Review

Rotkäppchen mal anders: Ein zwölfjähriges Gör richtet über jeden, der irgendwie moralisch Verwerfliches tut, ob Dieb oder Fremdgeher. Selbst die eigene Großmutter bleibt nicht verschont.
Da macht man es schon ganz richtig, zu Beginn darauf hinzuweisen, dass dies ganz gewiss kein Film ist, den Jugendliche oder gar Kinder sehen sollten, denn es geht alles andere als märchenhaft zur Sache.

Jenny lebt allein in einer geräumigen Wohnung mitten in Rom. Das geht solange gut, bis Großmutter auftaucht, um sie mit nach New York zu nehmen. Aber wenn Großmutter rebelliert, muss sie eben ans Bett gefesselt werden, denn nachts begibt sich die Kleine auf ihr Fahrrad, um gemeinsam mit George, einem stummen Typen mit Wolfsmaske, einen knallharten Gerechtigkeitsfeldzug anzutreten.

Mann, das Biest wurde verdammt gut gecastet. Bei der sieht man die Verrücktheit bereits in der ersten Einstellung, das diabolische Grinsen, die stechenden Augen, die hat definitiv was Psychotisches.
Entsprechend glaubhaft verkörpert Susan Satta ihre Hauptrolle, auch wenn die zuweilen etwas überkonstruiert ausfällt. Sie spricht mehrere Sprachen, kann Literatur wie eine Studentin im achten Semester deuten und weiß obendrein noch über medizinische Eingriffe Bescheid. Die allein könnte die Werte der Pisa-Studie um 12 Prozent verbessern.

Ihre nächtlichen Streifzüge sind jedoch alles andere als kindgerecht, da wird einer Weindiebin die Hand abgehackt, ein Fremdgeher und dessen Gespielin werden mit der Nagelpistole bearbeitet, eine Flasche wird in den Rachen geschlagen und diverse Körperteile abgetrennt, sozusagen nicht von schlechten Eltern. Obgleich man natürlich, schon rein aus Jugendschutzgründen, das Kind nicht während einer direkten Tat beobachten kann, das wurde recht geschickt geschnitten.

Entsprechend ist der Humor rabenschwarz und zynisch, doch stellenweise auch ein wenig albern und deplatziert. Nicht immer passen die typischen Broadway-Melodien zum Geschehen und manchmal nehmen die pathetischen Reden der kleinen ein wenig überhand, ohne mit einer Pointe aufzuwarten. Auch die Einbindung von „Don Quichotte“ als moralische Parallele zur Hauptfigur rückt oft zu stark in den Mittelpunkt, ebenso die Figur ihres Tutors, der allenfalls für den Showdown benötigt wird.

Ansonsten bereitet es durchaus Freude, Kind und Großmutter in pädagogisch vertauschten Rollen zu sehen, obgleich alles außerhalb von Mord und Folter immer wieder Tempo und Atmosphäre aus dem Verlauf nimmt. Zudem übertreibt man es gegen Ende ein wenig mit den Wendungen („Que sera, sera“) und es wirkt alles ein wenig zu hanebüchen, - auch für eine Story mit Märchenhintergrund.

Seine Stärken bezieht der Streifen deutlich aus den nächtlichen Aufnahmen rund um Rom, wenn ein huschendes Wesen in schwarzrot durch die Nacht radelt und anschließend das Messer schwingen lässt.
Die Kamera arbeitet auf einem erstaunlich hohem Niveau, teilweise aus diversen Egoperspektiven (herrlich, wie nah der Zahnarzt an die Linse geholt wurde) und sogar ein Streifzug aus der Sicht eines Wolfes ist vorhanden.
Bei den Morden kommt ordentlich Spannung auf, es stellt sich eine angenehm nächtliche Atmosphäre ein und auch der Gorefreund dürfte mit diversen Szenen zufrieden sein.

Bleibt ein durch und durch ungewöhnlicher Film, mit einer überzeugend fiesen Hauptdarstellerin, ein paar unnötigen Blödeleien, aber einer guten Grundidee, die inszenatorisch sauber umgesetzt wurde.
Allerdings frage ich mich, welcher Tölpel einer so fies grinsenden Zwölfjährigen eine Nagelpistole verkauft…
7 von 10

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