Review

"Es ist nicht zu leugnen, daß das leidenschaftliche Engagement, das ein Kritiker in seiner Auseinandersetzung mit spezifischen Kunstwerken einbringt, auch viel über den Kritiker selbst aussagt."

Dieses Zitat aus der Einleitung des Buches "Alfred Hitchcock und seine Filme" von Donald Spoto formuliert in etwa das Problem, mit dem ich beim Verfassen einer Rezension zu einem Low-Budget-Kurzfilm konfrontiert werde. Ich drehe nämlich in meiner Freizeit selbst Amateur-Kurzfilme ohne Budget. Und da Dennis Knickels Debütfilm "Die Treppe" auch noch ein mit schwarzem Humor durchzogener, satirischer Trashfilm ist, von denen ich auch ein paar gedreht habe, wird dieses Problem auch noch verschärft. Trotzdem wage ich den Versuch und versuche den Film den Umständen entsprechend objektiv zu untersuchen.

Zunächst fällt auf, dass "Die Treppe" ausserordentlich professionell produziert worden ist. Dennis Knickel filmt nicht nur mit einer sehr guten Kamera, sondern konnte auch Schauspieler vom Theater engagieren, die ihre Sache für den Rahmen eines Amaterufilms sehr gut machen. Vor allem Gerry Jansen als der "Kaltblütige" liefert eine gelungene Performance ab. Jörg Germann als Kriminaloberkommissar Braun steht dieser Leistung im Gegensatz zur etwas farblosen Ariane Klüpfel ("Schatz"), die in ihrer rolle sichtlich unterfordert ist, nur wenig nach.

Dennis Knickel hat sich vom Beleuchter über ein Special-Effects-Team bis zur Maskenbildnerin einen zahlreichen Stab herangeholt, der zumindest im Abspann einer professionellen Produktion in nichts nachsteht. Und es ist allein eine beachtliche Leistung des Amateur-Filmers diese Crew für einen Dreh auch durchgängig bei der Sache zu halten. Trotzdem kommt die Frage auf, ob bei einer bis auf die Spezialeffekte minimalistischen Produktion ein derart großes Team nötig war oder ob ein bedeutend kleineres, konzentriertes Team nicht ausreichend und vielleicht sogar fruchtbarer gewesen wäre. Dennoch merkt man dem Film seine liebevolle und professionelle Machart deutlich an.

Die Kamerarbeit ist sehr solide und für das Erzählen der Geschichte absolut ausreichend. Die kleine Kamerafahrt, als der Kaltblütige die Wohnung betritt ist schlichtweg genial und fast schon zu gut für einen Trashfilm. Der Schnitt ist insgesamt ebenfalls solide, zuweilen aber etwas zu ruppig. Aber gerade diese kleinen Schwächen beim Schnitt passen hervorragend zum trashigen Grundton des Films. Der plötzlich einfallende Schnitt auf die an der Tür herabsinkende Freundin
wirkt sehr trash-bewusst und kann beim Betrachter einen positiv aufzufassenden Lacher hervorrufen. Beim Thema Montage muss noch die Eingangsszene erwähnt werden, die - wenn auch etwas zu lang - sehr gut geschnitten ist. Auch die Schnittfolge am Ende und die Abblende nach dem Schuss des Kommissars sind hervorragend in Szene gesetzt. Die Musik und die ganze Soundgestaltung sind ebenfalls nicht zu bemängeln und hinterlassen einen gelungenen Gesamteindruck auf der filmtechnischen Ebene, der von den absolut überzeugenden Spezialeffekten abgerundet wird.

Diese Spezialeffekte werden allerdings nicht wie üblich zum Selbstzweck degradiert, sondern spielen in dem eher kleinen Film eine Nebenrolle. Abgesehen von der Einleitung am Straßenrand spielt "Die Treppe" nur an einem Ort, dem besagten Treppenhaus. Ausserdem gibt es nur einen Erzählstrang und einen chronolgischen Ablauf ohne Rückblenden oder ähnlichem. "Die Treppe" wahrt also die Einheit von Ort, Zeit und Handlung und ist auch in seiner Figurenentwicklung und stilistischen Umsetzung sehr minimalisitsch (einfache Schnitte, meist schlichte Bildästhetik, im Hauptteil keine Musik,...), was die Geschichte sowie ihre Figuren in den Vordergrund treten lässt.

Die absurd-makabre Geschichte und das Spiel der beiden männlichen Protagonisten schaffen es letztlich "Die Treppe" zu einem gelungenen Film werden zu lassen. Von Beginn an wird der Zuschauer auf subtile, teilweise aber auch sehr direkte Art, von absurden Ereignissen in den Bann gezogen. Es macht unglaublich viel Spaß zu sehen wie der Kaltblütige die Leiche eines Polizisten die Treppe hochziehen muss, weil sie mit Handschellen an ihn gekettet ist. Das Auftreten des Kriminaloberkommissars Braun (!)folgt zugleich und so geht es Schlag auf Schlag - eine trashige Idee jagt die nächste. Lediglich das Warten auf die Polizei gegen Ende ist zu lang und lässt die Spannungswelle kurzzeitig abflachen. Das Finale selbst ist dann wieder überzeugend, zwar nicht gerade überraschend und ein wenig platt, aber genau richtig für einen ironischen Trashfilm und zugleich der Höhepunkt der Ereignisse auf der Treppe.

Die Dialoge sind gut gelungen und gerade das wiederholte "Schatz" sorgt für Stimmung beim Publikum (obwohl es vielleicht zweimal zu oft vorkommt). Einziges Manko der Dialoggestaltung ist die oben angedeutete stellenweise übertriebene Länge (betrifft vor allem die Dialoge zwischen Jansen und Klüpfel). Kürzere Wortwechsel hätten die ohnehin im wesentlichen über die Bilder transportierte Story vermutlich besser unterstützen können.

Insgesamt ist Dennis Knickels Debütfilm überaus ambitioniert und in jedem Fall solide umgesetzt. Die ironische und vor allem mit schwarzem Humor gewürzte Geschichte wird meistens voller Ideenreichtum inszeniert (genialer Einfall: "Für einen kurzen Moment dachte ich sie meinen mich..") und zumindest von Gerry Jansen und Jörg Germann sehr überzeugend gespielt. Die oben erwähnten kleineren Schwächen lassen jedoch keinen komplett zufriedenstellenden Gesamteindruck zurück.

Für ein Erstlingswerk ohne nennenswertes Büdget ist "Die Treppe" jedenfalls überraschend gut und lässt auf weitere Projekte von Dennis Knickel hoffen.

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