“So if I asked you about art, you'd probably give me the skinny on every art book ever written. Michelangelo, you know a lot about him. Life's work, political aspirations, him and the pope, sexual orientations, the whole works, right? But I'll bet you can't tell me what it smells like in the Sistine Chapel. You've never actually stood there and looked up at that beautiful ceiling; seen that.”
- Good Will Hunting (1997)
Mit “Smoke” macht es sich Wayne Wang zum Ziel, dem New Yorker Stadtteil Brooklyn ein Denkmal zu setzen; vor allem aber, dem Rest der Welt zu vermitteln, was es bedeutet, Brooklyn mit den eigenen Sinnen erfahren zu haben.
Das ist ein prinzipiell unmögliches Unterfangen, denn egal wie authentisch Wang mit den Mitteln operiert, die ihm der Film gibt: mit eigenen Füßen vor dem Tabakwarengeschäft von Auggie (Harvey Keitel) zu stehen, wird immer eine ganz eigene Erfahrung sein, die ein Film niemals vermitteln könnte.
Dass es aber gar nicht unbedingt darum geht, der realen Erfahrung nachzueifern, erschließt sich mit der selbstreflexiven Schlusspointe. Vielmehr liegt der Sinn darin, eine gute Geschichte zu erzählen. Ob sie nun in jedem Detail der Wahrheit entspricht oder nicht, ist irrelevant. Es muss gelten, überhaupt eine Geschichte zu erzählen, denn eine jede verfügt über einen wahren Kern.
Schon mit der Titelgebung, die an Jim Jarmuschs “Coffee and Cigarettes” erinnert (der Zusammenhang wird mit dem Sequel “Blue in the Face” noch deutlicher), distanziert sich Wang von der Option, groß und breit nach Erklärungen zu suchen, “wie es so ist dort”. Es wird vielmehr nach Kleinigkeiten gesucht. Nichtiges, Unbedeutendes, das lose Körper miteinander verbindet, sie zusammenführt.
So kommt es, dass “Smoke” wirkt wie ein Episodenfilm, aber eigentlich nicht wirklich einer ist. Er erzählt eine zusammenhängende Geschichte, die sich über die Schauspieler - insbesondere Harvey Keitel und William Hurt - fortbewegt. Sozusagen springt sie von einem Körper auf den anderen über. Sie symbolisiert die unsichtbare Kraft, die Brooklyn bei all seiner körperlosen Ambivalenz zu einem funktionierenden Organismus beisammen hält.
Die Geschichte um den jungen Schwarzen, der auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist, fungiert hierbei als Fallbeispiel, aus dem bestimmte Schlüsse gezogen und gewisse Wahrheiten gewonnen werden. Der Zufall spielt bei vielen Dingen eine große Rolle, aber auch Selbstlosigkeit und Eigensinn der Individuen als Plus- und Minuspole, die darüber richten, welche Laufbahn das Leben in Brooklyn einschlagen wird mit der Zeit. Einer Zeit, die Auggie chronologisch festhält, indem er jeden Morgen früh aufsteht und die gleiche Stelle zur gleichen Urzeit fotografiert. Bilder, die ein Nebeneinander von Konstanz (der immer gleiche Hintergrund, manchmal gar die immer gleichen Personen) und Veränderung (unterschiedliche Wetterverhältnisse, langfristige Veränderungen) aufzeigen.
Obwohl einiges an Zündstoff im Plot verborgen ist - so spielt eine größere Geldsumme eine wichtige Rolle und auch familiäre Verhältnisse werden auf den Prüfstand gestellt - schlägt “Smoke” einen relaxten, geradezu sorgenfreien Weg ein. Die formale Gestaltung des Films darf sogar als Teil der Charakterisierung Brooklyns verstanden werden.
Natürlich stellt sich der Blickwinkel als recht einseitig heraus, erscheint die hier dargestellte Welt doch in einem Licht, das ihre Gemütlichkeit betont, wenngleich die Verhältnisse in den Elendsvierteln keineswegs unter den Teppich gekehrt werden, ja mitunter schon unangenehm deutlich in den Mittelpunkt gezerrt werden.
Aber so ist das eben mit Erzählungen: Sie sind stets subjektiv gefärbt. Doch ist die Subjektivität der Objektivität überlegen, wenn es darum geht, zu veranschaulichen, wie es in der sixtinischen Kapelle riecht - oder wie es sich leben lässt in Brooklyn, NY.