An der Nordseite der Stadt Annapolis in Maryland, direkt an der Chesapeake Bay gelegen, befindet sich die im Jahre 1845 gegründete Marineakademie der Vereinigten Staaten von Amerika, in welcher Offizieranwärter für die Navy und das Marine Corps ausgebildet werden. Das Setting von Justin Lin´s Militär-Drama ist demnach schon vom Titel her klar und weckt dementsprechende Erwartungen, welche spätestens der Kinotrailer zu bestätigen scheint: Ein junger Bursche kämpft sich durch das harte Training, gerät mit seinem Vorgesetzen aneinander, entwickelt einen kräftigen Willen, den zähen Drill zu überstehen – zudem bekommt der Betrachter Aufnahmen von Fighterjets, Helikopter, Kriegsschiffen und U-Booten, ja sogar eine coole Explosion geboten, was, gemeinsam mit der Tagline „50.000 apply, 1.200 are accepted, only the best survive“, den Eindruck nährt, dass sich der Verlauf aller Wahrscheinlichkeit nach entlang der typischen Ausbildungsstationen bis hin zu einem finalen Kampfeinsatz hangeln wird, in dem sich die aus der Masse übrig gebliebenen Männer und Frauen dann beweisen bzw bewähren müssen. Immer im Hinterkopf, dass die betreffende Naval Academy das Pendant zur „US Air Force Academy“ sowie der „US Military Academy“ (der Army) ist, denkt man automatisch an einen klassischen „Formel-Film“ á la „Top Gun“ – umso überraschender die Erkenntnis beim Sichten, dass das zwar durchaus hinkommt, nur nicht so, wie man es (auch dank der Promos) erwartet hat: Alle Szenen der Kinovorschau, in denen Militärgerät zu sehen ist, befinden sich NICHT im fertigen Werk! Keine Mission – weder Boote auf See noch Flieger in der Luft! Schlimmer noch: Nicht einmal das Training steht im Vordergrund – nein, in „Annapolis“ geht es fast ausschließlich ums Boxen. Ansätze „G.I.Jane“-artiger Genre-Vertreter sind zwar noch immer vorhanden – doch hauptsächlich haben wir es hier eher mit einer Art „Rocky in Uniform“ zutun…
Schon seit klein auf hat Jake Huard (James Franco) immer davon geträumt, ein U.S.Naval Officer zu werden – ein engagiertes Bemühen, dieses Ziel zu erreichen, hat er gar seiner Mutter vor ihrem Tode versprochen, doch bislang verhinderten seine wenig berauschenden Noten eine Aufnahme in der alt-ehrwürdigen Akademie. Sein Vater (Brian Goodman) hält nicht viel von den Träumen seines Sohnes, da er ihn keineswegs für gewillt genug erachtet, die harte Ausbildung durchzustehen. Während Jake also weiterhin auf der Warteliste steht, verdient er sich seinen Lebensunterhalt in der Werft auf der anderen Seite des Flusses und führt ein traditionelles Arbeiterleben, gesellige Kneipenabende und gelegentliche Amateur-Boxkämpfe inklusive. Eines Tages, als der aktuelle Jahrgang eigentlich schon lange feststeht, taucht plötzlich Lt.Cmdr.Burton (Donnie Wahlberg) an den Docks auf und teilt ihm mit, dass einige Rekruten in letzter Sekunde abgesprungen sind, worauf er, dank seiner Beharrlichkeit (er hat die zuständige Stelle 34 Tage in Folge auf sein Begehren aufmerksam gemacht), nun nachgerückt sei.
Ohne Vorbereitungszeit meldet sich Jake daraufhin am nächsten Morgen zum Dienst – und erlebt gleich die erste Überraschung, denn die hübsche junge Dame namens Ali (Jordana Brewster), welche er am Abend zuvor in der örtlichen Bar unter unglücklichen Umständen (seine Kumpels überzeugten ihn davon, sie wäre eine Prostituierte, die sie ihm als „Abschiedsgeschenk“ gebucht hätten) kennengelernt hat, entpuppt sich als eine seiner Ausbilder. Man teilt ihm eine gemeinsame Stube mit den Kadetten Estrada (Wilmer Calderon), der unter den Schikanen des tendenziell rassistischen Ausbilders Whitaker (McCaleb Burnett) leidet, Loo (Roger Fan), einem Sport- und Wissens-Ass, sowie dem afroamerikanischen Südstaatler „Twins“ (Vicellous Reon Shannon) zu – letzterer hat seinen Spitznamen übrigens daher, dass er ziemlich korpulent ist. Jake´s Mangel an Fachwissen erntet ihm sehr bald den Missmut seiner Kameraden, denn, getreu dem „eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied“-Motto, führen seine Fehler konstant zu Strafen für die gesamte Einheit.
Sein persönliches Problem ist es außerdem, dass er sich einfach nicht helfen lassen will, was ihn an den Rand der Aufgabe zwängt – zumal sein kommandierender Offizier, Lt.Cole (Tyrese Gibson), ein kampferprobter, der Akademie nur temporär zugeteilter Marine, ihn nicht nur angesichts dieser Einstellung für unwürdig erachtet und fortan das Leben besonders schwer macht. Die einzige Aussicht, sich wahrhaft beweisen zu können, scheint ein Sieg beim traditionsreichen, alljährlichen „Brigades“-Box-Turnier darzustellen – beim Trainingskampf wird er allerdings von Cole förmlich deklassiert, worauf er überreagiert und in Folge dessen viel des letzten Respekts seines Umfelds einbüßt. Jetzt heißt es zwangsläufig: Kapitulieren oder die Hand nach Unterstützung ausstrecken – natürlich entscheidet er sich für letzteres, worauf Ali und Burton ihn im Ring zu trainieren beginnen, Twins ihm beim Lernen hilft. Stetig rückt der Wettkampf näher – doch dann wirft ihn ein schicksalhaftes Ereignis wiederum aus der Bahn, worauf er erneut die Beherrschung verliert, dieses Mal allerdings mit deutlich schwerwiegenderen Folgen…
„Annapolis“ ist einer dieser Produktionen, an denen man ein gewisses Maß an Gefallen findet, obwohl man genau weiß, wie übel die ganze Angelegenheit eigentlich ist, die einem da vorgesetzt wird – ein ebenfalls sehr häufig bei Sportfilmen, die auf wahren Begebenheiten beruhen, zu entdeckendes Phänomen, siehe „Coach Carter“ oder „Gridiron Gang“. Einfach alles ist vorhersehbar und weist (beinahe) keinerlei Reibungsfläche auf, so dass ein familienfreundliches „PG-13“-Rating nie in Gefahr steht. „An Officer and a Gentleman“ kommt unweigerlich, neben den bereits genannten Vorbildern, in den Sinn. Hier ist es die Paarung Franco/Gibson, welche in die Fußstapfen von Gere/Gossett, Moore/Mortensen, Cruise/Ironside, Cage/Jones (etc) tritt – einem Duell, dem man geradezu das Prädikat „light“ verleihen muss, denn es übersteigt nie der Intensität einer normalen militärischen Ausbildung, wobei ich mich nicht einmal auf die einer Elitetruppe beziehe. Hier gibt es im Grunde keine psychische Komponente der Konfrontation – die Sache wird halt am Ende im Ring ausgetragen. Sicher – der Weg, inklusive des damit einhergehenden Erkenntnisprozesses, ist das Ziel, nur wird die Botschaft in Anbetracht der physischen Austragungsweise automatisch mit einem Beigeschmack versehen, sofern man mal einen Augenblick lang darüber nachdenkt. Letzteres sollte man ohnehin besser unterlassen, denn einmal damit begonnen, gibt es nahezu kein Halten mehr: Es ist annähernd erschreckend, wie der Verlauf gegen Halbzeit ein Satz an Klischees (Underdog mit Autoritätsproblemen soll sich in ein straffes System integrieren) gegen ein komplett neues austauscht (Vorbereitung auf die Brigades, um sich im Zuge des Wettkampfs beweisen zu können). Von da an geht es nur noch um das Turnier – alles andere wird absolut nebensächlich. Die USA befinden sich aktuell im Krieg, was Cole immerzu betont, weshalb er Jake als Fehlbesetzung in der Rolle eines Soldaten sieht – abgesehen von diesen Worten bleibt das ganze Thema, also worauf die jungen Rekruten genau vorbereitet werden sollen, vollkommen ausgeklammert. Bis auf einige Läufe über die Hindernisbahn, Push-Ups, diverse theoretische Fragen sowie einer Sequenz in einem Wassertank, sieht man keinerlei klare Trainingsinhalte – dafür aber Seilspringen, Ausweichübungen und Sandsack-Dreschen in der Turnhalle. Manöver, ein Biwak oder der Umgang mit Waffen – Fehlanzeige. Selbst in Friedenszeiten hätte diese thematische Betrachtungs- bzw Herangehensweise nicht glaubhaft funktioniert.
Die Credits fördern folgende Verbindung zutage, die man auch als „Pop Quiz“-Frage verwenden könnte: Jordana Brewster war in „the Fast and the Furious“ zu sehen, Tyrese Gibson in „2 Fast 2 Furious“, Justin Lin inszenierte „Tokyo Drift“ (Teil 3 jener Reihe) – das muss nichts heißen, ich lass es aber einfach mal so im Raum stehen. Im Falle von Lin ist es trotzdem bezeichnend, denn der junge Regisseur galt nach seinem (u.a. auf dem „Sundance“-Festival) gefeierten Solo-Debüt „Better Luck Tomorrow“ (2002) als neue Hoffnung in der Branche, welche anscheinend extrem schnell vom Studiosystem weichgekaut und geschluckt wurde – weiter kann man sich kaum noch von Park City, Utah entfernen. Die Charaktere sind ausnahmslos stereotype Pappkameraden, wofür das Skript die Verantwortung trägt. Die Darsteller mühen sich hingegen redlich, diesem Eindruck entgegenzuwirken, weshalb die Performances mit zu den Stärken im Gesamtbild gezählt werden können. James Franco (aus der „Spider Man“-Franchise) ist hier, nach „the Great Raid“ sowie vor „Flyboys“, erneut in Uniform zu sehen und macht (körperlich) eine gute Figur, verbleibt in Sachen Ausdruckskraft allerdings ein wenig farblos. Auf der einen Seite ist Brewster („TCM: the Beginning“) zum niederknien hinreißend, charmant, sympathisch und hübsch – anderseits gerade deshalb eine komplette Fehlbesetzung, denn man nimmt ihr den Part als Ausbilderin nie ab. Gibson (“Four Brothers“/“Transformers“) indessen ist schlichtweg großartig – wie er aus seiner Überzeugung heraus die jungen Anwärter zu echten Offizieren formen will, wirkt absolut authentisch. Außerdem besitzt der Mann eine unglaubliche Ausstrahlung bzw Leinwandpräsenz. Darüber hinaus ist, bis auf die solide agierenden Vicellous Reon Shannon (“Last Flight Out“), Chi McBride (TV´s“Boston Public“/“Narc“) sowie Donnie Wahlberg (“Saw 2“), keiner der Rede wert.
Wenn man sich „Annapolis“ anschaut, ohne das eigene Gehirn einzuschalten (keine Sorge, diese „Mühe“ verlangt einem die Handlung zu keiner Zeit ab), könnte man den Film für einen optimales Werbevideo der Navy halten: Politik wird völlig ausgeklammert, das Training erscheint selbst für konditionell mäßig befähigte Personen schaffbar, man kann dort auf ereignisreiche Weise zu einer echten Persönlichkeit heranwachsen. Lauter hübsche Menschen, sexy Girls in Uniformen, Anerkennung, regelmäßiges Einkommen, die Aussicht auf Abenteuer an exotischen Orten – where can I sign up? Eine Antwort darauf bleibt dem Zuschauer verwehrt, denn das echte Militär wollte rein gar nichts mit dem Streifen zutun haben und verweigerte jegliche Unterstützung. Die zuständigen Entscheidungsträger führten als Begründung an, das Werk würde ein falsches Bild vermitteln, was wohl alles sagt. Egal, dachten sich die Produzenten, die Box Office wartet mit ihren eigenen Gesetzen auf, und so verlegte man die Dreharbeiten kurzerhand nach Philadelphia und nutzte irgendwelche Gebäude, die denen auf dem Gelände der Academy ähnlich sehen. Auf imposante militärische Sequenzen, zum Beispiel mit Kriegsgerät und vielen Truppen als Komparsen, musste folglich verzichtet werden – zum Glück griff man aber auch nicht auf Stock Footage zurück, wie es der Trailer, besonders angesichts dieser (Zwangs-) Lage, befürchten ließ.
Dave Collard („Out of Time“) hat beim Schreiben des Drehbuchs so ziemlich jedes Klischee der diversen Genres verwendet, die er zu diesem groben Mix zusammengeklaubt hat – hier eine kurze Auswahl: Jake´s Vater hält ihn für einen Loser, welcher eher auf der Werft arbeiten soll, als Träumen nachzueifern. Neben dem Hauptprotagonisten beherbergt die betreffende Stube noch einen Asiaten, Latino und Afroamerikaner, was wohl als „ethnische Ausgeglichenheit“ gelten kann. Jake muss sich ebenso die Anerkennung seitens seiner „Leidensgenossen“ hart erkämpfen. Ihm gelingt dies inmitten eines nächtlichen Gewitters, bei welchem er weiter Liegestütze machen soll, nachdem Cole die anderen bereits ins Gebäude hineinbeordert hat – in Anbetracht seines Willens, nicht aufzugeben, kehren sie schließlich zurück und stehen ihm bei, während der Score von Brian Tyler („Constantine“) das Gewicht der Situation aufdringlich unterstreicht. Beim großen Finalkampf kommt sein Dad anfangs nicht – erst später, was natürlich sofort bemerkt wird und dem Sohn zusätzliche innere Kraft verleiht. Das ist bloß ein Teil der Spitze des Eisbergs. Beispiele für die schwachen Dialoge lasse ich mal weg – im Gegensatz zu einer anderen Auffälligkeit, nämlich Collard´s unverkennbares Abkupfern bei „Top Gun“: Von der Anmache in der Bar, dieses Mal mit einer peinlichen Situation anstatt Gesang, über Ali´s Position als Vorgesetzte, bis hin zu ihrer Rolle als unterstützende Freundin im Rahmen der aufkeimenden Romanze, welche aber immer eine gewisse Distanz behält und nie in „take my Breath away“-Gefilde abgleitet (nichtsdestotrotz ist sie unrealistisch, da sie sich auch in der Öffentlichkeit ständig spürbar anflirten). Alles verläuft geradewegs von A nach Z, ganz ohne Schlenker oder Twists.
„Annapolis“ ist wie ein auf Zelluloid gebannter Klischee- und Stereotypen-Ausverkauf. Déjà-Vus treten häufiger auf als Beyoncé jenen Begriff im Laufe ihres gleichnamigen Songs ins Mikro schmettert, viele gebotene Impressionen verärgern aufgrund ihrer oberflächlichen sowie unglaubwürdigen Beschaffenheit. Die Sache ist nur folgende: Es ist schwierig, ein solch formelhaftes Produkt wirklich in den Sand zu setzen, da die bewährten Komponenten unweigerlich bestimmte Reaktionen seitens der Betrachter hervorrufen, denen man sich nur schwerlich entziehen kann. Wenn Twins berichtet, wie stolz die Menschen in seiner kleinen Heimatstadt auf ihn sind, so dass sie bei seiner Abreise gar eine bescheidene Parade für ihn auf die Beine gestellt haben, weshalb er den Gedanken nicht ertragen kann, sie zu enttäuschen und ohne Abschluss dorthin zurückzukehren, kann man das nachempfinden, es bewegt einen – zumal er die einzige Person ist, der das Skript etwas Tiefe verliehen hat. Das Allgemeinwissen, er wäre in der Realität aufgrund seines Übergewichts von vornherein eh keinesfalls zugelassen worden, wird von der Präsentation erfolgreich kaschiert bzw manipulativ in den Hintergrund gedrängt. Die traditionsreiche Underdog-Ausrichtung erfüllt ihren Zweck auch heute noch verdammt gut, zumal inspirierende Aspekte, mitsamt eines breit ausgerichteten Identifikationsfaktors, erneut sehr geschickt mit eingewoben wurden. Aus solchen Materialien werden „Crowd Pleaser“ wie „Remember the Titans“ oder „Rocky“ gestrickt. Es lässt sich zudem nicht verleugnen, dass Lin alles professionell, temporeich und optisch ansprechend in Szene gesetzt hat. Der knallharte, fesselnde Showdown im Ring, natürlich Cole vs. Huard, bildet schließlich den erwarteten Höhepunkt, welcher immerhin ausnehmend zu überzeugen vermag.
Was am Ende bleibt, ist eine teilweise unglückliche, wenig ausgefeilte sowie förmlich auf Autopilot voranschreitende Kombination aus Militär-, Coming-of-Age- und Box-Drama – mit einem begrenzten Unterhaltungswert. Es wäre schön, wenn sich Hollywood in Zukunft mal etwas Neues einfallen lassen würde. Ich meine, was soll denn bitteschön als nächstes kommen? Vielleicht eine weitere Variante genau dieser Geschichte, dieses Mal bei der Küstenwache, für die man einen aufstrebenden Jungschauspieler (Rekrut) und einen Flop-erprobten Altstar (Ausbilder) casten könnte…? Nee, so bankrott an Ideen werden die schon (noch) nicht sein – oder?!? Die Antwort kennt nur der „Guardian“…