Die meisten Regisseure würden davor zurückschrecken, einen Film zu machen, der dem genialen Kopf Stanley Kubricks entsprang und der bereits einen beachtlichen Teil des Drehbuchs sowie Konzeptzeichnungen anfertigte. Nicht so Kubricks Spezi Steven Spielberg, den Stanley bereits Mitte der 90er bat, als Regisseur zu „A.I.“ zu fungieren, der damals aber nicht bereit dazu war. Dann kam alles anders, Kubrick starb 1999 kurz nach Fertigstellung von „Eyes Wide Shut“ und Spielberg machte sich auf, seinem Freund eine letzte Ehre zu erweisen...
Es wurde Spielbergs düsterster Film und zudem ein schwerer Brocken für den Kinobesucher, was sich letztendlich auch im relativ geringem Einspielergebnis widerspiegelte. „A.I.“ ist äußerst sperrig, vor allem für diejenigen, die mit konditionierten Sehgewohnheiten an die Sache herangehen. Spielbergs Film ist kein typisches Kino-Fast-Food, kein unbeschwertes Science-Fiction-Spektakel, sondern vielmehr ein nachdenkliches, von ethischen Fragestellungen durchzogenes futuristisches Drama.
Man sollte sich auf eine lange Wartezeit einstellen, bis die Handlung richtig in Schwung kommt. Viel Zeit wird der Aufnahme des Roboterjungen David in eine Durchschnittsfamilie eingeräumt, deren Sohn sich noch im Koma befindet. Als er erwacht, kommt es zu Eifersüchteleien, man erkennt, dass ein Zusammenleben von Menschenkind und künstlichem Geschöpf nicht funktionieren kann. So wird David unter Tränen seiner Mutter, welche ihn „programmiert“ hat, in einem Wald ausgesetzt und ist fortan auf sich allein gestellt.
Die erste Stunde in „A.I.“ hat es trotz eines ruhigen Erzähltons in sich. Die dargestellten ethischen und moralischen Kontroversen laden zum Mitdenken ein, zudem versteht Spielberg sein Handwerk. Sogar mehr als das: Manche Kameraeinstellungen sind derart ausgefeilt, dass die Story nur durch Bilder vorangetrieben wird. Ein Markenzeichen Kubricks, der so denkwürdige Szenen geschaffen hat, was Spielberg ebenfalls gelingt. Manche Shots sind wirklich wunderschön, beispielsweise das Eintreffen Davids in seinem neuen Zuhause oder die Einstellung, als Monica David zu Bett bringt.
Mit der Familienidylle ist es allerdings spätestens im zweiten Teil vorbei. David gelangt auf seiner Odyssee von einem Alptraum in den nächsten, was durch überragende Special-Effects derart überzeugend dargestellt wird, dass „A.I.“ als Kindermärchen auf keinen Fall taugt. Die Welt der Roboter kann auch hässlich sein, die Müllkippe im Wald, sowie die Mechahinrichtungen in der Arena bieten eine abscheuliche Szenerie, die Großstadt „Rouge City“ ist ein einziges Sündenpfuhl. Ein Glück, dass David stets in Begleitung eines sprechenden Teddybären ist, dem wohl knuddeligsten Vieh seit Erfindung der „Ewoks“. Später stößt noch Robotergigolo Joe hinzu, der aufgrund seines Berufs und seiner leicht eingebildeten, schreckhaften Art kein Held im klassischen Sinn sein kann, wegen seiner Hilfeleistungen David gegenüber trotzdem stets sympathisch wirkt.
Als dann David seine wahre Herkunft erfährt und seine Suche nach der blauen Fee, einem Pinocchio-Motiv, das sich durch den gesamten Film zieht, erfolgreich verläuft, merkt man dann doch, dass Spielberg kein Kubrick ist. Er hätte Schluss machen können, als die Kamera vom U-Boot wegfährt, doch er hängt noch einen Epilog dran. Obwohl man in den abschließenden 20 Minuten permanent mit Kitsch der dicksten Sorte zugekleistert wird, sind sie meiner Meinung nach nicht so schlecht wie sie häufig gemacht werden, dafür sorgt Spielberg alleine mit seiner weiterhing makellosen Regie. Allerdings ist der komplette Schlussteil dennoch irgendwie überflüssig, da hier deutlich erkennbar kein Visionär am Werk war. Alle Wünsche der Hauptfigur werden erfüllt, bislang offene Fragen werden allesamt beantwortet, man bekommt kurzum ein Bombast-Happy-End vorgesetzt, das in den Gesamtkontext überhaupt nicht passt, wo der Film sich doch bisher gegen sämtliche Konventionen richtete.
Den positiven Gesamteindruck kann das jedoch auf keinen Fall schmälern. „A.I.“ ist Science-Fiction-Unterhaltung der intelligenteren Art, ein ruhiger Film, der zahlreiche Denkanstöße gibt, wenn man sich darauf einlässt. Darstellerisch packend und visuell grandios umgesetzt, gelang Spielberg einer der interessantesten Kinofilme der letzten Jahre, dem ein größerer Kassenerfolg aufgrund seiner Sperrigkeit leider nicht beschieden war und der wohl auch in Zukunft nur ein Geheimtipp bleiben wird.