Review

Ohne, dass ich mich jetzt für schlauer als alle anderen halte oder die Review komplett nach Feuer und Schwefel duften soll: dass die Welt am Arsch ist wusste ich schon recht früh. Warum sonst flüchtet man sich sonst 16-jährig in die vergleichsweise heile Welt des Spannungskino, wo die Bedrohung mit dem hereinrollenden Abspann endet? Die Filmköche Cinecittas kennen da im Wesentlichen zwei zurecht sehr beliebte Geschmacksrichtungen: im Giallo-Subgenre haben es meist unbescholtene Bürger mit der Gefahr dahinschmilzendrt Ratio zu kämpfen, während im Poliziotesco die Frage, ob sich Verbrechen denn lohne, mit der blanken Faust beantwortet wird. So oder so: wenn am Ende der Schurke stirbt, dann ist die Welt in Ordnung. Nicht so im Genrehybriden "Der Tod trägt schwarzes Leder". Gerechtigkeit ist hier nicht, Optimismus noch weniger und außer Massimo Dallamano im Regiestuhl bekleckert sich hier bestenfalls die Hauptdarsteller, nicht aber deren Charaktere mit köstlichem Ruhm. Wohlige Fummelgrusel zum Einläuten eines hormongeschwängerten Date abends ist das hier mit Nichten. 

Vielleicht aus deswegen frühstückte ich diesen Film - bei Erst Sichtung knapp 19 - mit den Worten "Ganz okay" ab und würde erst 16 (!) Jahre später des Genies dieses Filmes gewahr. Zu verdanken habe ich das einem enthusiastischen Deliria Italiano - Forenmitglied, der beim öffentlichen Forentreffen 2025 den Film mit einer spürbaren Begeisterung und sehr großem Fachwissen anpries. Danke an besagten Unbekannten an der Stelle, dem gesagt sei: der Funke dieses Filmes ist übergesprungen.

Zu Beginn geht es dann direkt ins kalte Wasser und danach direkt zum Wechselbad in den Schmierkessel: ein Sprechet - in der deutschen Fassung der grandiose Manfred Schott - informiert den Zuschauer über eine Reihe verschwundene Schülerinnen einer gutbürgerliche Lehranstalt, von denen die Polizei die jüngste gerade vom Dachboden einer Wohnung pflücken: die entkleidete Jugendliche soll sich dort am Strang das Leben genommen und der Fall sich somit von Selbst erledigt haben. Wenig später stellt sich allerdings heraus, dass die schwangere Tote tatsächlich ermordet wurde und lediglich der Tatvertuschung wegen ans Seil gehangen wurde.

Die Staatsanwältin Stori (Giovanni Ralli) und der Polizeikomissar Solvestri (Claudia Casinelli) Nehmen die Ermittlungen gemeinsam auf und werden dabei recht schnell auf die Identität des Killers aufmerksam, der den beiden aber wiederholt entgleitet und putzmunter writermordet. Im Laufe der Ermittlungen stoßen die beiden ihre neugierigen Finger in ein Wespennest aus Prostitution, Pädophile und korrupter Politik, in deren Namen der Killer - ein junger Motorradfahrer mit Lederdress und Fleischerbeil - regelmäßig zur Zeugen Beseitigung anrückt.

Der Film hat es in sich: Massimo Dallamano überstreckt die Geduld des Zuschauers gegen Ende zwar bis zur Schmerzgrenze, aber es zählt sich aus, dieses Katz und Maus - Spiel zu spielen. Der Hackhans auf Todesfahrt beschert uns ein ums andere spannende Jagdszenen mit verspielten Kameraperspektiven, für die Franco Delli Colli die Heiligsprechung verdient hätte, wenn es denn eine Kirche des Kinos gäbe. Der sperrlich eingesetzte, aber effektive Score von Stelvio Cipriani veredelt diese Sequenzen zusätzlich.

Spannend ist hier die Herangehensweise von Dallamano und Co-Autor Ettore Sanzo, die auf gebretypischen Konservatismus weitgehend verzichten: das ausführende Organ der Morde ist zwar ein archetypischer Motorradrebell in schwarz, dessen Drahtzieher aber aus genau der konservativen Oberschicht entstammt, gegen die er eigentlich rebellieren sollte. Stattdessen lässt er sich von alternden Ex-Faschisten als Müllmann in Sachen Zeugenbeiseitigung anheuern und spielt der älteren Generation bei ihrem miesen Menschenpoker in die Karten. Oder anders gesagz: das eigentliche Übel sind im weitesten Sinne Altnazis, die das tun, was sie am besten können: die Jugend des eigenen Landes verwursten, in dem Fall ganz im Sinne von Triebstillung und Gewinnmaximierung. Die Hackebeilsymbolik ist also mehr als passend gewählt.

In Zeiten, wo die Combs, Epsteins und Watkins der Welt leider nur die prominente Speerspitze einer weltweiten Negativentwicklung darstellen hat der Film einen derben, sauren Beigeschmack, der aber mitnichten vom Moralin kommt. Vielmehr machen einem die Überschneidungen zur Realität den Film bräsig und leicht triggerbaren Individuen empfehle ich, diesen Film im persönlichen Italokanon zu überspringen. Der abgehärtete Italofan hingegen sollte zugreifen und genießen, sofern man einen Film, der so widerliche Umstänflde so schmerzhaft deutlich inszeniert denn von Vergnügen reden kann. An der Großartigkeit dieses Thrillers ändert dies jedoch nichts. 

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