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Rize – uns hält nichts auf

Vergesst den alten Standardtanz, vergesst Foxtrott, Ballet und Co. Hier kommt die neue, wilde und unbändige Art des Tanzens: „Clowning“. Zusammen mit den Krumpers revolutionieren die Clowns seit 1992 die Tanzwelt. Von Missy E bis zu den Chemical Brothers reichen ihre Fans und Gönner und ein Ende ist nicht in Sicht.

Mit eindringlichen Bildern von Rassenunruhen in und um Los Angeles beginnt der Film. Tage und Wochen die 1965 und 1992 viel Blut und Leid gesehen haben. Doch 2002 keimt eine neue Hoffnung auf. Nicht eine Person, Idee oder Philosophie veränderte das Leben im Ghetto sondern ein Tanzstil. Fernab von Auffangstationen und staatlichen Einrichtungen entstand eine Bewegung, von Jugendlichen für Jugendliche, die allen Beteiligten wieder Mut macht. Auslöser, und noch heute wichtiger Bestandteil der Szene, ist Tommy the Clown. 1992, als Los Angeles von den Rodney-King-Aufständen erschüttert wurde begann er sich zu schminken. Mit seinem Auto tingelte er durch die Nachbarschaft und zeigte seine eigenwillige Show. Ein Potpourri aus Entertainment, Humor und Tanzen machten ihn berühmt. Und Tommy bekam bald Anhänger. Zusammen mit den Kids aus der Nachbarschaft trat er auf und wurde so eine Hoffnung für all jene, die selbst die Hoffnung aufgegeben hatten. Tight Eyez, Dragon, La Niña, Larry, Little Tight Eyez, und viele andere mehr schlossen sich dem Clown an. So begann die Szene zu wachsen und inzwischen haben selbst eingeschworene Gangs wie die Crips oder die Bloods Respekt vor den friedlichen Clowns. Doch wie ihr Tanz, entwickeln sich auch die Akteure weiter und spezialisieren sich in Krumping oder dem Stripper-dance. Natürlich begehren die Jungen gegen die Alten auf und so kommt es zum allesentscheidenden Wettkampf. Krumpers gegen Clowns! Wer wird gewinnen?

„Rize“ ist eine ehrliche Dokumentation, sie lässt die Akteure zu Wort kommen und sie zeichnet ein Bild fernab von all dem Gangstergehabe der sonst präsenten Jugendkultur. Als ein Hip Hoper der alten Schule, freut es mich, dass nicht alle früheren Ideale mit G-Unit, Aggro und Co verschwunden sind. Denn was Tommy und seine Leute auf die Beine gestellt haben ähnelt sehr den Idealen von Afrika Bambaataa.
Die Jugendlichen müssen weg von der Straße, mit ihren Drogen, den Banden und der Gewalt. Sie sollen ihre Wettstreite ohne Schießereien und Tote austragen sondern mit Wort oder mit Tanz. Die aufgestaute Wut wird nicht unterdrückt sondern kanalisiert in Schritte und Bewegungen. Der Hass und die Perspektivenlosigkeit verpuffen in einem Sturm wilder Tänze Und wenn doch mal kleinere Rivalitäten entstehen, dann entscheidet das Publikum.
Es ist nicht das erstemal das eine afroamerikanische Subkultur von einem weißen Regisseur nachgezeichnet wurde. Auch Genreklassiker wie „Wild Style“ oder „Style Wars“ wurden von, eigentlich Szenenfremden, Regisseuren verwirklicht. David LaChapelle, der bisher eher durch Videoclips und als Fotograf für Hochglanzmagazine auftrat, hat mit „Rize“ die Liste der politischen Tanzfilme erweitert. Er schafft eine Verbindung zwischen den Tänzen, der Geschichte und den persönlichen Geschichten. Sein Film ist weder ein rosa Traumland noch eine schwarze Zukunftsversion. Er fängt die Hoffnungen und Träume ebenso wie die Probleme ein und zeichnet ein hoffnungsvolles Bild für die Menschen. Auch wenn die Bilder, besonders durch die subjektive Kameraführung, manchmal einem poppig bunten Musikclip ähneln, muss man den Film ernst nehmen und Hoffnung aus ihm schöpfen.

Und seien wir ehrlich, gerade das Jammertal Deutschland hatte so etwas schon lange nötig.

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