Ich ging schon mit gemischten Gefühlen zur Kasse, um das Fahrticket zu lösen. Es sollte eine Fahrt ins Ungewisse werden - anfangs jedenfalls; demnach herrschte weder die Vorfreude noch die Abneigung, es könnte alles sein, die Spannung war groß.
Schnell kaufte ich noch etwas zu essen und auf ging es zum Bahnsteig. Der erste Schock schon gleich zu Beginn: eine Fahrt im „Buena Vista“-Express. Da bin ich doch schon vor zwei Wochen ins Unglück gefahren, nachdem ich mit Heath „Casanova“ Ledger reiste. Und meine Ahnungen sollten sich diesmal auch wieder bewahrheiten. Ich ahnte es, dass es ein Thrillertrip würde, da ich da aber sowieso bei Gelegenheit hinwollte, stieg ich ein, machte es mir auf dem Sitz bequem und weiß nun, dass ich besser den Sicherheitsgurt angelegt hätte, denn der Zug sollte „entgleisen“ und nur einen Trümmerhaufen zurücklassen…
Der Film beginnt also, recht vielversprechend sogar, lässt er sich dort doch noch nicht als Thriller deklarieren. Wer erinnert sich nicht noch an „Red Eye“, welcher ebenfalls anfangs nicht als Thriller zu erkennen war. Auch hier baut sich die Spannung nur langsam auf. Die Charaktere werden eingeführt, einer mehr, die andere weniger. Charles Schine (Clive Owen; „Closer“) lebt glücklich zusammen mit seiner Tochter und Frau Deanne (Melissa George; „The Amityville Horror“). Doch die Ehe wird überschattet von der Krankheit der Jüngsten. Viel Geld verschlangen die Genesungsversuche, allerdings blieb das Wundermittel bisher aus. Die Rettung soll jedoch nahen, denn seit Jahren sparten die Eltern für ein Medikament, das bald den Weg auf den Markt finden soll, es muss nur noch veröffentlicht werden und so warten sie jeden Tag auf die gute Nachricht. Dann lernt Charles durch einen Zufall die verheiratete Lucinda (Jennifer Aniston; „Along came Polly“) kennen. Sie leiht ihm im Zug Geld und die Schulden will er gleich am drauffolgenden Tag begleichen. Sie sehen sich wieder und wieder, bis die ersten Lügen anfangen und Deanne nicht die Wahrheit erfährt, als „er sich durch die Arbeit verspätet“, während er mit der verheirateten Dame alleine im Motel landet. Die Freude währt nicht lange, denn die Affäre soll bald ein jähes Ende finden, noch bevor Charles ihr unter die Wäsche gehen kann. LaRoche (Vincent Cassel; „Irréversible“) steht vor der Tür oder besser schon im Zimmer. Er bedroht die beiden, will Geld, Sex mit Lucinda, Charles eine verpassen und bemerkt, dass beide verheiratet sind, allerdings nicht miteinander. Grund genug für ein baldiges, erneutes Auffüllen seines Geldbeutels…
Ein leichter Ruck ging durch den Zug. Irgendwas schien jetzt schon nicht richtig rund zu laufen. Ein anfänglich fast unbemerktes Ruckeln wurde stärker und stärker, blieb dabei noch erträglich. Allerdings wollte der Zug nicht in Fahrt kommen. Es stockte geradezu und er bewegte sich nur im Schritttempo. Während ich mir schon überlegte an der nächsten Station auszusteigen, wurde es nach gut einer halben Stunde Fahrt endlich etwas rasanter. Vielleicht gab es nur leichte Probleme beim Start. Und vielleicht ging es jetzt spannend weiter, am besten gepaart mit einigen Überraschungen.
Auf die kann man hoffen, nachdem Charles seiner Tochter anfangs bei einer Buchbesprechung für die Schule hilft. Hier scheint sich der Film selbst analysieren zu wollen. Das Buch wird von Charles als „wendungsreich“ und „mit ausgearbeiteten Charakteren“ beschrieben. Ein Symbol für die folgenden anderthalb Stunden? Zum Teil. Die Charaktere werden ausufernd lange eingeleitet, obwohl Lucinda dabei etwas unter den Tisch fällt. Die Szenerie baut sich größtenteils auf Charles auf, wird von einer Seite betrachtet, allerdings weiß man immer mehr als der Protagonist selbst. Durch die beiden Faktoren werden Wendungen schon fast im Keim erstickt und die Analyse zerbricht, sobald sie auf den Film reflektiert werden soll. Aber ich möchte nicht weiter spoilern…
Wieder ein Ruck – diesmal wieder stärker als der letzte…
Aber folgen wir weiterhin der Geschichte:
Charles wird schon zwei Wochen nach dem Vorfall angerufen. LaRoche ist knapp bei Kasse, er will Geld, 20.000$ sollten erstmal reichen. Charles will daraufhin endgültig zur Polizei gehen, da er das hart verdiente Geld unbedingt für seine Tochter braucht. Allerdings spricht sich Lucinda wie auch direkt nach den Ereignissen dagegen aus. Ihrer Ehe täte es nicht gut, wenn ihre Affäre ans Licht käme. Also bleibt ihm nichts anderes über, als tief in die Tasche zu greifen.
Der bisher heftigste Ruckler erschütterte den Zug. Mein Gefühl wurde immer schlechter, etwas schien hier wirklich nicht zu stimmen…
Langsam sah ich das Problem aufkommen:
Die Frage ist, was Charles antreibt, die ganze Zeit ohne Polizei auszukommen. Ist ihm die Affäre, die flüchtige Bekanntschaft mit einer fast Unbekannten wichtiger, als seine langjährige Familie, die er hier vernachlässigt - zum Schutze Lucindas? Will er nur wegen eines Seitensprungs sein gesamtes Leben aufgeben und das seiner Tochter unnötig gefährden? Die Logik erfährt hier schon tiefe Risse. Nicht zu viel nachdenken, ist angesagt.
Der Zug fuhr immer noch unsanft, aber keiner stieg bisher aus. Es konnte nur besser werden. Die Hoffnung stirbt als letztes…
Als dann ein weiteres Mal Geld erpresst wird, diesmal 100.000$, wird es noch schlimmer mit der Logik – besser gesagt mit der Unlogik. Charles kratzt alles Geld zusammen, der Zufall spielt hier öfter eine Rolle, aber immer die richtige - für LaRoche. Der ist grundsätzlich einen Schritt voraus und man folgt gedanklich ihm, nicht Charles, der alles erst mitbekommt, wenn es schon zu spät ist. Ohne dass man LaRoche sieht, weiß man, was er plant, wo er ist, was er will. Charles versteht nichts, Lucinda, das unschuldige Opfer, stürzt ihn tiefer und tiefer in Schuldgefühle und wieder die Frage: Warum tut er sich und seiner Familie das an? „Lucinda über alles“ ist wohl das Motto, das ihn in den Ruin stürzen könnte…
Dann der Plottwist, der so absehbar ist, dass ich mich in meiner Langenweile schon gar nicht mehr drauf eingestimmt, ihn nicht mal richtig greifbar in meinen Gedanken gemacht habe, sodass ich schon fast überrascht war. Rückblickend natürlich alles andere als unoffensichtlich - und genau in diesem Moment wurde ich aus meinem Sitz gerissen.
Verflucht, keinen Gurt angelegt…
Metall schepperte, der Zug neigte sich, Funken sprühten durch die Gegend. Der Zug „entgleiste“ und das ungute Gefühl bestätigte sich. Wie sich am Ende der Reise herausstellen sollte, war es ein technisches Problem. Der Zug, auf seiner ersten Fahrt, war nur notdürftig zusammengeschustert worden und konnte nicht die komplette Fahrt über halten. Alles also nur wegen Stuart Beattie, der für die Konstruktion verantwortlich zeichnete. Sie scheiterte an genau dessen Arbeit. Niemand sonst konnte etwas dafür, schon gar nicht der Zugführer Mikael Håfström, der nachweislich einen guten Job machte und trotz seines Debüts auf dieser Strecke überzeugte. Aber niemand kann etwas lenken, das schon im Aufbau miserabel ist, sei er auch noch so gut.
Von nun an galt es nur noch, dort lebend herauszukommen. Und schon tauchte ein Lichtblick auf, besser gesagt war er zu hören: Sirenen. Sie wurden lauter...
Hoffnung stieg auf, denn der erste, und wahre, Showdown ist die erste und leider auch einzige spannende Szene des Films. Und sie geht für viele der Beteiligten nicht lebend aus – sollte man meinen. Es geschah das erste Mal im Film, dass sich die Situation in eine in Relation zum Rest überraschende Richtung bewegt und der Film so zu der Bezeichnung Thriller kommt; der erste Hauch von Spannung, ohne große Fragezeichen hinter die Frage zu setzen, wie es wohl alles enden mag. Rettet sich der Film auf der Schlussgeraden?
…doch ganz schnell waren sie wieder verklungen. Dass die schlimmsten Minuten noch vor mir lagen, realisierte ich, als zu allem Überfluss noch eine Sitzbank auf mich stürzte, einquetschte und auch für die restlichen Minuten gefangen hielt. Ich musste versuchen, mich zu befreien. Alles hatte den Anschein, als wäre es schon gelaufen und nun war ich wieder gefangen. Feuer brach aus und es wollte einfach keine Hilfe auftauchen.
Der Schlussgag ist so selten dämlich, dass man seine Gehirnzellen förmlich absterben hört. Als alles geregelt ist, folgen noch zehn qualvolle Schlussminuten, die kommen mussten, wenn man sich an den Beginn erinnert. Ein typischer 90 Minuten Film, der künstlich auf knapp 105 gestreckt wurde, ohne dass es nötig, logisch oder sinnvoll gewesen wäre. Wie es ausgeht, will ich nicht verraten, nur so viel: es ist ein Racheakt, wieder mit vielen Zufallsvariablen, die perfekt ineinander greifen, gespickt, eine Umkehrung der einstigen Situationen, nur um zu zeigen, dass… Ja, was eigentlich? Der Showdown ist blutig genug, das kann es nicht sein. Eine Aussage steckt auch nicht drin, der Kitsch überströmt schlussendlich alles. Hier verliert der Film alles, was er nie hatte und das ist beachtlich viel.
Dann der zweite Lichtblick, ein wahrer diesmal. Ein Sanitäter bahnte sich den Weg zu mir. Der nette Mann rettete mich aus dem Griff der Bank, woraufhin ich endlich ins Freie konnte; die Fahrt war zu Ende und ich bedankte mich bei meinem Gegenüber. Cassel war sein Name und er das einzige Highlight des gesamten Ereignisses.
Ich fuhr geplättet nach Hause, reservierte aber gleich die Karten für den nächsten Überraschungsausflug. „Nächstes Mal würde ich gerne mal wieder heile nach Hause kommen“ dachte ich insgeheim und die folgende Woche wird Aufschluss darüber geben, ob meine Wünsche erhört werden.
Bleibt festzuhalten, dass ich mir mehr über das verschwendete Geld für die Sneak Gedanken machte, als dem vorhersehbaren Plot zu folgen und den Plottwist schon am Anfang zu erraten. Schauspielerisch namhaft besetzt, spielt nur Cassel auf hervorragendem Niveau und die anderen, Owen, Aniston und George, an die Wand.
Cassel spielt den Psychopathen mit dem wandlungsreichen Verhalten, das von einem Moment auf den nächsten komplett umgekrempelt werden kann, eiskalt, unberechenbar, schlicht beängstigend. Dagegen wirkt Owen in seiner Rolle als verzweifelter Vater und Fremdgeher von den gegebenen Situationen überfahren und immer noch passabel, während die beiden Frauen relativ weit in den Hintergrund rücken. Aniston sieht gut aus, obwohl der Zahn der Zeit auch an ihr langsam etwas nagt, aber dafür dass sie eine gewisse Wandlung im Film erfährt, ist ihr Spiel zu konstant, zu undifferenziert, als dass diese spür- oder nachvollziehbar wäre.
Jedoch verblasst alles Gute (und das ist hier auch nicht überdurchschnittlich) gegen das Fehlen von Spannung und Logik, sprich mit dem Vorhandensein eines mangelhaften Drehbuchs, denn das ist für einen Thriller der Einbruch, das gänzliche Versagen. Mikael Håfström kann man genauso wenig einen Vorwurf machen wie letztes Jahr Robert Schwentke für „Flightplan“, der auch am Drehbuch scheiterte. Der Schwede liefert einen guten Einstand in Hollywood ab und braucht ebenfalls nur noch ein vernünftiges Drehbuch. Somit ist der Film zu Recht mit dem passenden Titel „Derailed“ gesegnet. Und ganz sicher ist das keine Selbstironie…