“Blue in the Face” ist eigentlich nur eine zweckgerichtete Anknüpfung an die Tragikomödie “Smoke”, die den New Yorker Stadtteil Brooklyn und das darin verankerte Lebensgefühl ehrte. Schnell und kostengünstig innerhalb von fünf Tagen auf den Originalsets abgedreht, weil eben gerade die Gelegenheit da war. Mit improvisierten Dialogen und erstaunlich vielen prominenten Gaststars.
Das macht “Blue in the Face” aber noch lange nicht zum nutzlosen Anhängsel.
Vielmehr handelt es sich um eine sinnvolle Erweiterung. Wo “Smoke” trotz einer episodischen Struktur sehr narrativ zu Werke ging und letztendlich eine geradlinige Geschichte zu erzählen wusste, ist “Blue in the Face” eine unzusammenhängende Abfolge von Einstellungen, die nur sporadisch Ansätze weiterführender Erzählungen aufweist. Der Fokus ist aber unverändert auf den Ort und dessen Menschen gerichtet. Auggies (Harvey Keitel) Laden wird eingefangen wie das zentrale Herzstück Brooklyns und wenn sich in einer Szene alle Menschen vor dem kleinen Eingang versammeln, könnte man meinen, all die Blutkörperchen in New Yorks Körper hätten sich vor den Klappen der guten alten Pumpe versammelt, um tanzend hindurchzuströmen.
Man könnte in der Begriffssprache der empirischen Sozialwissenschaften sagen: wo “Smoke” deduktiv-nomologische Schlüsse zog, geht “Blue in the Face” induktiv-statistisch vor. Die Aneinanderreihung von Dialogen und Interviews strotzt vor lauter Statistiken - wie viele belgische Waffeln täglich in Brooklyn verkauft werden, wie viele Schwarze, Chinesen und Juden es gibt und so weiter. Daraus werden dann Erkenntnisse über die soziale Dynamik vor Ort gezogen, vorgetragen von den gleichen Menschen, die auch die Statistiken verbreiten: den Bürgern Brooklyns. Erst sprechen sie die nackten Zahlen aus, um anschließend aus dem gleichen Munde die Philosophie des Pöbels zu praktizieren.
Zum Beispiel: Regisseur Jim Jarmusch als einer der Promi-Gaststars. In Auggies Laden lässt er sich nieder, um seine allerletzte Zigarette zu rauchen. Bevor das historische Ereignis stattfindet, wird es von allen Seiten zelebriert - historisch dank nostalgischer Erinnerungen an die erste Zigarette, emotional bindend dank der Erinnerungen an die besten Momente mit dem Glimmstängel - also an die berühmte “Zigarette danach”. Denn nie schmeckte eine Zigarette besser. Und dann werden Vergleiche zwischen dem Einatmen des Rauches und dem Leben gezogen. Das Rauchen ist schließlich wie das Leben eine Abfolge von Momenten: Ziehen, Inhalieren, Ausatmen. Und hierüber gelangt der Mann mit dem grauweißen Strubbelhaar zu der Erkenntnis, dass Momente vergänglich sind, und dass zu leben bedeutet zu sterben.
Andere Perspektiven bieten unter anderem Roseanne, deren Figur “Dot” endlich mal nach Las Vegas will (vielleicht für immer), Madonna, die menschlich unterentwickelt nur als singendes Telegramm auftritt und natürlich Michael J. Fox, der als gelehrter Pete in kurzen Hosen das macht, worüber wir soeben noch sprachen: Statistiken erheben, und zwar in Form von Umfragen, und zwar Nr. 2 auf eine urkomische Art und Weise, die es ob der tarantinoesken Dialoge schwer zu glauben macht, dass das alles nur improvisiert sein soll. Auch wenn sich hier alles um Themen wie den Stuhlgang und die Zufriedenheit mit dem eigenen Gemächt dreht.
Aus all diesen Dingen entwickelt sich nicht ungeschickt eine Innenansicht des Stadtteils, die man sich als Zuschauer jedoch selbst erschließen muss... die Statistiken müssen sozusagen interpretiert werden. Sofern dies gelingt, ergibt sich ein Bild vor allem in der Dynamik des Zusammenlebens einer multikulturellen Gesellschaft. Es geht darum zu zeigen, aus welchem Blickwinkel ein Mensch schaut, der Brooklyn seine dauerhafte Heimat nennen würde. Er sieht Fluktuation, permanente Bewegung. Darum geht’s in “Blue in the Face”.
Sicher ist der Blick wie schon in “Smoke” ein verklärter. Statistiken über Mordraten und sonstige Verbrechen werden zwar ebensowenig ausgespart wie kulturelle Spannungen zwischen unterschiedlichen Völkern, doch Wayne Wang möchte unterhalb der Produktsumme ein romantisches Bild des Stadtteils wissen. Und das ist sicher nicht zu verurteilen.
“Blue in the Face” sollte nicht zu hoch gehandelt werden, nimmt man ihn als das, was er ist: kaum mehr als ein alternativer Ansatz, der Prämisse des Mutterwerkes auf den Grund zu gehen. Doch der Unterhaltungswert ist dank verrückter Menschen, die wirklich was zu sagen haben, ziemlich hoch. Und am schönsten ist es, nicht zu wissen, ob es Schauspieler sind, die einen Text aufsagen, oder nicht doch Menschen, die ihrem eigenen Herzen Ausdruck verleihen.