich in den Dialogen zwischen Keanan und Ladd ergeben, gehören tatsächlich zu den Highlights des eher sanften Thrillers. Im Zusammenspiel wirken die beiden Schauspielerinnen natürlich, es gelingt ihnen, alltägliche Fragestellungen der Erziehung im Rahmen einer angeschlagenen familiären Konstellation auf den Punkt genau abzubilden und die kollidierenden Erwartungen an die Welt sowohl aus Sicht Mutter als auch der Tochter gleichermaßen begreifbar zu machen.

Mit ihrer kontrollierenden Art hätte man Katherine problemlos zum lästigen Hindernis jugendlicher Entfaltung reduzieren können; stattdessen entschied man sich dazu, ihre Hintergründe aufzuarbeiten, um ihr Verhalten nachcollziehbar zu machen. Umgekehrt wäre es ebenso einfach gewesen, Lisa in das Rollenbild des aufmüpfigen Görs zu zwängen, das nur allzu bereitwillig in alle Fallen tappt, die das Genre in petto hat. Stattdessen wird gerade im Umgang mit den Freundinnen deutlich gemacht, weshalb sie dieses egozentrische Verhalten an den Tag legt, das sie letztlich in die Bredouille bringt, wegen der man hier einschaltet.

Umgekehrt fällt D.W. Moffett als düsterer Einzelgänger eine vergleichsweise undankbare Rolle zu. Er wird zwar durch die naive Teenager-Perspektive des Films zu einem Mysterium überhöht, bleibt aber im Endeffekt ein reiner Plot-Katalysator und dadurch ein simples, funktionales Objekt, ganz entgegen des Zeitgeists, der sich fasziniert vom Innenleben der Serienkiller zeigte. Die Ehrfurcht, die man einem Tom Noonan in „Manhunter – Roter Drache“ (1986) oder einem Anthony Hopkins in „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) entgegenbrachte, die jeweils vergleichsweise kleine Rollen mit großer Nachwirkung versahen, bleibt Moffett verwehrt. Am ehesten möchte man ihn noch bei den innerlich toten Yuppie-Killern à la Patrick Bateman („American Psycho“) einreihen, unter dem Strich bleibt er aber ein zweckgerichtetes Instrument und seine pathologischen Muster reine Behauptungen ohne Widerhall.

Obwohl für das Kino produziert, deutet die Inszenierung eher auf eine bessere TV-Produktion hin. Die Regie bleibt kühl, nüchtern und weist kaum herausstechende Merkmale auf. Allenfalls die nächtlichen Eindrücke der Lagerhallenviertel von LA verströmen eine gewisse spezielle Stimmung. Ähnliche Eigenschaften zeigten auch schon Gary Shermans bekanntere Arbeiten „Dead & Buried“ (1981) und „Poltergeist III“ (1988), die allerdings ausgleichend in Sachen Kamera, Ausleuchtung und Spezialeffekte ein paar Pfeile im Köcher hatten. Schauwerte dieser Art hat „Lisa – Stimme des Todes“ praktisch keine zu bieten, selbst die Mordszenen deuten die üblichen Zutaten trotz der durchgehend volljährigen Opfer allenfalls an, verbannen sie dann aber außerhalb des Bildkaders. Vermutlich ging es darum, tonale Entgleisungen zu verhindern, da man die komplette Handlung schließlich aus den Augen einer Heranwachsenden verfolgt, selbst wenn sie gerade nicht anwesend ist.

Vorteil einer solchen optisch eher schmucklosen Ausrichtung kann natürlich sein, dass der Fokus komplett auf die Handlung verlagert wird. Wundertaten sind von dem Skript eher nicht zu erwarten, die Story ist aber wasserdicht genug, um die Langeweile nicht nur von der Teenagerin im Mittelpunkt, sondern auch vom Zuschauer fernzuhalten. Immerhin wird man am laufenden Band mit brisanten Situationen versorgt, Noir-Anspielungen inbegriffen (wie das weiße Kleid beim Blind Date). Derweil verstricken sich die unverbindlichen Telefongespräche zwischen Fremden zu einer handfesten Notlage für die Hauptfigur. Diese wird von Staci Keanan im Spiel wie auch im Ernst durchaus überzeugend abgeliefert – eine Grundvoraussetzung dafür, dass man hier überhaupt am Ball bleibt. Eine Ähnlichkeit zu Maia Brewton, die in „Parker Lewis“ die Rolle von Parkers Schwester Shelly spielte, ist übrigens nicht ganz von der Hand zu weisen, insbesondere, wenn man die dramatischeren Momente der Comedy-Serie zum Vergleich heranzieht.

Ansonsten ist „Lisa – Stimme des Todes“ ein eher biederer Psychothriller von der Stange, nahezu ohne inszenatorische Raffinesse. Er lebt und überlebt vor allem durch seine authentische Abbildung einer entfremdenden Großstadt-Anonymität, in der eine alleinerziehende Frau um ihre Tochter kämpft und die Tochter zugleich um sowie gegen einen Psychopathen, der letztlich ein Zerrbild damaliger Jugendidole darstellt, über die selten mehr bekannt war als das gedruckte Abbild in einer Zeitschrift oder auf dem Fernsehbildschirm. In der Darstellung solcher Aspekte spielt Gary Sherman seine Stärken als Regisseur aus. Für einen schweißtreibenden Vollblut-Thriller fehlt es aber an Härten und Kreativität.

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