„The Descent“ gehört zu den wenigen Horrorfilmen, die in letzter Zeit beinahe ausschließlich gute bis sehr gute Kritiken einfahren konnten. Was ist also dran an diesem britischen Thriller? Um eines vorwegzunehmen: Eine der größten Stärken des Filmes ist auch eine seiner größten Schwächen. Das mag zwar paradox klingen, liegt aber in der Wahl der Hauptdarstellerinnen begründet. Die Frauenclique, die hier in den „Abgrund des Grauens“ gerät, wird ausschließlich von (noch) unbekannten Schauspielerinnen dargestellt. Dies macht den Film enorm unberechenbar, weil es jede von ihnen jederzeit erwischen kann. Wäre eine Julia Roberts unter ihnen, könnte man ziemlich sicher sein, dass sie es bis zum Abspann schafft. Insofern hat der Zuschauer keine Ruhepause. Immer muß man auf der Hut sein, ob nicht gleich wieder eine fiese Splatterszene kommt. Diese hat der Film nämlich durchaus zu bieten. Dies ist eine enorme Stärke, die selbst Teenieslasher meist nicht bieten können, denn auch in vielen von diesen Filmen merkt der geneigte Genrefan recht schnell, welche Darsteller zu wichtig sind, um zu sterben. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist die Wahl der Darstellerinnen also durchaus ein Plus, zumal sie auch ihre Figuren glaubhaft mit Leben füllen. Dreht man die Medaille allerdings, steht der Zuschauer vor der gar nicht mal so einfachen Aufgabe, diese unbekannten Darstellerinnen zu unterscheiden und sich ihnen zu identifizieren. Dies ist aber eher schwierig, vor allem weil ein Großteil des Films in nahezu dunklen Locations spielt, womit auch schon der nächste diskutable Punkt angesprochen wird.
„The Descent“ ist ein Höhlenthriller, der zwar auch Monster und Splatterszenen bietet, doch vor allem von seiner Atmosphäre lebt. Diese beklemmende Stimmung wird durch eine gewisse Ausweglosigkeit, eine große Enge und eben durch die andauernde Dunkelheit erreicht. Dies funktioniert auch sehr gut. Der Film erzeugt die gewollte Stimmung nämlich sehr effektiv. Aber auch hier gibt es (im wahrsten Sinne des Wortes) Schattenseiten. Vor allem, wenn man den Film auf einem Fernseher schaut, hat man des öfteren Probleme den schnell geschnittenen Actionszenen zu folgen. Auf einer großen Leinwand funktioniert dies sicherlich viel besser, vor allem, weil der Zuschauer auch im dunklen Kinosaal sitzt und so die Atmosphäre intensiver genießen kann. Im Heimkino bleibt hingegen ohne den störenden Griff zur Fernbedienung (Spulen, Zeitlupe) vieles verborgen. Das ist schade, denn die Gewaltszenen wurden sehr dynamisch und gekonnt inszeniert.
Damit kein falscher Eindruck aufkommt: „The Descent“ ist ein erfrischender und durchaus empfehlenswerter Beitrag zum harten Horrorfilm, dem man seine nicht-amerikanische Herkunft anmerkt: Der Film hat einen anderen Look, als typisch amerikanische Horrorfilme. Zudem wirken die eben erwähnten Darstellerinnen realistischer und lebensnaher. Dass „The Descent“ zudem kein Happy End bietet, sondern den Zuschauern sogar ein emotional eher fieses Ende zumutet, spricht für den Film.
Zusammenfassend kann man „The Descent“ dem geneigten Horrorfan nur empfehlen. Die genannten leichten Kritikpunkte laden ja durchaus zum Mehrfachsehen ein, da man so sicherlich das eine oder andere makabre Detail besser zu Gesicht bekommt und sich mit den Darstellerinnen besser identifizieren kann. Die beste Alternative wäre natürlich, den Film nochmal in einem dunklen Kino mit einer großen Leinwand und einem tollen Soundsystem zu genießen, doch dazu wird sich wohl so schnell nicht die Gelegenheit ergeben. Insofern muß man seine Augen eben ein wenig mehr anstrengen, wenn man auch ja keine Goresequenz verpassen will. Oder den Fernseher heller stellen, aber das ist natürlich kein ernstgemeinter Ratschlag, denn dies würde die einzigartige Atmosphäre des Filmes zerstören.
Fazit:
7 / 10