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„Der Fluch von Siniestro“ aus dem Jahre 1961, lose basierend auf dem Roman „Der Werwolf von Paris“, war der erste und leider auch einzige Werwolf-Film der britischen „Hammer Film Productions“. Mit der Regie betraut wurde „Hammer“-Veteran Terence Fisher, der zuvor bereits Filme wie „Dracula“ und „Frankensteins Rache“ gekonnt inszenierte. Die ins Spanien des 18. Jahrhunderts verlegte Geschichte holt zunächst einmal gaaanz weit aus und erzählt eine lange Vorgeschichte: Ein dekadenter, sadistischer Aristokrat macht sich und seinen Gefolgsleuten einen Spaß aus dem Hunger und Durst eines Tippelbruders, „schenkt“ ihn seiner Frau und lässt ihn in einen Kerker werfen, wo er in Vergessenheit gerät und durch extrem fleischhaltige Ernährung und totale Isolation zu einer (un)menschlichen Bestie mutiert. Er vergewaltigt ein stummes Mädchen, das der mittlerweile von Krankheit entstellte Aristokrat zu ihm in den Kerker warf, nachdem sie sich ihm verweigerte. Die Frucht aus dieser Vergewaltigung ist Leon, der zudem unter extrem ungünstigen Sternen geboren wird… Dieser überlange Prolog ist prächtig gelungen und für mich bereits der Höhepunkt des Films. In „Hammer“-typisch grandiosen Kulissen, die die Vergangenheit lebendig scheinen und mit all ihrer Farbpracht fast schon Märchen-Atmosphäre aufkommen lassen, schürt der Film Emotionen wie Mitleid und Verachtung und auch der Humor wird nicht gänzlich ausgespart. Die Masken z.B. des alternden, entstellen Aristokraten und des entmenschlichten Bettlers wurden hervorragend umgesetzt und steigern die Erwartungshaltung für die nun folgende Werwolfgeschichte. Dabei bekommen wir aber zunächst noch einige Szenen aus Leons Kindheit zu sehen, die seine Andersartigkeit dokumentieren. Als endlich Oliver Reed als erwachsener Leon gezeigt wird, ist „Der Flucht von Siniestro“ schon weit vorangeschritten und leider scheint dem Drehbuch etwas die Puste auszugehen. Das angefixte Publikum wartet nun auf spektakuläre Verwandlungen und Gewaltausbrüche, bekommt stattdessen aber eine über weite Strecken recht zahme Schilderung von Leons Alltag zu sehen sowie eine Liebesgeschichte aufgetischt: Leon hat sich in ein Mädchen verliebt, das seine Gefühle zwar erwidert, aber bereits einem reichen Pfeffersack versprochen wurde. Hier plätschert die Geschichte etwas vor sich hin, die Dramaturgie gerät ins Stocken. Leons explizit dargestellte Verwandlung, der Höhepunkt eines jeden Werwolf-Films, hat man sich bis zum tragischen Finale aufgespart. Die Werwolfmaske geht letztlich zwar in Ordnung, ich hätte sie mir aber wesentlich grauenvoller gewünscht. Der Clou, dass Leon durch ehrliche und aufrichtige Liebe von seinen Verwandlungen abgehalten werden kann, wird mehr am Rande erwähnt und hätte, mehr in den Vordergrund gebracht, die Tragik des Showdowns sicherlich wirkungsvoll verstärkt. Die Aussage des Films, der den Werwolf nicht als von Grund auf böse Bestie, sondern als leidenden, ambivalenten Charakter darstellt, ließe sich durchaus wie folgt lesen: Eine Klassengesellschaft gebiert ihre eigenen Monster, für die es keinen Platz in ihr gibt. Oder so. Hätten Fisher und sein Team es vollbracht, die Qualitäten der ersten halben Stunde bis zum Finale aufrechtzuerhalten, würde „Der Fluch von Siniestro“ heute mit Sicherheit zu den größten „Hammer“-Würfen (Achtung, Wortspiel) zählen. Aber auch so bleibt ein interessanter, sehenswerter Film nicht nur für Freunde des klassischen britischen Horrorkinos.

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