Review

Till, der Junge von nebenan - Gesamtbesprechung

Der 13jährige Till (Hans-Joachim Bohm) ist neu in Nachbarschaft und Klasse, die Frontalunterricht und kreuzbraven Schulbetrieb gemeinsam durchstehen muss. Schnell freundet er sich mit dem temperamentvollen, patenten Gastwirtssohn Kurt (Rolf Bogus) an, mit dem er gemeinsam durch Dick und Dünn geht. Ilja ("Disco") Richter spielt den schnöseligen, Ton angebenden Neureichen-Spross Albert, auch "Lackaffe" genannter Chef der Klassenbande "Die Regulatoren" - ausgestattet mit Zweireiher und Krawatte. Till findet schnell Aufnahme, lernt die angenehmen Seiten der Gruppe kennen, findet sich aber stellenweise auch auf sich allein gestellt und kämpft anfangs um die Gunst des Mädchens Britta (Susanne Uhlen). Die an verschiedenen Schauplätzen Berlin-Spandaus stattfindenden Straßenrivalitäten gehören zum jugendlichen Revierverhalten. Tills Mutter (Lucia Bays) ist der häusliche Wirkungsbereich zugeordnet - sie serviert Speisen mit Schürze und Pumps; der Vater (Lutz Moik) ist Schriftsteller mit Pfeife im Mundwinkel - zu einer Zeit, als das Klappern der mechanischen Schreibmaschine noch abends die Nachbarn stören konnte.

Das allabendliche Ritual des Rapports in Vaters Arbeitszimmer wird rasch zum festen Bestandteil und bewirkt, dass man sich vertraut fühlt mit dieser zunächst drei-, dann vierköpfigen Familie. Jede der 13 Episoden endet befriedet.

Kurios mutet es rückblickend an, dass damals Dreizehnjährige durchaus noch mit Schlips und Kragen in die Schule und auch zum Kindergeburtstag gingen. Fein ausgearbeitet sind die dargestellten Lebenswelten, mittels derer Werte vermittelt werden - nicht moralinsauer, sondern mit leichter, aber sicherer Hand umgesetzt. Till ist nicht nur Titel- und Identifikationsfigur, sondern ein eigenständiger Held der Tugenden, der Fehler eingesteht und Solidarität für die Schwächeren (dazu gehört auch mal ein kurzerhand ersteigerter, herrenloser Esel) zeigt. Ein Engel ist er aber nicht: Er "kann auch anders", schaltet schon mal um auf verschlossen oder schroff und in der letzten Folge lässt er, der mittlerweile Etablierte, sich zu einer unfairen Stimmungsmache gegen einen wiederum noch neueren Mitschüler hinreißen. Die passende Lektion hierauf erteilt ihm sein Vater mit einem Angelausflug, der die Karten neu mischen soll...

Die dramaturgisch abgesteckten Grenzen gehören zum Erfolgsrezept der ersten reinen Jugendserie des ZDF, 1967/68 ein Quotenrenner am Sonntagnachmittag, heute aufgrund der nicht mehr dem Programmschema entsprechenden Episodendauer wohl nur noch auf DVD zu sehen. Die komplett in Schwarzweiß gedrehte Serie ist voll harmlosem, aber atmosphärisch unterhaltsamem Charme. Retrospektiv ergibt sich aus vielen Details ein Zeitgemälde.

Ausgeblendet wird leider die Besonderheit des Lebens in der geteilten Frontstadt Berlin wenige Jahre nach dem Mauerbau. Die nahe der seinerzeitigen deutsch-deutschen Grenze gelegene Pfaueninsel mit ihren künstlichen Ruinen spielt als Schauplatz eines Landschulheim-Ausflugs zwar eine Rolle, wird aber verallgemeinernd als "Fürsteninsel" bezeichnet. Auch die Tatsache, dass Tills Mutter bei einer Flugreise nicht bei der Lufthansa, sondern am alliierten PanAm-Schalter eincheckt, müsste heute erst einmal den meisten jüngeren Zuschauern erklärt werden.


 

Details
Ähnliche Filme