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Die Liebe, das Leben und der Tod - die wohl existentiellsten Aspekte des menschlichen Daseins, werden im Film immer wieder in verschiedenster Art und Weise thematisiert, selten aber so direkt und gleichzeitig so unnahbar wie im Erstlingswerk des gebürtigen Flensburgers Till Franzen, der seinen großen Vorbildern, insbesondere David Lynch, stilistisch gekonnt nacheifert, dabei aber auch seine eigenen erzählerischen Ideen nicht zu kurz kommen lässt.

Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters macht sich Momme (Antoine Monot Jr.) auf den Weg nach Flensburg, um seinem Großvater (Joost Siedhoff ) die traurige Nachricht zu übermitteln. Er findet ihn schließlich in seinem Schrebergarten, doch eine wirkliche Kommunikation findet zwischen den beiden Trauernden nicht statt. Noch in der gleichen Nacht lernt Momme auf einer bizarren Party die Dänin Lene (Beate Bille) kennen – schnell wird beiden klar, dass sie füreinander bestimmt sind, doch am nächsten Morgen trennen sich ihre Wege vorerst.
Zur gleichen Zeit wird der schrullige Hauptkommissar Poulsen (Dominique Horwitz) in den Vorruhestand versetzt. Doch dieser kann sich von seinem Job, der sein Leben war, nicht lösen. Erst die Bekanntschaft zu seiner neuen Nachbarin Frau Marx (Hanna Schygulla) lässt den zutiefst einsamen Mann langsam zur Besinnung kommen.

Die beiden Handlungsstränge sind auf geschickte Weise miteinander verwoben, denn trotz der unterschiedlichen Ausgangspositionen gibt es zwischen ihnen immer wieder Überschneidungen, die nicht nur auf narrativer Ebene gut funktionieren, sondern sich auch zwischen den Zeilen sehr ähneln – geht es doch bei beiden Geschichten um das Loslassen, den Abschied und den Neuanfang, der in beiden Fällen sowohl mit dem Mechanismus der Verdrängung als auch der Chance auf eine neue Liebe verknüpft ist. Während der introvertierte Momme in der Zuneigung zu Lene seine Erlösung bereits gefunden zu haben glaubt, sträubt sich der dauerhaft plappernde Poulsen (noch) gegen sein Glück, versucht sogar, seinen alten Kollegen weiterhin zur Hand zu gehen, was aber letztendlich in einem Desaster endet. Zwei Männer also, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch mehr Gemeinsamkeiten haben, als man es anfangs vermuten könnte.

Trotz der philosophischen, teilweise surrealistischen Herangehensweise an die Thematik verzichtet Franzen aber nicht auf eine gehörige Portion Humor, der sich hauptsächlich auf die doch recht skurrilen Eigenarten der Charaktere und das wunderbar überzeichnete norddeutsche „Temperament“ stützt. Die Figur des Lothar, herrlich schräg dargestellt von Uwe Rhode, hat in diesem Zusammenhang bereits einen großen Sympathiebonus inne, genauso wie Joost Siedhoff als kauziger Großvater, der trotz seiner schrulligen Darstellung nie die Tragik hinter der Figur vergessen lässt. Ähnliches gilt für Dominique Horwitz, der die innere Zerrissenheit seines Charakters nahezu perfekt darstellt und der notorischen Nervensäge, die niemand für voll nimmt, zutiefst sympathische Züge verleiht. Auch Antoine Monot Jr. kann in seiner in sich gekehrten Rolle vollauf überzeugen, bringt er doch die Trauer, die seine Figur bis zum Ende beherrscht so menschlich wie irgend möglich rüber und harmoniert darüber hinaus mit Beate Bille besser als man es anfangs erwarten könnte. Insgesamt also ein mehr als brillantes Darstellerensemble, das bis in die kleinsten Nebenrollen keinerlei Ausfälle zu verzeichnen hat.

Einen bleibenden Eindruck hinterlässt auch die Kameraarbeit, die immer wieder neben wunderschönen Aufnahmen von Sonnenaufgängen vor der Küste viele mystische Bilder zu bieten hat, deren metaphorische Aussage bei genauem Hinsehen zwar weitesgehend klar wird, sich aber manchmal selbst etwas zu wichtig nimmt und phasenweise nur müdes Lächeln ernten dürfte. Der Knackpunkt ist einfach, dass die Geschichte über weite Strecken auch ohne seine phantastischen Elemente sehr gut funktioniert hätte. So wirken manche Aufnahmen zwischendurch doch arg konstruiert und können die fiebrige Atmosphäre des Streifens nicht immer aufrecht erhalten. Ein kleiner Wermutstropfen, der den insgesamt positiven Eindruck aber kaum trübt, denn neben den großartigen schauspielerischen Leistungen kann sich auch der Soundtrack durchaus hören lassen, der mit einigen sehr stimmungsvollen, melancholischen Songs bestückt ist. Diese fügen sich mit den dazugehörigen Bildern zu traumhaften Sequenzen zusammen, die die optimistische Grundhaltung des Films perfekt unterstreichen.

„Die blaue Grenze“ ist ein wunderschön bebilderter Debütfilm eines talentierten Regisseurs, der sich zwar phasenweise ein wenig in seiner eigenen Metaphorik verrennt, aber inhaltlich dank schauspielerischer Glanzleistungen und einer gehörigen Portion Humor überzeugen kann. Eine der selten gewordenen kleinen Perlen des deutschen Kinos.

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