Mit dem fünften Beitrag zur Sherlock-Holmes-Serie (dem dritten bei Universal) begann die Phase der Entstellung der Filme durch den deutschen Verleih. Von nun an wurde es üblich, gewisse Nazi-Bezüge aus den Filmen zu tilgen, sie zu kürzen oder gänzlich zu entstellen - in diesem Fall fielen der Schere fast sechseinhalb Minuten (bei einer Lauflänge von 66 Minuten) zum Opfer.
Noch immer ist die Kriegsthematik beherrschend, doch der Ausflug nach Amerika (der übrigens auf keiner Originalgeschichte auch nur in Teilen basierte) verwischt die Grenzen etwas, indem anderen Filmvorbildern nacheifert, die recht unterhaltsam geraten sind.
Tatsächlich erinnert der Film etwas an einen typischen Hitchcockfilm, der Mikrofilm, dem hier die Guten und die Bösen hinterherjagen, ist nicht mehr als ein typischer McGuffin, der die Handlung am Laufen halten soll, ohne daß man je etwas von seinem wahren Inhalt erfährt. Handelt es sich in der Originalfassung um ein Geheimdokument, so machte man in der deutschen Fassung daraus eine Formel für ein neues Medikament, das als Gift mißbraucht werden könnte und aus Agenten wurde schlichtweg Detektive und Gangster - ohne daß man damit dem Film irgendetwas raubte oder hinzugefügt hätte.
Auch die Identität des Bösewichts, hier ist wieder einmal der schlichte und brilliante George Zucco zu sehen, wurde in der deutschen Fassung verklärt. Der Ex-Spion der Deutschen aus dem 1.Weltkrieg (und jetzige Feind der Demokratie), Heinrich Henkel, hat zwar seltsamerweise noch seinen richtigen Namen, als Holmes seine Scheinidentität durchschaut, ist aber sonst von jedem deutschen Bezug gereinigt.
Die Reise nach Washington beginnt effektvoll mit einer suspensereichen Szene, als ein britischer Agent in einem vollbesetzten Clubwagen eines Zuges Gefahr läuft, gekidnappt und des Films beraubt zu werden und bemüht ist, dieses Ziel irgendwie zu verstecken. Der Mikrofilm landet schließlich in einem Streichholzbriefchen, daß er einer jungen Frau zukommen läßt.
In der Folge wechselt dieses (ergiebige) Briefchen während des ganzen Films x-mal den Besitzer und kehrt auch öfters an seinen ursprünglichen Besitzer zurück, um schließlich beim Gegner selbst zu landen, der es mehrfach ohne davon zu wissen, verwendet. Da der Zuschauer mehr weiß als die Beteiligten (auch wenn Holmes ganz typisch schon bald deduktiv herausfindet, daß es sich um einen Mikrofilm handeln muß), erweist sich die Verfolgungsjagd als recht reizvoll, da sie zu einem Wettrennen auf die junge Dame wird.
Nicht ganz so ausgeprägt ausgespielt, ist die Beziehung zu den technisiert aufgesetzten amerikanischen Ermittlungsbehörden und der leichte Konkurrenzkampf, bei dem der Detektiv am Ende natürlich die Nase vorn hat, als er sich allein in die Höhle des Löwen begibt, einen Antiquitätenladen voller Gangster und Todesfallen.
Viel schlimmer ist die Abstufung Watsons zu einem typisch naiv-dämlichen Touristen, der aus seinem Reiseführer vorliest, Sehenswürdigkeiten bestaunt und auch sonst um des Humors Willen die Differenzen zwischen alter und neuer Welt betont, ohne mehr als ein leicht weltfremder Klotz am Bein zu sein.
Der große Einsatz relativ mäßiger (bei den Rückblenden sogar mieser) Stock-Footage-Szenen von Washington schmälert das Vergnügen noch weiter, jedoch hat man mit der Zugszene und den vielen farbigen Charakteren (inclusive des typisch gezeichneten schwarzen Stewards) durchaus viel Freude und das Tempo ist hoch genug, um den Film am Laufen zu halten.
Ab diesem Punkt war die Patriotismuskarte dann zum Glück ziemlich ausgereizt und die Realitätsbezüge zum zweiten Weltkrieg ließen zunehmend nach, was der Serie zugute kam. Als Serienbeitrag nicht so hoch angesehen, gefiel mir "...in Washington" jedoch vom Standpunkt der Unterhaltung her wesentlich besser als sein unmittelbarer Vorgänger, da abseits der Watsonschen Ausfälle viel Deduktion und Detektivarbeit im Spiel ist. (6/10)