Sollte ich mein Nachtlicht von damals wieder rauskramen? Oder vielleicht das Nachttischlämpchen anlassen? Vielleicht auch die Tür auflassen, sodass das Licht aus dem Flur herein scheint?
Fragen, die man sich nach der Betrachtung des Horrorschockers Nr. 1 des Jahres, in denke das kann man schon jetzt zwei Monate vor Ende des Kinojahres sagen, zwangsweise stellt. Neil Marshall ("Dog Soldiers") schafft hier einen Film, bei dem Zartbesaitete mehrerer Fraktionen (Dunkelheit, Blutgehalt oder Klaustrophobie) gleich scharenweise den Herzschrittmacher erneuern müssen. Außerdem bietet er in dem doch recht tristen Horrorjahr mit etlichen "The Ring"-Kopien und keinerlei Innovationen soviel Neues, dass man sich, wenn man zu den extrem Hartgesottenen gehört, auch so erfreuen und erholen kann vom Einheitsbrei aus der Hoolywood-Remake-Schmiede. Zeitgleich haben wir hier einen Horrorfilm, der nicht nur zum Besten dieses Jahres, sondern auch zu den besten der vergangenen Jahre zählt.
Sarah macht jedes Jahr mit ihren Freundinnen einen Abenteuerurlaub. Einer dieser Urlaube endet jedoch tragisch in einem Autounfall, bei dem ihr Mann und ihre Tochter ums Leben kommen. Ein Jahr danach begibt sie sich wieder auf die Reise - diesmal soll es eine Höhlenklettertour mit fünf Freundinnen sein. Am Morgen macht man sich auf und seilt sich in das düstere Höhlensystem ab. Man beginnt, die Gänge zu erkunden und plötzlich stürzt ein enger Tunnel ein, woraufhin es gilt, einen weiteren Ausweg zu finden. Kein Problem: man hat ja den Urlaubsführer dabei - oder nicht? Juno, die erfahrene Wanderexpertin, wollte mal etwas Neues testen und führte sie nicht in bekannte Gefilde, sondern in bisher unerforschte Gebiete, weshalb der, zu allem Überfluss auch noch im Auto gelassene, Führer gar nicht hilft. Sie sind auf sich alleine gestellt, allerdings nicht alleine in der Höhle. Etwas scheint hier zu leben und Hunger zu haben...
Angst vor der Dunkelheit?
Survivalhorror par excellence in einem unverbrauchten Gebiet? Gibt es so was noch? Ja, willkommen in „The Descent“. Der tragische, verhältnismäßig, jedenfalls im Gegensatz zum Ende des Films, unblutige Einstieg in die Geschichte mit Sarahs Unfall verdeutlicht gleich, dass hier kein spaßiger Urlaubstrip auf die Protagonisten wartet. Im Jahr darauf scheint alles wieder halbwegs normal zu sein. Sarah ist zwar immer noch nicht über den Unfall hinweg, kann sich aber langsam wieder an das alltägliche Leben gewöhnen und will nun mal wieder ihre Freundinnen treffen. Alkohol, Witze und die Freude auf den morgigen Tag lassen den Spaß am Abend vor dem Abstieg ("The Descent") in ungeahnte Höhen treiben. Am Morgen, verkatert, wird ein Foto geschossen - alle sind erfreut und mit Elan dabei. Doch es soll das letzte gemeinsame Foto werden…
Schon in den Anfangsminuten wird man mit keinen unnötigen Witzen bombardiert, wobei es anfangs noch heiter zugeht. Doch glücklicherweise wird in der bald folgenden Situation kein lockerer Spruch nach dem anderen gerissen. Der Film ist so ironie- und humorfrei wie es vorletztes Jahr auch der Backwood-Slasher „Wrong Turn“ war und unterstreicht nur die kompromisslose Härte, mit der im Verlauf des Films noch vorgegangen wird.
Es ist auch einer der wenigen Filme, bei denen der Wald noch so etwas wie Sicherheit gibt. Ist dieser in den meisten anderen Genrevertretern der unheimliche Ausgangspunkt, so hat man hier als einziges noch ein gutes Gefühl und vor allem Licht. Doch schon kurz vor dem Höhleneingang wird die Stimmung und die gute Laune gedrückt: ein getöteter Hirsch liegt Maden übersät herum - das Unheil kündigt sich an. Und sobald man nach einer guten Viertelstunde erstmal die Höhle betritt, wird es stetig dunkler, man dringt immer tiefer in den Komplex ein und das Licht verschwindet bald gänzlich. Nur noch ihre Taschenlampen und Helme spenden einen Hauch von Licht. Und schnell wünscht man sich wieder, und sei es nur für kurze Momente, um mal zu verschnaufen, einen winzigen Lichtblitz, Helligkeit, Tageslicht, den Wald…
Klaustrophobisch?
Die Dunkelheit sinkt und mit ihr die Bewegungsfreiheit… Immer wieder stehen die sechs vor scheinbar undurchdringbaren Gängen, durch die sie sich nur mühevoll zwängen können. In der ersten halben Stunde im Höhlensystem, die Bekanntschaft mit den Höhlenbewohnern ist ja noch nicht gemacht, baut sich auch eher eine klaustrophobische, subtile Spannung auf, da man noch nicht weiß, was in den Tiefen auf sie wartet. Die staubige Luft, langsam bröckelnden Wände und dann wieder größere Hallen bauen eine bedrohliche Atmosphäre auf. Und wenn sie durch Gänge kriechen, die kurz vor dem Einbrechen und so eng sind, dass ihnen beim Durchkriechen fast schon die Luft zum Atmen fehlt, dann fühlt man sich selbst im riesigen Kinosaal eingeengt und unwohl. Nebenbei wird die Atmosphäre durch die Kameraführung auf ein Maximum getrieben. Wenn sie durch die Gänge kriechen, kriechen sie immer auf die Kamera zu und leuchten mit ihren spärlichen Lampen nur einzelne kleine Flächen im Gang an, sodass man sich nie sicher sein kann, ob und was sie bald erwartet.
Die daraus resultierende Spannungskurve, die einen zusätzlich in den Kinosessel drückt, wird konstant angeschraubt, hat keinerlei Einkerbungen im ganzen Film und steigt und steigt, bis es irgendwann, so etwa eine halbe Stunde vor Schluss, kaum noch auszuhalten ist. Der Spannungshöhepunkt ist jedoch nicht mittig gesetzt, sondern erst praktisch am Ende. Somit ist es eigentlich keine Kurve, sondern eine Gerade – positiver Steigung, was zu keiner Minute Langeweile führt.
Lediglich die Art der Spannung ist unterschiedlich: in der ersten Hälfte sind es noch die Suche nach einem weiteren Ausgang, die unbekannten Höhlen und dem Nichtwissen, was hier unten sein Unwesen treibt. In der zweiten Hälfte, sobald die Kreaturen sichtbar sind, ist es die schiere Angst und Terror pur. Nicht nur dass sie nicht wissen, wo es hier rausgeht, nein sie sollen auch noch Gollumfutter werden…
Probleme mit großen Blutmengen?
Denn die Kreaturen ähneln dem „The Lord of the Rings“-Charakter sehr stark, obwohl noch eine Prise „Creep“ (so werden die Kreaturen im weiteren Verlauf des Reviews von mir auch tituliert) in ihnen steckt. Und sie haben Hunger, großen Hunger. Und dafür bietet sich am besten Fleisch, wenn’s nicht anders geht, müssen Tiere herhalten, aber heute ist Weihnachten und gleich sechs Frauen stolpern in ihre Höhle – das Menschenfleisch ist serviert. Ohne große Vorwarnungen platzt Sarah in einen Raum mit einem solchen „Creep“, doch keiner glaubt ihr. Zumal die anderen fünf gerade dabei sind, in einer im wahrsten Sinne des Wortes „bein“harten Szene das gebrochene Bein von Holly zu behandeln und den Blutgehalt langsam ansteigen zu lassen. Und ab jetzt (wir befinden uns gut in der Mitte des Films) geht es richtig zur Sache, die Spannung nimmt ungeahnte Höhen an, der Blutpegel steigt und die ein oder andere Splattereinlage findet sich auch noch wieder. Nachdem die anderen es als Hirngespinst abgetan haben, suchen sie weiterhin einen Ausweg, doch die „Creeps“ haben Hunger und hören die Frauen, sehen können sie nämlich nicht und sie verlassen sich deshalb auf ihr Gehör. Ein erster Kampf, in dem man dann die zweite Seite der Medaille, wohlgemerkt die der Platinmedaille, die der Film verdient, zu Gesicht bekommt: einige Actionsequenzen finden sich zum Ende hin auch noch. Ein Wechselspiel zwischen nervenzerfetzender Spannung, in deren Szenen versucht wird, den „Creeps“ zu entkommen, und einigen blutigen Kämpfen wird einem hier geboten – garniert mit Blut en masse. In den Kämpfen wird zertreten, zerhackt, zerschnitten oder zerkaut und rausgerissen. Die „Creeps“ zerreißen ihre Beute, Stück für Stück reißen sie ihnen das Fleisch von den Knochen, und die Bluteffekte können sich für solch eine Indie-Produktion sehen lassen und brauchen sich nicht vor den Vorbildern verstecken. Ein kleines Manko bieten die Kämpfe dann aber doch: sie sind sehr rasant geschnitten. Die Schnitte nehmen zwar keine Ausmaße eines „Nochnoi Dozor“ an, dennoch geht alles einen Tick zu schnell. Trotzdem ist so viel Blut ersichtlich, dass alle mit schwachem Magen rausstürmen dürften.
Muss es immer Erklärungen für die Vorkommnisse geben…?
Die letzte Dreiviertelstunde lässt sich praktisch komplett als großer Showdown beschreiben, denn hier gibt es keine Zeit mehr, um kurz mal Luft zu holen. Ein Kampf oder ein Fluchtversuch reiht sich an den nächsten und da gibt es auch keine Zeit mehr, die Hintergründe zu klären. Am Ende hat man einen Film gesehen, bekommt aber keinerlei Hinweise darauf, was da gerade passiert ist. Das braucht man auch nicht. Es ist das Unbekannte, das man noch nicht erklären kann und was uns Angst macht und die „Creeps“ sind unbekannt und damit furcht- und angsteinflößend. Wer braucht da noch Erklärungen? Zumal es langweilt, wenn wieder mal eine hanebüchene Erklärung für die mysteriösen Ereignisse an den Haaren herbeigezogen wird, wie es so oft in Horrorfilmen der Fall ist. Dann doch mal lieber keine Erklärung.
…oder ein Happy End?
Ebenfalls auf Genrekonventionen wird beim Ende verzichtet. Friede, Freude, Heiterkeit ist nur anfangs noch gegeben, aber ist das letzte Mal auf dem Foto spürbar. Wie es ausgeht, verrate ich natürlich nicht, nur so viel: ein Happy End ist es nicht. Und das sorgt ebenfalls für Pluspunkte, da man halt nicht den normalen Vorgaben folgt und sich mal dem Mainstreampublikum verweigert.
Braucht es keinen Tiefgang?
In dem Gemetzel, ich denke, wenn man sich den Schluss anguckt, lässt es sich als solches deklarieren, geht aber der gewisse Funke Tiefgang nicht verloren. Einige Konfliktsituationen müssen gemeistert werden, Holly ist mit ihrer aufgedrehten, riskanten Art für die ein oder andere Überraschung gut, Sarahs Unfallschock sitzt immer noch in ihren Knochen und Junos Egotrip geht dem Rest gehörig auf den Senkel. Streitereien und die Konfliktgespräche führen zu der nötigen Charakterzeichnung, die Genrekollegen nach einer Viertelstunde meistens auch vergessen.
Die Schauspielerinnen sorgen dann für die perfekte Verkörperung der Figuren und spielen ihre Kollegen aus dem Großteil amerikanischer Slasher locker an die Wand. Verzweifelt versuchen sie, einen Ausweg zu finden, die Batterien neigen sich dem Ende, die Luft wird stickig und die Gewissheit, dass es einen weiteren Ausgang gibt, ist noch gar nicht vorhanden. Dazu kommt die pure Angst um ihr Leben, das durch die „Creeps“ bedroht wird.
Wer alle Fragen mit „nein“ beantworten kann, nehme Platz - dann ist das genau der richtige Film. Je öfter die Antwort „ja“ auftaucht, desto unbehaglicher wird der Kinobesuch. Klaustrophobische, blutige und sehr dunkle Bilder vermitteln von Anfang an ein schlechtes Gefühl beim Zuschauer. Die Kompromiss- und Humorlosigkeit mit der zu Werke gegangen wird, wird einigen auch aufstoßen, passt aber und somit verkommt der Film nicht zu einem Teeniegruselhorror, sondern zu einem erwachsenen Horrorschocker, der am besten im Kino zu genießen ist, wenn man nicht zu Hause heimkinotechnisch perfekt ausgestattet ist. Die unerträgliche Spannung, die bedrohliche Stimmung und Schocks am laufenden Band machen den besten Film seines Genres dieses Jahr und bieten eine hervorragende Abwechslung zum Routinegrusel aus Hollywood. Klare Empfehlung für Genrefans und Hartgesottene.
Ich gehe jetzt mein Nachtlicht suchen und weiß, warum ich bei meinem Hobby „Filme gucken“ bleibe – Höhlenkletterei ist einfach zu riskant…