"Ich habe dich im Fernsehen gesehen. Und da sah ich, dass hinter deinem verteufelten Hexengesicht ein Engel verborgen ist."
Mit 19 Jahren kommt Lee Geum-ja (Lee Yeong-ae) wegen eines entführten und ermordeten Kindes in ein Frauengefängnis. Während ihres 13-jährigen Aufenthaltes verhält sie sich gutmütig gegenüber ihren Mithäftlingen und erhält den Ruf, ein Engel zu sein. Nach ihrer Haftstrafe ändert sich aber ihre Gesinnung. In den 13 Jahren Haft erarbeitete sie sich einen Plan: Rache an dem Lehrer Mr. Baek (Choi Min-sik) zu nehmen. Denn dieser erzwang ihr die Schuldaufnahme an dem Mord des Kindes, mit der Drohung, ihrer Tochter das gleiche Schicksal aufzuerlegen.
"Lady Vengeance" ist der dritte und abschließende Teil von Park Chan-wook's nur lose zusammenhängender Vengeance-Trilogie. Während die beiden Vorgänger "Sympathy for Mr. Vengeance" und "Oldboy" auf kaltblütige und hitzige Genugtuung setzten, geht es bei "Lady Vengeance" eher um visuelle Form und Stil.
Optisch macht Park Chan-wook's nichts falsch. Die ersten 10 Minuten des Films hämmern sich mit cinematischer Wucht in Netzhaut und Gehörgang, obwohl nur eine Collage von Begebenheiten aus Geum-ja's Gefängniszeit abläuft. Das rasante Tempo sowie die orchestrale, melancholische Musik legen eine Wucht vor, die sich aber nicht über das Rachedrama halten kann. Erst gegen Ende findet "Lady Vengeance" wieder zu seinen Stärken zurück.
40 Minuten dauert es, bis die Ausrichtung des Films zum Vorschein kommt. Bis dahin kommt das Rachedrama nicht zum erzählen, sondern präsentiert durch die Einbeziehung vieler Erzählperspektiven und zahlreicher, unangekündigter Rückblenden ein vielfältiges Panorama ohne klare Struktur. Die Folge ist ein fehlender Zugang zu Erzählebene und der Hauptfigur, die trotz Einblicke in ihr Innerstes nicht zur Identifikationsfigur avanciert. Neben ihr erweisen sich die weiteren Charaktere nur als stereotypische Schablonen, wie eine tyrannische Lesbe oder einen eigensinnigen Geistlichen.
Die verworrene Erzählweise erhält erst nach einer Stunde einen ersten, expliziten Höhepunkt. Das Rachedrama geht hierbei andere Wege als die beiden unabhängigen Vorgänger. Während diese ihren Wunsch nach visuellen Grausamkeiten in den Mittelpunkt stellten, nimmt bei "Lady Vengeance" das Thema der Genugtuung einen weniger zentralen Stellenwert ein. Stattdessen geht es mehr und mehr um eine schwerfällige Mutter-Tochter Beziehung und schlussendlich um Erlösung.
Zur Auflockerung der meist ernsten Atmosphäre finden sich unfreiwillig komische Szenen sowie schwarzhumorige Einfälle.
Ebenso einfallsreich sind surreal anmutende Bildkompositionen und Symbole, wie etwa ein hell scheinender Heiligenschein über der Hauptfigur während ihres Gefängnisaufenthaltes. Ohnehin spielt "Lady Vengeance" viel mit visuellen Stilmitteln. So wird die Optik farblich entsättigter, je weiter der Film voran schreitet. Das Finale präsentiert sich neben wenig hervorgehobenen Elementen in komplettem Schwarzweiß.
Park Chan-wook nutzt neben Neuzugängen einige bekannte Gesichter aus "Oldboy". Choi Min-sik gehört zu diesen, er erhält aber kaum Gelegenheit seine vorherige grandiose Leistung auch nur ansatzweise zu wiederholen. Bei den vielen zweckmäßigen Darsteller sticht besonders Hauptdarstellerin Lee Yeong-ae heraus, die ihre unzugängliche Figur zumindest in optischer Hinsicht passend wechselhaft präsentiert.
Alleine schon aufgrund der Bildsprache ist "Lady Vengeance" anders als seine unabhängigen Vorgänger. Der Bilderrausch kompensiert allerdings nicht die Schwächen in der verworrenen Erzählweise, die viel zu lang ihre Absichten zurückhält. Eindeutig will sich das Rachedrama weniger mit seinem eigentlichen Thema auseinandersetzen sondern unkonventionell unterhalten. Dies gelingt allerdings nur zum Teil, denn die sperrige Hauptfigur, nur sporadisch gelungener Witz und insbesondere die unübersichtliche Erzählweise überschatten die gelungene Optik und Atmosphäre.
5 / 10