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Oftmals fangen mit einem Erbe die Probleme erst richtig an. Abgesehen von Anwaltskosten und anderen Ausgaben sind es besonders die nicht berücksichtigten Familienmitglieder oder Freunde, die einem das Glück nicht gönnen und ihren Stück vom Kuchen abhaben möchten. Nicht viel anders ergeht es auch der Protagonisten in Paul Lenis „The Cat and the Canaray“ aus dem Jahr 1927:

Kurz vor seinem Tod lässt der reiche Cyrus West vereinbaren, dass sein letzter Wille erst 20 Jahre nach seinem Ableben veröffentlicht wird. Als die Frist endlich abgelaufen ist, versammeln sich die möglichen Erben in Cyrus Schloß, wo das Testament verlesen wird. Es stellt sich heraus, dass der gesamte Besitz an Annabelle West (Laura La Plante) fällt, da sie die letzte West ist. Eine Bedingung ist jedoch an das Erbe geknüpft: Die geistige Zurechnungsfähigkeit von Annabelle muss ärztlich bestätigt werden, ansonsten würde das Vermögen an eine andere Person fallen, dessen Name in einem versiegelten Briefumschlag steckt. Just in dieser Nacht geschehen mysteriöse Dinge und das Verschwinden des Notars ist da nur der Anfang...

Wenn man sich nun den Originaltitel, sowie den Plot, vor Augen führt, so ist dieser ein Gleichnis, das eigentlich den ganzen Film beschreibt: Annabelle West ist der Kanarienvogel, welcher von den bzw. der Katze in die Enge getrieben wird. Spannung ist so garantiert und der Zuschauer möchte natürlich gern wissen, wie es der Protagonisten ergehen wird. Schon zu Beginn des Filmes wird diese Grundspannung gekonnt aufgebaut: aus der Subjektiven verfolgen wir eine Person mit Taschenlampe, wie sie den Tresor öffnen will und auch die Haushälterin macht keinen vertrauenswürdigen Eindruck. Dies alles findet in einem schönen alten Gemäuer statt und das Spiel von Licht und Schatten bzw. die daraus resultierenden Formen, die doch einen deutlichen Einfluss der deutschen Expressionisten erahnen lassen, runden den ersten Eindruck ab. Schon bald Treffen die vermeintlichen Erben ein und der Film nimmt seinen Lauf. Für erheiternde Momente sorgt besonders Paul, der anscheinend kein Fettnäpfchen auslässt und sich so in sehr amüsante Situationen bringt, wodurch das Publikum Zeit zum Verschnaufen erhält, damit dann im nächsten Atemzug die Spannungskurve weiter angezogen werden kann. Hierbei bedient sich Leni einfachster Stilmittel, wie z.B. die Verlesung des Testamentes um Mitternacht, eine schwarze Katze als böses Omen. Natürlich sorgt auch die Bedingung des letzten Willens, in Kombination mit den zu Beginn geschilderten Szenen, nicht für eine Entspannung der Szenerie und als dann auch noch der Notar verschwindet, entwickelt sich der Film zu einem klassischen „Whodunit“, bei dem eigentlich jede Person verdächtig ist. Man ist ja einiges aus anderen Filmen gewöhnt. Es gibt auch einige „Gruselmomente“, wenn z.B. eine Hand aus einem versteckten Gang hervorkommt, doch meistens wird Suspense ohne diese eindeutigen optischen Hilfsmittel aufgebaut. Das Ende ist dann schon fast obligatorisch und ohne größerer Plottwists, bietet aber eine sehr nette und rasante Kutschfahrt mitsamt dem Einsatz von Polizeimotorrädern. Das Budget scheint sowieso recht hoch gewesen zu sein, denn das Set wurde sehr schön dekoriert und auch der Einsatz von Fahrzeugen spricht für sich. Negativ anzukreiden sind die vielleicht zu stereotypen Personen, wie eben der tolpatschige Paul oder die hysterischen Cousinen, die verschrobene Haushälterin, der verwirrte Professor bzw. Arzt, der doch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem guten Dr. Caligari hat etc. Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Anzahl der verschiedenen Charaktere, da hier versäumt wird auf manche näher einzugehen, da das Augenmerk doch verstärkt bei Annabelle West liegt. So sind die vielen Personen eher Mittel zum Zweck, was etwas schade ist, da man so vielleicht etwas mehr aus dem Film hätte herausholen können.

Auf der Seite der Schauspieler gibt es das für die damalige Zeit übliche Overacting und die dramatischen Gesten und das ausschweifende Mienenspiel wirkt für unsere Verhältnisse sicherlich befremdlich, erfüllt aber seinen Zweck. So erscheint das Gebotene auch den Umständen entsprechend und erfüllt den Zweck eigentlich vollkommen. Laura La Plante (Annabelle West) versucht die Angst und Verunsicherung ihrer Rolle glaubhaft dem Publikum zu übermitteln, während Martha Mattox alias Mammy Pleasant dagegen versucht ihren einen, finsteren Gesichtsausdruck über die gesamte Spielzeit aufrecht zu erhalten, was ihr auch eindrucksvoll gelingt. Creighton Hale, der uns den Paul Jones zum Besten gibt, kann, wie schon erwähnt, durch seine komödiantischen Einlagen die Situation erheitern und wenn das gelingt, was will man da schon mehr. Man hat Alles irgendwo schon irgendwie besser gesehen, doch hier reicht es vollkommen aus. Eine weitere Stärke, neben der schönen Kameraarbeit, ist der Einsatz der Filmmusik, die zur Zeit der Stummfilme eine noch wichtigere Rolle bei der Unterstützung der gezeigten Bilder hatte, als sie es heutzutage hat. Gleich von Beginn an ist sie präsent und untermalt das Geschehen optimal, sei es durch bedrückende Schwere und spannungssteigernde Elemente oder aber durch leichtgängige Klänge bei den seichten Momenten. Die Wirkung wird dabei so gut wie nie verfehlt.
Interessant sind bei dem Film übrigens auch die „dynamischen“ Zwischentitel, die dem Werk so noch mehr Leben einhauchen.

So ist „The Cat and the Canary“ ein sehr erfreulicher Vertreter des Genres, der durch eine spannende Story, angemessene Schauspieler und schöne Musik überzeugen kann und somit für alle Freunde von Stumm- bzw. Mystery/Gruselfilmen sicherlich einen Blick wert ist. Mit einer besseren Einbindung der weiteren Schauspieler hätte man hier sicherlich ein noch besseres Ergebnis erreichen können, doch auch so reicht es zu knappen 8 Punkten.

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