Spielberg meets Kubrick. Oder doch besser Spielberg contra Kubrick? Zwei Regisseure - eine Vision? Tanz der Giganten? Künstlerische Vollendung? Oder gegenseitige Auslöschung?
Von vornherein ist kaum einzuschätzen, was aus dieser geistigen/handwerklichen Kooperation werden konnte. Aber vielleicht sollte man sich stets ins Gedächtnis rufen: Kubrick ist tot - dies ist Spielbergs Film und auch Kubrick hielt eine Inszenierung durch Spielberg für die bessere Idee.
Alle Kubrick-Puristen also bitte nicht aufschreien bei A.I. - es gibt was für euch, doch reell gesehen ist dies hier Spielberg-Land.
Machen wir uns also auf eine Rundreise durch 146 Minuten ambitionierte, anspruchsvolle SF, etwas, daß so selten ist, daß man allein von der Aussicht darauf ganz gibberig werden müßte. Ich fürchte nur, hier ist bereits alles verloren. Schwierige Filme sind generell selten etwas für ein modernes Publikum --nachdenken ist out. Und die relativ wenigen Besucher im Kinosaal bestätigen meine Befürchtungen: Spielberg ist hier nur Synonym für familienfreundliche Unterhaltungsware und Popcornkino. Das kann ja heiter werden, wo waren die Leute bloß bei Schindler, Ryan und der Amistad?
Aber was mir später erst bewußt wird, kann hier schon vorneweggeschickt werden. A.I. ist zu intellektuell und ethisch für Jugendliche, zu düster und gedankenvoll für Kinder, zu weit abseits der Erwartungen Erwachsener. Schwer konsumierbar. Schlecht fürs Kino, denn wer will bei Popcorn und Nachos schon mental arbeiten?
Der Vorhang öffnet sich, Bühne frei für ein futuristisches Triptychon.
Zunächst der Plan: William Hurt macht sich an ein ambitioniertes Projekt, den fühlenden Mecha (Roboter) für kinderlose Familien. Kompatible Einführung für alle Zuschauer und gleichzeitiges Aufzeigen des moralischen Zwiespalts, daß sich durch den ganzen Film ziehen wird. Wenn ein Roboter Gefühle erhält, die auf eine Person fokussiert und konditioniert sind, hat dann nicht der jeweilige Mensch eine ganz neue Verantwortung für den Roboter? Und wird Liebe nicht zu Haß werden können?
Das ist kein Balast, das ist elementar. Wer jetzt nicht aufpaßt, ist für die nächsten zwei Stunden vollkommen aufgeschmissen. Asimov würde lächeln, wäre er noch unter uns.
Das erste Drittel gehört Kubrick. Hier muß oder will Spielberg Kubrick filmen.
Unglaublich: er kann es.
Kühle Bilder, Interieurs mit dem gewissen futuristischen Touch, der weite Blick der Protagonisten. Spielberg schmeißt leider mit Weichzeichner um sich, so daß alles etwas nebelig wirkt, aber das soll hier nicht stören. In stiller Episodenhaftigkeit erzählt er die Geschichte unseres mechanischen Helden. David ist der Ersatz für das komatöse Söhnchen Martin. Mutter Monica ist eh psychisch angeknackst, Ihr Neu-Sohn bietet ihr ein unausweichliches Dilemma. Doch mütterliche Liebe siegt - David wird auf sie konditioniert.
Spielberg berichtet uns in kurzen, einfühlsamen Szenen von der familiären Gewöhnung. Hätten wir nicht ähnlich gehandelt?
Anschließend die komplette Kontroverse. Rückkehr des Sohnes - Eifersucht - Rivalitäten.
Simple Einstellungen, die von Veränderungen künden. Der Sohn im Bett, der Roboter ruht am Boden. Die Gefühlsverhältnisse verschieben sich, Unglücke geschehen beinahe. Menschliche Reaktionen: das neue Spielzeug, das Haustier wird zu anstrengend, zu unflexibel, es soll weg, genauso wie das Supertoy Teddy in einem alten Karton gelandet ist.
David und Teddy werden zur verschworenen Gemeinschaft - zwei Verlierer, die nichts von ihrem Schicksal ahnen.
Im Saal schwärmt alles nur von Teddy. Damit ist klar, warum der Film in den USA schon verloren hat. Wer braucht Futter für Gedanken, wenn der Popcorneimer im Schoß steht. Wo bleibt die Unterhaltung? Wo der Fun? Immerhin, scheinbar müht man sich.
Mutter Monica wird nun Opfer des moralischen Dilemmas. Was liebt, kann keine reine Maschine sein. Das mündet im märchenhaften Aussetzen im Wald, nachdem die Parallelen zu Pinocchio schon mal vorbereitet wurden. Tränenreich, typisch Spielberg, aber nicht zu heftig. Das Geschöpf, die Maschine geht ihrer Existenz auf den Grund, der Roboter will eine Seele, ein richtiger Junge sein. Ende des ersten Drittels.
Jetzt kommt Spielberg mit aller Macht. Aber er besinnt sich auf seine Tugenden. Oder hat einfach nur Glück.
Auftritt Gigolo Joe. Jude Law gibt den Liebesautomaten, als hätte man ihm Fred Astaire eingebaut und wird zum Flüchtigen. Die Regie stürzt uns in einen Neonalptraum der zukünftigen Welt. Rouge City, die Untiefen der Sünde. Spielbergs Herz der Finsternis, ein visueller Feuersturm.
Dann eine Offenbarung: der Meister geht dem Publikum ans Herz und läßt die Kitschkeule weg. Halbzerstörte Roboter, die im finsteren Wald nach Ersatzteilen suchen. Kein Gruselkabinett kann schlimmer sein. Dann geht der Mond auf und Spielberg läßt uns wissen, es geht immer noch schlimmer. Rein in die Apokalypse, zum Fleischfest, wo die Zuschauer im Film und daheim vor der Leinwand die andere Seite in sich erforschen können. Absolution, Vergebung aller Bedenken, Auslöschung der Moral, es gibt keine Schuld, nur künstliche Intelligenz, Metall, Kabel, Elektrizität. Zerstörung in Ekstase, Hinrichtung von Mechas auf grausame Art - Brot und Spiele und seelische Reinigung, was kann es besseres geben. Nichts lebt.
Hier muß das Gefühl von innen kommen, denn die Mechas bleiben haarscharf bei ihrer Programmierung - keine Gefühle, keine Angst. Aber Bedenken. Was noch funktioniert hat eine Funktion. Seine Zerstörung erscheint unlogisch. Hier wird die Unlogik zur stillen Panik.
Und wir fragen uns: dürfen die das? Wieder ein Dilemma - es gibt keine Hilfe. Da muß jeder selbst durch.
Auch David soll unter einer Säuredusche enden. Und wieder belügen wir Menschenb uns selbst. Es geht wie eine Ente und sieht so aus - es muß ein echter kleiner Junge sein. Gefühle siegen über den Verstand - es kommt zur Revolte.
David hat sein erstes Ziel schon beinahe erreicht, er ist mindestens ebenso menschlich wie der Rest vom (Fleisch-)Fest.
Selten ist Spielberg bewußt so gründlich und pervers gewesen, so nüchtern bis auf die Knochen und provoziert doch soviel Gefühl damit. Und wir fürchten hier um eine Maschine (genauer gesagt um drei, wenn man Joe und Teddy mitzählt)...
Der Rest: ein Märchen.
Die Suche nach der blauen Fee.
Doch noch ist Spielberg nicht fertig. Rast mit uns in ein überflutetes New York, dessen Türme noch gerade so aus dem Meer ragen. Hier schließt er den Kreis, zerstört Davids Illusionen von Einzigartigkeit und seine Existenz, um sie aufgrund seiner Programmierung neu zu beginnen. William Hurt hat resigniert, denn sein Traum ist einen anderen Weg gegangen, sein "Sohn" hat sich verselbständigt. Selbstmord als letzter Ausweg für einen Roboter - was für eine Theorie. Liebe als Allmacht, nur Hurt erfährt nie davon.
Stattdessen was für eine Ironie : die personifizierte Projektion von Gefühlen (Joe) rettet die wahren künstlichen (David). Aus logischen Gründen. Und stellt den definitiven Standpunkt dar: Ich bin. Oh ja, wer würde daran jetzt noch zweifeln. Und: ich war. Die Fackel wird weitergereicht, Erinnerungen halten am Leben.
Und David sitzt am Meeresgrund und kämpft mit seiner Prophezeiung.
Bis hierhin einwandfrei. Laßt es hier bloß enden - wie sollte es noch weitergehen?
Spielberg macht weiter.
Und diesmal haut er daneben.
Nein, den 2000-Jahre-Zeitsprung hätten wir verwunden, die Außerirdischen auch und Davids Erfüllung war für uns auch beschlossene Sache, doch es ist das "Wie" , das zählt und hier inszeniert Spielberg wieder Spielberg. Die schlimmste Alternative.
Was zum schönsten, wortkargen Schlußdrittel seit 2001 hätte werden können, gerät latent zur Sirupshow. Da mag Ben Kingsley noch so schön herummärcheln, sein Off-Kommentar zerbricht die gesamte Form des Films. Diverse konstruiert wirkende Komplikationen schütten ein simples, wunderschönes Happy-End zu und zelebrieren Davids Herzenswunsch mit all dem Bombastkitsch, den Spielberg zuvor so tunlichst vermieden hat. Tonnenweise Weichzeichner, geflüsterte Liebesbeweise, zentnerweise Filmgefühl. Und mündet doch in einer bezaubernden Schlußeinstellung, die den gewissen Kreis vollendet. Das Märchen findet seinen Abschluß, jenseits aller menschlich-moralischen Dilemmas.
Kubrick hätte das ganz anders gemacht. Wortkarg, wenn nicht wortfrei, hätte er gearbeitet, bzw. hätte er die Bilder für sich arbeiten lassen. Wenige Sätze, viel Gefühl, noch mehr Wahrheit. Und Bilder, die man nicht vergißt. Spielberg kleistert zu.
Stöhnen im Kino, wiederholte Rufe nach Teddy, der ja irgendwie auch den Tag gerettet hat.
Hinterher wird jemand neben uns die Schuld am Nichtverstehen Kubrick zuschanzen und ihn mittels Fingergeste als Verrückten darstellen. Die einfachste Lösung, vor allem wenn man morgen bei Squash den Film weder weiterempfehlen, noch irgendwie beschreiben kann, weil man sich jeglicher Intensität verweigert. Bloß nichts nah an sich ranlassen. Ja, die Wahrheit schmerzt.
Klar, der Schluß ist zuviel des Süßen, doch immerhin läßt uns die direktorische Kooperative allein - allein mit unseren Gedanken, mit verschiedenen Alternativen. Keine Antwort wird gegeben, keine Frage vollständig beantwortet. Seht zu und fragt euch, was würdet ihr tun. Das Richtige? Was ist das hier?
So gerät "A.I." zur filmischen Alternative zu einem der üblichen Fertiggerichte, komplex und tiefgehend, gefühlvoll und von ungewöhnlicher Intensität, sperrig und unbequem, provokant in den Raum gestellt und der Zuschauer mit ihm allein gelassen. Für so viel Rohheit bin ich schlichtweg dankbar. Abzüge sind jedoch Zwang, weil Steven das letzte Drittel magenverderbend zubombt.
Trotzdem ein Erlebnis, daß ich im Kino gerne öfters gehabt hätte.
(8/10, aber besonders edle)