Review

Zu den ungewöhnlichsten und interessantesten Entdeckungen, die ich in letzter Zeit machen durfte, zählt sicherlich der 1955er Film „Mord ohne Mörder“, der allerdings im Internet eher als OV „Three Cases of Murder“ bekannt ist – und der schon im Titel vorgibt, worum es sich handelt: einen Omnibusfilm mit drei Episoden.

Gedreht in wunderschönem Schwarz-Weiss deckt der von Eamonn Andrews conferencierte Film mehrere Genres ab: Horror, düstere Fantasy und eine abgründige Mordgeschichte, wobei der 1982 viel zu früh gestorbene Alan Badel, ein Charaktergesicht par excellence, in allen drei Geschichten als quasi verbindendes Element auftritt.

Geworben wurde dabei natürlich mit dem großen Namen Orson Welles, der sich aber nur in der letzten Episode die Ehre gibt, aber dabei hat er reichlich Spaß und reißt praktisch jede Szene an sich.

Es geht los mit „In the Picture“, einer Story, die auch gut in jeder Horror-Anthologie oder in der „Twilight Zone“ gepasst hätte. In einem Museum mit Gemäldegalerie werden immer wieder Glassscheiben zum Bilderschutz zerstört aufgefunden. Der Angestellte Jarvis begegnet eines Tages einen unbekannten Besucher, der ihn über ein seltsames und undatiertes Gemälde befragt, welches ein düsteres Haus in einer wilden unwegsamen Landschaft zeigt. Der Besucher ist der Meinung, das Bild sei unvollendet und lädt Jarvis ein, es sich mit ihm näher anzusehen und kurz darauf…befinden sie sich beide in dem Bild auf dem Weg in das Haus…

„In the Picture“ ist eine üble Geschichte, die so viele rote Warnlampen zum Leuchten bringt, dass man damit ein Kaufhaus erhellen könnte und es überführt seine Protagonisten in die bizarre Atmosphäre innerhalb des gemalten Gebäudes, wo Figuren aus mehreren Bildern residieren. Sie ist zwar etwas zu ruhig und dialoglastig, aber das Gefühl des „impending doom“ lässt den Zuschauer aufmerksam weiterschauen und die Idee dahinter ist „Twilight Zone“-würdig. Badel spielt den geheimnisvollen Mr.X, dem noch kreative Ideen für die Gesamtkomposition seines eigenen Gemäldes fehlen und die finale Pointe ist enorm creepy.

Danach geht es dann mal nicht übernatürlich zu, denn „You Killed Elizabeth“ ist praktisch eine Blaupause für die vielen Kriminalstories mit fieser Pointe, mit denen – genau – Alfred Hitchcock dann im TV im Kurzformat großen Erfolg hatte. Emrys Jones und John Gregson spielen die „Freunde seit frühester Jugend“ George und Edgar, bei denen Edgar der große Macher und in gewisser Weise auch „Ladies Man“ ist, der dem Feiern nie abgeneigt ist. Allerdings leidet er bei großem Alkoholkonsum unter Blackouts, die George dann später aufklären muss, wie wir von dem uns alles erzählenden George informiert werden – ein Detail, was natürlich noch wichtig werden soll.

Alles wird anders als George Elizabeth kennen lernt und offenbar hingerissen ist, aber obwohl sich alles hübsch entwickelt – sobald Edgar dazu kommt, ist George plötzlich vergessen. Das ist ein verblüffender Effekt, denn George akzeptiert mal wieder schweren Herzens die Niederlage, viele Worte hat die Schöne nicht für ihn übrig und Edgar ist zwar knapp vor untröstlich, aber sein Charme hat mal wieder gewirkt.

Bis eben zu dem Tag, als er mal wieder einen Blackout hatte und dann Elizabeths Leiche gefunden wird…

„You Killed Elizabeth“ ist auch wieder ein hübsch böses Stück mit zahlreichen Wendungen und Twists, die man so nicht eben ahnen kann und funktioniert als Mini-Thriller ganz prachtvoll. Alan Badel ist hier als Barkeeper Harry zu sehen, dem am Ende sogar noch eine kleine Schlüsselrolle zukommt.

Den Abschluss macht dann Orson Welles mit „Lord Mountdrago“ – und ja, er MACHT den Abschluss. Basierend auf einer Story von W.Somerset Maugham hat diese Episode ein gewaltiges Augenzwinkern im Gepäck, wenn auch der schon gewichtige Welles mit Augenrollen und Charismas wie ein schwarzes Loch praktisch jede Szene aufsaugt. Aber man bekommt ja was dafür zurück.

Welles spielt den titelgebenden Politiker, dessen rhetorische Künste im Parlament so gut sind, dass der Premierminister sich praktisch ständig auf ihn stützt. Als er Mr.Owen von der Gegenseite (offenbar gehört er zu Labour) gekonnt auskontert und herabsetzt, gibt dieser politisch auf, Gegenwehr zu leisten, kündigt aber Widerstand in einer anderen Form an. Und tatsächlich hat Mountdrago in der Folge beunruhigende Träume, in denen er etwa während einer Rede im Parlament überraschend in ein Lied ausbricht, dem sich dann noch alle anschließen, während sein Widersacher diabolisch lächelnd zusieht. Das geht nach und nach natürlich auf die Amtssicherheit des von sich Überzeugten und er sucht am Ende sogar psychiatrische Hilfe auf, denn die Träume haben einen gewissen Wiederhall in der Realität. Als er schließlich annimmt, dass Owen seine Träume beeinflussen kann, greift er zu drastischen Mitteln – im Traum…

Wenn man mal von Welles als One-Man-Band absieht (der wohl auch die Regie quasi an sich riss), macht Badel als „Owen“ auch hier wieder eine gute Figur und die Episode rundet einen bisher enorm düsteren Film eher humoristisch ab, auch wenn das Finale natürlich wieder sehr grimmig ausfällt.

Dennoch ist dieser Omnibus-Film – der von Eamonn Andrews als eine Art Rod Serling am Kamin moderiert wird – ein überraschend vergnügliches Tryptichon von Ideen, die später in anderer Serienform große Zuschauerschichten ansprechen sollten und somit quasi seiner Zeit voraus, denn obwohl 1955 veröffentlicht, wurde die Produktion wohl schon 1953 abgeschlossen. In prägnantem Schwarz-Weiss ein schön abgründiges Vergnügen, welches es in Deutschland sogar auf eine DVD geschafft hat, wenn auch seltsamerweise in der Krimi Classics Collection unter der großen Überschrift „Edgar Wallace“, der nun so gar nichts mit diesen Episoden zu tun hatte. (7,5/10)











Details