Spätestens seit seinem Langfilmdebut „Dog Soldiers“, der es tatsächlich schaffte, dem ausgelutschten Werwolfgenre ein paar neue Aspekte abzugewinnen und das alles mit entsprechender Härte zu würzen, gilt Neil Marshall als Horror-Hoffnungsträger.
Den wahren Ruhm hat ihm jedoch erst sein zweiter Film „The Descent“ eingebracht, dessen Produktionsprozeß er in der britischen Monatszeitschrift „Total Film“ dokumentiert hat und den er selbst als extrem harten und gnadenlosen Horrorfilm apostrophierte.
Das ist zwar heutzutage gang und gebe, jedoch beweist Marshall wesentlich mehr Talent als der gehypte Eli Roth („Hostel“), indem er eine nicht besonders neue Art von Story mit visuellem Einfallsreichtum neu anrichtete.
In „The Descent“ unternehmen sechs Freundinnen als Abwechslung zum Alltag Abenteuertouren, die sie in diesem Fall in ein Höhlensystem führen. Eine von ihnen hatte im Anschluß an die letzte Tour eine Familientragödie, die ihrem Mann und Kind das Leben kostete zu verzeichnen.
Doch die Höhlentour gerät durch einen Einsturz in Gefahr und wie sich herausstellt, sind sie nicht allein…
Klassischer Backwoodhorror könnte man sagen, denn die Frauen begegnen wortwörtlichen Hinterwäldlern während ihres Versuchs, den Berg zu durchqueren, um einen neuen Ausgang zu finden. Es handelt sich diesmal aber nicht um verwilderte Trapper oder durchgeknallte Mutanten, sondern eine ganz neue Rasse von ehemals menschlichen, albinohaften Höhlenwesen, die sich rein akustisch verständigen und natürlich einen gesegneten Appetit haben.
Marshall baut seinen Film ganz klassisch auf, auf die Tragödie folgt die neue Situation, komplett mit sechs überschaubaren Charakteren und dem visuell eindrucksvollen Abstieg in das Höhlenlabyrinth, das in kürzester Zeit unglaubliche klaustrophobische Qualitäten entwickelt.
Das Filmteam konzentriert sich dabei auf realistischen Anstrich, enge Durchgänge, kein künstliches Licht, sondern stets nur die Lampen und Fackeln der Frauen, die sich durch die Extremsituation schlagen müssen, die um so aussichtsloser wird, als herauskommt, dass es sich um ein komplett unerforschtes System handelt und auf Rettung dank bewusster Fehlinformationen nicht gehofft werden muß.
Die monströsen Wesen treten dann zur Filmhalbzeit in Aktion und so gerät der Film zu einer mörderischen Hetzjagd mit extrem splattrigen Einlagen, denn die Angreifer sind wenig mehr als reißende Tiere und die Frauen kennen in ihrer Not ebenfalls keine Verwandten.
Man muß Marshall hoch anrechnen, dass er es schafft, stereotype Extremklischees erfolgreich zu vermeiden, hier gibt es endlich mal nicht die zu erwartenden Heulkrämpfe und die Weltmeisterarschlöcher bei den Figuren, sondern jedes Ding hat hier auch zwei Seiten und so wendet man sich nicht automatisch der Hoffnung zu, den Sympathieträger zu retten, da hier niemand heraussticht. Gepaart mit der visuellen Gnadenlosigkeit des Terrors macht der Film einen Höllendruck, lässt die Viecher Leichen zerfetzen, während die Frauen ihnen in Nichts nachstehen, wenn es darum geht, die Albinos niederzumetzeln, zu erschlagen oder schlichtweg in Agonie zu zermatschen (die Szene, in der eine von ihnen einem Angreifer die Augen ausdrückt ist wirklich ein Highlight).
Gewisse Konflikte (Eigenmächtigkeit, Leichtsinnigkeit, Ehebruch) sind natürlich vorprogrammiert, aber wenigstens wird das Gefühl gedämpft, zu wissen, was als Nächstes passiert, wobei sich die Frauen durchaus selbst dezimieren, ohne sich rumpeldumpf blöd anzustellen.
„The Descent“ ist kompakt, blutig und beklemmend und gerade wegen dieser Qualitäten ein kleines, feines Horrorfest. Daß nach Ansicht man eher dazu neigt, mal wieder ans Meer zu fahren, ist wohl verständlich. (8/10)