Review

"Viva la muerte!" - Lang lebe der Tot! Den Tod bekommen wir in diesem Film des Öfteren zusehen. Sei es, wenn der junge Fando ein Insekt auf seiner Schulbank in zwei Hälften teilt, und mit ansieht, wie der zappelnde Torso des Tieres sich gegen den gewalttätigen Übergriff zu wehren versucht. Oder auch am Ende des Films, wo einem Stier die Kehle aufgeschnitten wird, und Tonnen von Blut auf die Straße quellen. Harter Tobak sind jene Bilder, denn der Exil-Spanier und Dramatiker Fernando Arrabal ist nicht gerade zimperlich, wenn er in seinem Filmdebüt eine autobiographisch getünchte Jugendgeschichte erzählt.

Fando lebt in ärmlichen Verhältnissen in Spanien auf. Da sich sein Vater zu den Zeiten des spanischen Bürgerkrieges einst auf die Seite der Kommunisten schlug, wurde er von seiner Ehefrau verraten, und ins Gefängnis gesteckt. Die Frage, ob sein Vater noch lebe, oder nicht, quält den Jungen sehr, jedoch verweigert seine Mutter das Thema beharrlich. Fandos Gedankenwelt wird uns deutlich dargelegt, indem Regisseur Arrabal einfarbig gedrehte Traumsequenzen einstreut, die oft von surrealer und abstoßender Kraft sind. Es ist die Gedankenwelt eines Kindes, das in einem Ozean des Chaos zwischen Faschismus, Familie und Religion aufwächst. Fando wird sich im Klaren darüber, dass es seine geliebte Mutter es war, die den Vater an die Gesetzeshüter verraten hatte, und dass sein Vater eventuell noch am Leben sein könne.

Jedoch ist es nicht die direkte Suche nach seinem Vater, die vom Plot umrissen wird. Die eigentliche Suche, obwohl sie anders ausfällt, als man sich vorstellen mag, beginnt erst am Ende des Films. Davor muss sich Fando mit in Familientraditionen verwurzelten, religiösen Kuriositäten und einer eigenen verwirrten, kindlichen Sexualität auseinandersetzen. Beides verschmilzt ineinander, als er seine nackte Tante auspeitschen muss, um ein Opfer für den toten Großvater zu bringen. Ebenso verwirrend sind das Würfelspiel auf der Straße, oder die politischen Exekutionen auf einem nahe gelegenen Friedhof.

Eine wirkliche Storyline scheint nicht zu existieren. Viel lieber spielt Arrabal zwischen normalen Kinobildern und auf Video gebannten Surrealsequenzen herum. Oftmals ist der Film für einige Minuten nur eine Abfolge von surrealer Bildästhetik, ohne überhaupt der Geschichte nachzukommen. Da sehen wir Fandos Vater bis zum Halse in den Wüstensand gebuddelt, bis Pferde am Horizont erscheinen. Einer der Reiter stürmt mit dem Pferd im Galopp über den Kopf, und tötet den Mann damit. Später werden einem katholischen Priester die Hoden abgeschnitten, die er verspeist, und diese Zeremonie als göttliche Erleuchtung preist. Später uriniert der lachende Fando von einem Leuchtturm auf die spanische Stadt, während wir im Gegenschnitt gigantische Überschwemmungen sehen. In den Credits sehen wir Hieronymus Bosch-artige Höllenzeichnungen, die von Arrabals Weggefährten Topor gestaltet worden sind.

All das ist nicht immer einfach zu entschlüsseln, doch wie oft bei den surrealistischen Filmen war dies auch nicht die Intention des Machers. Arrabal möchte nur zum Nachdenken anregen, uns durch uneindeutige Surrealismen zum Reflektieren zwingen, anstatt uns korrekte Aussagen vorzuwerfen. Die kriegserschütterte Welt aus den beeinflussbaren Augen eines fantasiereichen Kindes ist oft ehrlicher als alle amerikanischen Kriegsfilme in ihren patriotistischen Manierismen. Und so bekommen wir nur ein Gefühl davon, was uns Arrabal sagen möchte, oder wie seine eigene Jugend ausgesehen haben muss.

"Viva la muerte" ist ein Surrealmeisterwerk, ohne Frage. Oftmals schwierig, fast immer sperrig und unzugänglich. Und kaum scheint der Film fünf Minuten sich in konventionelle Bahnen zu bewegen, bricht er wieder gnadenlos aus, und zeigt uns Bilder, die wir nicht erträumt haben zu sehen. Bilder von toten Tieren, von herausgespießten Augen, von Exekutionen durch den Anus und von einem in der Todeszelle sitzenden Mann, der von seiner Frau als Toilette benutzt wird. Sicherlich nicht für Mainstream-Einsteiger geeignet!

Details
Ähnliche Filme