ZWEI GLORREICHE HALUNKEN (1966)
Irgendwo in der Einöde des amerikanischen, des „wilden“ Westens. Hunderte, vielleicht Tausende mehr oder weniger heruntergekommene Holzkreuze und Grabsteine, die, wie es scheint, bestenfalls zweckmäßig in den Boden hineingerammt wurden, glühen im grellen Licht der Mittagssonne. Aus der näheren Umgebung sind Vogelgezwitscher und das leise Zirpen von Grillen vernehmbar. Sonst nichts. Auf dem alten Soldatenfriedhof, gemeinhin unter dem Namen „Sad Hill“ bekannt, herrscht – bezeichnenderweise – eine regelrechte Totenstille. Lediglich der sanfte Klang des Windes, der zuweilen über die spärlich bewachsenen Hügel streift, ist noch zu hören, trägt allerdings eher zur Verstärkung der beinahe gespenstischen Atmosphäre bei, erinnert er doch an das Flüstern der überall herumliegenden, mit wenig Sorgfalt verscharrten Gefallenen.
Von den nicht gerade einladenden Umständen scheinbar unbeeindruckt, hat es tatsächlich 3 Männer in diese unwirtliche Gegend verschlagen. Vor einem geöffneten Grab haben sie sich versammelt. Einer von ihnen, Sentenza (Lee van Cleef), richtet eine schussbereite Pistole auf die beiden anderen. Tuco (Eli Wallach), der, eine Schaufel in den Händen haltend, in unmittelbarer Nähe des Lochs steht, lässt seinen Blick nervös umherschweifen. An seinem verschwitzten Gesicht lässt sich leicht erkennen, dass ihm die unangenehme Mischung aus brütender Hitze, aufsteigendem Verwesungsgestank und dem auf ihn gerichteten Pistolenlauf in hohem Maße missfällt. Den dritten Teilnehmer der überschaubaren Runde scheint die prekäre Lage hingegen vollkommen kalt zu lassen. Unbekümmert kaut er auf einer Zigarre herum. Sein Blick richtet sich fest auf Sentenza und er macht keinerlei Anstalten, auch nur die geringste Handlung auszuführen – sieht man mal vom Zigarrerauchen ab.
Plötzlich aber schaut er sich um und hebt nach wenigen Augenblicken einen etwa handgroßen Stein auf, der zuvor unweit von ihm auf dem Boden lag. Einen Namen, so verkündet er, wird er auf diesen Stein schreiben und durchbricht somit die Stille. Diese Äußerung stößt bei den beiden anderen auf reges Interesse. „Steck‘ das Ding weg“ lässt der weiterhin beharrlich auf seiner Zigarre kauende, in einen Poncho gehüllte Mann in ruhigem, fast spottendem Tonfall verlauten und deutet dabei auf die Pistole, die sich immer noch in Sentenzas Hand befindet. Dieser befolgt nach kurzem Zögern die gutgemeinte Aufforderung.
Mit dem Stein in der Hand macht sich der Mann, der von Tuco nur „Blonder“ genannt wird, nun auf den Weg zum Zentrum des Friedhofs, einem riesigen Steinrund. Nur das Klimpern der Sporen an seinen Stiefeln begleitet seine bedächtigen Schritte, während ihm die beiden Zurückgelassenen zunächst wie gebannt hinterherschauen. Kurze Zeit später aber folgen sie ihm vorsichtig, in einem schon fast ehrfürchtigen Abstand, bis zum Rand der Steinplatte. Der Blonde schreitet unterdessen weiter bis zur Mitte des Runds, bleibt dort stehen und legt den Stein auf den Boden, nur um sich gleich darauf rückwärts, in gewohnt vorsichtig-langsamer Manier und die beiden anderen Männer nicht aus den Augen lassend, in Richtung des gegenüberliegenden Randes der Platte zu bewegen.
Tuco und Sentenza beobachten zunächst das Schauspiel, mustern sich dann gegenseitig für einige Augenblicke und setzen sich anschließend ebenfalls in Bewegung, um, wie es fast den Anschein hat, vorbestimmte Positionen auf der weitläufigen Steinplatte im Zentrum von „Sad Hill“ einzunehmen. Wie Raubtiere, die ihre Beute belauern, um dann im richtigen Moment blitzschnell zuzuschlagen, lassen sich die 3 Männer nicht aus den Augen, rücken mit größter Achtsamkeit zu den von ihnen angepeilten Plätzen vor. Am Ende stehen sich die Männer in Dreiecksformation entlang des Randes des Steinrunds gegenüber, jeder von ihnen in höchstem Maße auf die kleinsten Bewegungen der beiden anderen konzentriert...
Was der Zuschauer an dieser Stelle längst weiß: Hier bahnt sich das unvermeidbare Aufeinandertreffen der 3 wohl hartgesottensten, gerissensten Teufelskerle an, die je im Westen ihr Unwesen trieben, jeder von ihnen fast unfehlbar, ja unbesiegbar, besonders im Bezug auf die Raffinesse, die jeden von ihnen auszeichnet und natürlich dem mehr als nur geschickten Umgang mit dem Schießeisen. Doch bei diesem finalen Showdown kann es nicht nur Sieger geben. Er wird Leben kosten.
Doch wie kam es dazu? Was veranlasst diese Männer, sich in glimmender Hitze an einem von jeglicher Zivilisation abgeschnittenen Ort, noch dazu einem Friedhof, gegenüberzutreten, wohl wissend, dass sie bei diesem Unterfangen ihr kostbarstes Gut, ihr Leben, aufs Spiel setzen?
Sentenza, der als professioneller Kopfgeldjäger sein Geld verdient, erhält von einem gewissen Baker den Auftrag, den Namen eines Soldaten herauszufinden, der irgendwo eine Kiste versteckt hat, in der sich die nicht unerhebliche Summe von 200.000 Golddollar befinden soll. Von einem armen Farmer erfährt Sentenza, dass sich der gesuchte Soldat nun Bill Carson nennt. Bevor der Informant – auftragsgemäß – erschossen wird, bezahlt er den Kopfgeldjäger noch dafür, im Gegenzug auch Baker umzulegen. Sentenza setzt dies natürlich prompt in die Tat um. Auftrag ist Auftrag. Man hat ja schließlich seine Prinzipien. Netter Nebeneffekt dieser Tat, die sich ohne Bedenken in die Kategorie „ruchlos“ einordnen lässt, ist die Gegebenheit, dass sich Sentenza nun selbst auf die Suche nach der kostbaren Kriegskasse machen kann, über deren Verbleib nur Bill Carson Bescheid weiß.
Zur gleichen Zeit gehen an einem anderen, nicht allzu weit entfernten Ort, ein mexikanischer Bandit namens Tuco und ein namenloser, blondgeschopfter Revolverheld (Clint Eastwood) eine ungewöhnliche Geschäftsbeziehung ein. Der Blonde hatte Tuco, auf dessen Kopf eine hohe Belohnung ausgesetzt ist, zuvor vor einer Bande von Kopfgeldjägern gerettet, nur um ihn anschließend selbst dem Sheriff in der nächstgelegenen Stadt auszuliefern. Tod durch den Strang, so lautete das Urteil, zu dessen Vollstreckung es allerdings nie kommen sollte. Der Blonde hatte nämlich andere Pläne mit dem aufgrund zahlreicher Vergehen Verurteilten. Mit einem gezielten Schuss aus sicherer Entfernung durchtrennte er das um den Hals des Gauners gelegte Seil und verhinderte somit in letzter Sekunde dessen Hinrichtung. Die Verdutztheit der Stadtbewohner ausnutzend, gelang den beiden anschließend mühelos die Flucht, bevor sie sich außerhalb der Stadt das verdiente Kopfgeld teilten.Da die ganze Angelegenheit so reibungslos funktioniert hat, beschließen die beiden nun also, an diesem Geschäftsprinzip festzuhalten und in Zukunft gemeinsam ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Nach kurzer Zeit kommt es zwischen den Partnern jedoch zu Spannungen. Angesichts des doch sehr riskanten Unterfangens wächst das gegenseitige Misstrauen und so beendet der Blonde zu Tucos Überraschung die Zusammenarbeit. Irgendwo, inmitten der Wüste, lässt er den fassungslosen Mexikaner zurück und reitet, scheinbar ohne Gewissensbisse, davon. Tuco, zu seinem Missfallen weder mit einem eigenen Pferd, noch mit überlebenswichtigem Wasser ausgestattet, schlägt sich laut fluchend zur nächsten Stadt durch, getrieben von einem einzigen Gedanken: Rache. Mit letzter Kraft erreicht er sein Ziel, stärkt sich, besorgt sich eine geladene Waffe, tut sich mit einigen alten Freunden zusammen und macht sich dann schnurstracks auf den Weg zum Blonden, um sich diesen für die Unverschämtheit vorzuknöpfen, einen Tuco Benedicto Pacifico Juan Maria Ramirez hereingelegt und zudem einer solchen Tortur ausgesetzt zu haben.
Bald darauf finden der Bandit und seine Begleiter den namenlosen Revolverhelden, der sich vorübergehend in einem Hotel niedergelassen hat. Durch einen Trick gelingt es dem hinterlistigen Tuco, den völlig unvorbereiteten Blonden in eine beinahe ausweglose Situation zu bringen. Durch eine für ihn glückliche Fügung des Schicksals gelingt diesem jedoch die Flucht. Natürlich lässt das mexikanische Schlitzohr nicht locker und heftet sich sogleich an die Fersen seines Todfeindes. Tucos Beharrlichkeit ist tatsächlich von Erfolg gekrönt und so gelingt es ihm, den Blonden ein zweites Mal in einer für diesen äußerst ungünstigen Situation zu erwischen. Diesmal begnügt er sich jedoch nicht damit, sich des Namenlosen auf kurze, schmerzlose Weise zu entledigen. Viel lieber möchte er ihm den Gefallen erwidern - doppelt und dreifach natürlich -, der vor Kurzem ihm selbst zuteil wurde. Und so setzt Tuco seinen Feind nun seinerseits in der Wüste aus, mit dem Ziel, ihn umzubringen. Der Bandit selbst reitet, gut gelaunt und ausgerüstet mit Sonnenschirm und reichlichem Getränkevorrat, gemütlich neben seinem Opfer her.
Die Sonne brennt unerbittlich und nach langem Marsch ist der Blonde vollkommen entkräftet. Seine verbrannte Haut blättert allmählich von seinem Gesicht ab, er ist dem Tode nah. Gerade in dem Moment, in dem Tuco den Leiden des erschöpften Pistoleros mit einem gezielten Schuss ein Ende bereiten möchte, rauscht aus der Ferne eine Kutsche heran. Neugierig bringt der Gauner sie zum Halten. Im Inneren des Gefährts stapeln sich die Leichen von gefallenen Soldaten. Tuco, gierig und mitleidlos wie er ist, lässt es sich natürlich nicht nehmen, die Taschen der Toten sogleich nach Kostbarkeiten zu durchsuchen. Zu seiner Überraschung befindet sich unter den herumliegenden Körpern jedoch noch einer, der nicht tot, sondern lediglich schwer verwundet zu sein scheint. Als Bill Carson gibt sich der sterbende Soldat aus. Für einen einzigen Schluck Wasser würde er dem Banditen 200.000 Dollar bezahlen. Bei diesen Worten wird Tuco natürlich sofort hellhörig. Dass es sich um einen auf dem „Sad Hill“ Friedhof begrabenen Schatz handelt, soviel bekommt er noch aus Bill Carson heraus, ohne diesem den Wunsch nach dem geforderten Schluck Wasser zu erfüllen. Anschließend jedoch beginnt der schwer angeschlagene Soldat so sehr zu schwächeln, dass er nicht einmal mehr den Namen, der auf dem Grab mit den versteckten Golddollars steht, über die Lippen zu bringen vermag. Tuco, der den riesigen Friedhof von früher kennt, ist sich bewusst, dass er das Geld ohne diese Information niemals finden würde. Nervös willigt er also ein, seine nicht weit entfernt liegende Wasserflasche zu holen. Als er wenige Augenblicke später zurückkehrt, ist der Verwundete zu Tucos Entsetzen bereits gestorben. Seine Laune verbessert sich zudem nicht sonderlich, als er feststellt, dass sich sein alter Rivale, den schweren Verbrennungen zum Trotz, in der Zwischenzeit mit letzter Kraft zum sterbenden Bill Carson geschleppt hat und von diesem, kurz vor dessen Ableben, den wertvollen Namen erfahren hat, der auf dem Kreuz über dem entsprechenden Grab prangt. Den Friedhof, auf dem sich dieses Grab befindet, kennt jedoch nur Tuco.
Tuco wird schnell bewusst, dass der Blonde nun der einzige Mensch ist, der ihn zum Goldschatz führen kann. Plötzlich sorgt er sich um das Leben seines „guten Freundes“, der wenige Minuten zuvor noch sein ärgster Feind war, wohl wissend, dass die beiden erneut zusammenarbeiten müssen, um an den großen Reichtum zu gelangen, der doch verspricht, das harte Leben im Wilden Westen so viel einfacher zu machen. Tuco, von der Gier getrieben, bringt den Blonden deswegen rasch ins nächstgelegene Lazarett, ein altes Kloster, um dessen schnelle und vollständige Genesung gewährleisten zu können. Sobald es ihm wieder besser geht, wollen sie sich gemeinsam, und doch jeder für sich, auf die Reise begeben, die mit einem regelrechten Geldregen enden soll. Was sie natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Es gibt noch eine 3. Partei, die hinter der verlorenen Kriegskasse her ist, mit der sich der Weg der beiden bald kreuzen soll.
Es folgt eine epische Odyssee, die Suche nach einem Schatz, den jeder der Hauptakteure erreichen und für sich allein haben will. Zweckgemeinschaften werden eingegangen und wieder aufgelöst, nur um nochmals erneuert zu werden. Jeder betrügt jeden; gemeinsam, aber im Grunde doch jeder für sich allein, kämpfen sie sich Schritt für Schritt vor zu ihrem Ziel, vorbei an mittlerweile legendären Schauplätzen.
Und natürlich ist es der besagte Friedhof, auf dem ihre Suche endet. Dort stehen sie sich gegenüber, bereit, der Hitze und Abgeschiedenheit, dem Risiko, das eigene Leben zu lassen zum Trotz, die beiden Kontrahenten im Kampf um Reichtum und Macht, auszuschalten. Jeder von ihnen hat es mit seinen ureigenen Methoden bis zum Schauplatz dieses finalen Duells geschafft, doch in einem sind sie alle gleich: Dem Bestreben, der Gier, nach dem Gold. Sie starren einander fest in die Augen, die Hand schon am Revolver, bereit das Unvermeidbare zu wagen. Handelt es sich hierbei um ein reines Glücksspiel, das nur durch Zufall gewonnen werden kann oder könnte eine mathematisch berechenbare Taktik tatsächlich der Schlüssel zum Erfolg, zum Geld, zum Leben sein? Das wird wohl einer der Gedanken sein, der den 3 Revolverhelden in diesem alles entscheidenden, unausweichlichen Moment ihrer Existenz in den Sinn kommt, während sie sich weiterhin mit aller Kraft auf ihre jeweiligen Kontrahenten konzentrieren. Dann, plötzlich, fallen Schüsse..
„Zwei Glorreiche Halunken“ ist der krönende Abschluss von Sergio Leones „Dollar-Trilogie“ und zugleich der beste Film der Reihe. Hatte sich der italienische Regisseur beim 1. Teil „Für eine Handvoll Dollar“ (1964) noch technisch, sogar die Musik klang stellenweise asiatisch, sowie inhaltlich – der Film war ein Remake des japanischen Klassikers Yojimbo – stark an seinem Vorbild, der Regielegende Akira Kurosawa orientiert, ging er nun eigene Wege. „Zwei glorreiche Halunken“ ist die logische Weiterentwicklung seiner beiden Vorgänger, greift der Film doch alle Aspekte auf, die diese bereits zu Klassikern des Western-Genres werden ließen und hievt sie in neue, zuvor ungesehene Dimensionen. Bereits in Teil 2 seiner Dollar-Trilogie, „“Für ein paar Dollar mehr“ (1965), verwendete Leone eine eigene Story und selbst kreierte Ideen, die er in „The Good, the Bad & the Ugly“, so der US-Titel des abschließenden Films, jedoch noch weitaus epischer gestaltete. Da auch das Budget entsprechend höher war als bei den beiden Vorläufern, konnte Leone seiner Kreativität freien Lauf lassen.
Auch in technischer Hinsicht ist „Zwei glorreiche Halunken“ die logische Konsequenz der beiden vorherigen Dollar-Filme, eine Weiterentwicklung im positiven Sinne. Die eigenen Ideen, wie beispielsweise der Einsatz von Weitaufnahmen und, im Kontrast dazu, Close-Ups waren bereits im 2. Teil der Trilogie stellenweise zu finden, wurden jedoch im Abschlussfilm noch bedeutend häufiger, extremer und geschickter eingesetzt. Ennio Morricones Musik und deren Einsatz zeigt eine ähnliche Verlaufskurve. War sie bereits in „Für eine handvoll Dollar“ ein wichtiger Faktor, wurde sie in „Für ein paar Dollar mehr“ zu einem regelrechten Akteur innerhalb der Story (Stichwort: Taschenuhr) und erreichte in „Zwei glorreiche Halunken“ einen weiteren Höhepunkt, was sich nicht nur auf die weitaus größere Komplexität, sondern auch auf ihre angesprochene Rolle innerhalb der Handlung bezieht. Geschickt baute Morricone Motive aus den beiden Vorgängerfilmen in seinen Score mit ein und setzte der Trilogie so auch im musikalischen Bereich ein logisches Ende. Leones Bilder und Morricones dazugehörige, sozusagen maßgeschneiderte Kompositionen erreichen in diesem Film geradezu opernhafte Dimensionen, ein Aspekt, den die beiden Kollaborateure in einem späteren Werk, „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968), nochmals fokussieren sollten. Leone setzte auch beim 3. Teil seiner Trilogie auf Clint Eastwood als namenlosen Fremden, Lee van Cleef war nach „Für ein paar Dollar mehr“ zum 2. Mal mit von der Partie. Wie die beiden anderen Filme wurde auch bei diesem Film wieder in Italien und Spanien gedreht.
Die Dollar-Trilogie, die Sergio Leone Mitte der 60er Jahre inszenierte und die als die Quintessenz eines damals neuen Genres, des Italo-Westerns, gilt, stellte einen krassen Gegensatz zum klassischen amerikanischen Western dar, wie man ihn beispielsweise von John Ford („Der schwarze Falke“ [1956]) oder Howard Hawks („Rio Bravo“ [1959]) kannte. Helden waren heruntergekommenen, egoistischen Gaunern gewichen, Moralvorstellungen existierten nicht mehr und die oftmals so romantischen Schauplätze des Hollywood-Westerns waren plötzlich dreckig und unwirtlich.
Interessant ist, dass fast zeitgleich auch in Hollywood eine Entfremdung des klassischen Westerns der vergangenen Jahrzehnte stattfand und somit ein neues Sub-Genre geschaffen wurde: Der Spätwestern. Diesen begründeten bereits Anfang der 60er Jahre Sam Peckinpah mit „Sacramento“ (1962) und kein geringerer als eine der beiden Ikonen des klassischen Westerns, John Ford, mit „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ (ebenfalls 1962). Diese neue, von Melancholie und einem düsteren Weltbild geprägte Gattung des Wildwestfilms ähnelte mit ihren heruntergekommenen Charakteren, deren Moralvorstellungen stark von dem der klassischen Helden abwichen, zumindest in einigen Grundzügen dem parallel laufenden Italo-Western, wobei man bei genauerer Betrachtung feststellen wird, dass die beiden Genres, trotz einiger Gemeinsamkeiten, doch recht verschieden waren. Fest steht allerdings, dass Sergio Leone, wie auch die Regisseure der Spätwestern, darauf setzte, Westernklischees vergangener Tage zu verfremden oder gar umzukehren. All dies verpackte er mit Hilfe seines speziellen Stils zu kunstvollen Endprodukten.
Eine besonders auffällige Innovation war auch die Wahl des Drehorts. Während John Ford seine Meisterwerke im legendären Monument Valley in Szene setzte, drehte Leone seine Filme in Spanien, was zum damaligen Zeitpunkt eine im Western-Genre nie dagewesene Neuerung war, mit der nun eine völlig neue Atmosphäre geschaffen wurde. „Zwei glorreiche Halunken“ gilt auch heute noch als Genrekönig des Italo-Westerns und brachte Leone in Amerika sogar den (inoffiziellen) Titel „Master of Adventure“ ein.
Dass Sergio Leone ein Könner war, lässt sich am Beispiel von „Zwei glorreiche Halunken“ vortrefflich festmachen. Hier sieht man gleich, dass der verantwortliche Regisseur über die Gabe einer besonderen Vorstellungskraft verfügt, dass er ein Mann mit Visionen ist, ein Künstler, der die gesamte Breite der Kinoleinwand nutzt, um Gemälde darauf zu erschaffen, und das oft bereits mit einfachsten Mitteln.
Exemplarisch kann man bereits die Eröffnungssequenz des Films heranziehen. Die für Leone typischen langen, extrem weiten Einstellungen, die ansatzlos, wie selbstverständlich, zu extremen Close-Ups wechseln und die zerfurchten Gesichter der Figuren und deren als Spiegel ihres Seelenlebens dienenden Augen in aller Deutlich- und Ausführlichkeit zeigen, lassen gleich auf ein hohes Maß an Filmverständnis, gepaart mit einer besonderen Begabung schließen. Dass nicht gesprochen wird, fällt dem Zuschauer kaum auf, da sämtliche Emotionen durch die Kamera und die Musik vermittelt werden. Im weiteren Verlauf widmet Leone jedem der 3 Hauptcharaktere eine eigene Introduktions-Sequnz, in denen jeder der Akteure in einer für ihn mehr oder weniger typischen Situation – die Story wird hier bereits vorangetrieben - gezeigt und somit vorgestellt wird. Am Ende jeder dieser Sequenzen werden die Handelnden mit Hilfe von Texteinblendungen als „Der Gute“ (Blonder), „Der Böse“ (Sentenza) und „Der Hässliche“ (Tuco) bezeichnet, woraus sich im Original gleich der Titel des Films ergibt.
Auch in diesen Szenen sind die hochqualitativen technischen Merkmale, die im gesamten Film zu finden sein werden, augenscheinlich. Die clevere Kameraführung ist ein Aspekt, der dem fachkundigen Betrachter schnell auffallen wird. Hier gilt oft das Prinzip: Was der Zuschauer nicht sieht, sehen auch die Charaktere nicht. Dies sorgt immer wieder für Überraschungen, z.B. in dem Moment, als der Blonde und Tuco plötzlich einen Truppenstützpunkt entdecken oder auch der Augenblick, als vor dem mexikanischen Haudegen wie aus dem Nichts der gesuchte Friedhof auftaucht. Aber auch in der Eröffnungssequenz spielt Leone bereits mit dem Prinzip des Überraschungsmoments. Trotz der extremen Weitaufnahme ist urplötzlich ein Bandit im Bild und blickt dem verdutzten Zuschauer förmlich aus nächster Nähe ins Gesicht.
Wie bereits in der ersten Szene angedeutet, steht auch im gesamten Film die Bildsprache stark im Vordergrund, die sich gemeinsam mit der Musik zu einer operettenhaften Komposition von starker Ausdruckskraft vereinigt, welche durch die Dialoge ergänzt wird.
In diesem Zusammenhang sollte man auch tiefgehender auf die Meisterleistung eingehen, die Ennio Morricone bei „Zwei glorreiche Halunken“ vollbracht hat. Seine Musik, die sich sowohl kompositorisch, als auch mit ihrer innovativen Instrumentalisierung - so kommen neben den aus dem klassischem Symphonieorchester bekannten Klängen, auch, für damalige Verhältnisse, vollkommen untypische Instrumente, beispielsweise eine E-Gitarre, vor – von den klassischen Western-Scores stark unterscheidet, war stilprägend für das Genre des Italo-Westerns und, wie bereits angedeutet, perfekt auf die einzelnen Situationen im Film zugeschnitten.
Allein das legendäre, vom in der Eröffnungsszene vernehmbaren Kojotengeheule inspirierte, Main Theme gilt heute als das Westernmotiv schlechthin. Selbst Filmlaien sind oft dazu in der Lage, die Melodie mitzupfeifen und sie mit diesem Genre in Verbindung zu bringen. Das Stück zieht sich, in den verschiedensten Ausführungen, wie ein roter Faden durch den Film, passt sich der jeweiligen Grundstimmung an und verstärkt diese. Dieses perfekte, Emotionen erzeugende Zusammenspiel von Bildern und Musik wird aber vor allem gegen Ende des Films deutlich und lässt sich an 2 Paradebeispielen festmachen. Zum einen an einem der wohl besten Morricone-Stücke überhaupt, „The Ecstasy of Gold“, welches während der berühmten Friedhofsszene zu hören ist. Tucos Gier nach dem Schatz, der nun so nah ist, seine buchstäbliche Ekstase, werden durch das grandiose Verschmelzen der schwindelerregenden Bilderflut und der sich parallel dazu immer weiter steigernden, ebenso ekstatischen Musik für den Zuschauer beinahe greifbar. Wenige Minuten später folgt dann bereits „The Trio“, das den bereits erwähnten Dreier-Shootout im Zentrum von „Sad Hill“, der den endgültigen Höhepunkt des Films darstellt, begleitet. Die klimaktische Struktur der Szene ist hier natürlich auch im musikalischen Bereich zu finden. Mit Hilfe von sich stetig in der Höhe steigernden Tonfolgen, erschafft Morricone zunächst eine hintergründige Spannung, die sich immer weiter aufbaut, nur um sich dann in einer, passend zum sogenannten, hier stattfindenden „Mexican Standoff“, auf einer Trompete gespielten Melodie, zu entladen. Die sich im Rhythmus-Bereich weiterhin steigernde Musik begleitet dann die Bilder der 3 sich gegenüberstehenden, hochkonzentrierten Pistoleros und die immer schneller werdenden Schnitte, die sich bald nur noch auf Augen und Waffen fokussieren. Unmittelbar bevor die Schüsse fallen, endet auch „The Trio“, das an seinem Höhepunkt angelangt ist, schlagartig. Morricone baut hier zudem Motive aus seinen Kompositionen ein, die in den beiden vorherigen Dollarfilmen zum Einsatz kamen. So ist beispielsweise für kurze Zeit das Taschenuhr-Theme zu hören, das beim Duell zwischen Mortimer und Indio in „Für ein paar Dollar mehr“ gespielt wurde. Somit ist der Höhepunkt von „Zwei glorreiche Halunken“ auch in musikalischer Hinsicht zugleich der logische Abschluss der gesamten Dollartrilogie.
Weitere erwähnenswerte Stücke, die mit dem visuellen Aspekt des Films Hand in Hand gehen, sind beispielsweise „The Sundown, mit dem sich die Bedrohung, die bald darauf durch den zur Farm reitenden Sentenza personifiziert werden soll, erahnen lässt, „The Desert“, das den Filmbetrachter die Qualen des Blonden während seines Todesmarsches durch die Wüste beinahe mitfühlen lässt, das von Melancholie geprägte „The Strong“, welches durch den Einsatz der immer disharmonischer wirkenden Schlachthörner perfekt zur trost- und hoffnungslosen Atmosphäre im von Sentenza besuchten Fort passt, das zunächst verträumte, auf einer akustischen Gitarre gespielte „Padre Ramirez“, das die tragische Szene zwischen Tuco und seinem Bruder untermalt, bevor es, der Situation entsprechend, in das Hauptthema mündet, losgelöst von sämtlichen schwermütigen Klängen und natürlich das von einem Soldatenorchester gespielte und von einem dazugehörigen Chor gesungene „The Story of a Soldier“, das Tucos Folterszene begleitet. Bei letzterem wird erneut die vom Gespann Leone/Morricone hochgeschätzte Verbindung zwischen Handlung und Musik auf ganz spezielle Weise deutlich; die Musik wird zum aktiven Teil der Handlung, ist nicht nur hör- sondern auch sichtbar und treibt die Geschichte voran.
Aber nicht nur die Personen hinter den Kulissen leisten hervorragende Arbeit. Auch die Schauspieler tragen ihren Teil zum absolut positiven Gesamtbild bei. Natürlich ist Clint Eastwood auch im 3. Teil der Trilogie, die ihn vom TV-Seriendarsteller zum Star, zur Westernikone machte, mit von der Partie. Als namenloser Fremder, in diesem Film fortan von Tuco „Blonder“ gerufen, verkörpert er den Inbegriff des Italo-Western-Anti-Helden, mysteriös und wortkarg, gelegentlich jedoch mit zynischen Kommentaren die Situation und seine Mitstreiter - oder auch Gegenspieler – beschreibend. Clint Eastwood ist die Rolle des zigarrerauchenden, in einen Poncho gehüllten Revolverhelden wie auf den Leib geschnitten. Im Vergleich zu den beiden Vorgängerfilmen erhält sein Charakter, „der Gute“, in „Zwei glorreiche Halunken“ noch ein gewisses Maß an Tiefe, da die vereinzelten Aussagen, die er über die Lippen bringt, oftmals treffend und bedeutungsschwanger sind (Beispiel: Kriegssequenz) und seine Handlungen in diesem abschließenden Teil der Trilogie stärker auf ein gewisses Maß an Mitgefühl und Barmherzigkeit schließen lassen.Eine interessante Tatsache ist übrigens, dass er den Poncho, der zuvor im Besitz des sterbenden Soldaten war, gegen Ende dieses Films an sich nimmt, während er ihn in „Für eine Handvoll Dollar“ und „Für ein paar Dollar mehr“ bereits besitzt, weshalb sich das hartnäckige Gerücht, dass es sich bei diesem 3. Teil in Wahrheit um ein Prequel handelt, hartnäckig hält.
Nachdem er ein Jahr zuvor noch den gutherzigen, sympathischen Colonel Mortimer verkörpert hatte, kehrte Lee van Cleef für „Zwei glorreiche Halunken“ nun als diabolischer Sentenza, „der Böse“, an Leones Filmset zurück. Obwohl die beiden Charaktere kaum gegensätzlicher sein könnten, liefert er abermals eine hervorragende Leistung ab. Den eiskalten, skrupellosen Killer ohne Gewissen, der auch mal nur zum Spaß - oder weil seine Prinzipien es ihm gerade „vorschreiben“ – tötet, nimmt man van Cleef jederzeit ab. Aus seinen Augen blitzt eine fast schon von Wahnsinn geprägte Boshaftigkeit, die ihn, gepaart mit den intelligenten Handlungen Sentenzas, und dem Einfluss, den er zu haben scheint, als eine wahre Bedrohung erscheinen lassen. Dass er ausgerechnet Anführer einer Bande von zielsicheren Mördern ist, bestärkt den Zuschauer in diesem Gefühl. Lee van Cleef verkörpert in diesem Film das Schulbeispiel des Italo-Western-Bösewichts.
Glänzen kann auch Eli Wallach als Tuco. Der hinterlistige, geschwätzige Mexikaner, der, je nachdem wie es die Situation gerade erfordert, oft fluchend, dann wieder flehend, immer auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, stellt mit seiner sehr emotionalen Vorgehensweise einen Kontrast zu den eher verschlossenen Gegenspielern dar. Wallachs komödiantisches Talent kommt hier oft zum Zuge, doch auch die Anflüge von tragischen Momenten meistert er mit Bravour. So erhält sein Charakter zusätzlichen Tiefgang, als er auf seinen Bruder, einen Pater, trifft und im Folgenden seine Vergangenheit freigelegt wird. Dies ist einer der Gründe, warum der im Wesentlichen rücksichtslose Bandit mit ellenlangem Vorstrafenregister und einem Hang zu skrupellosen Handlungen, mit denen er auch vor dem Blonden keinen Halt macht, trotz allem ein Sympathieträger ist. Seine markigen Sprüche und Flüche sorgen zudem oftmals für Lacher, jedoch kann der Zuschauer Tucos Verhalten, aufgrund von dessen Unberechenbarkeit, nie vollkommen einschätzen und bewerten, da er nie weiß, ob der mexikanische Schlingel, der vor wenigen Augenblicken noch „freundlich“ war oder den Clown spielte, sich nicht im nächsten Moment wieder auf besonders hinterhältige Weise gegen seine „Verbündeten“ wendet. Im Grunde kann man fast davon ausgehen, dass sein komplettes Verhalten zu einem Plan gehört und er, wenn es ihm zum Vorteil gereicht, blitzschnell jede aufkeimende Freundschaft beendet und eiskalt zurückschlägt. Die auf genussvolle Art verdorbene, fast widersprüchliche Natur seines Charakters lässt sich besonders gut daran festmachen, dass Tuco, sobald er eine Leiche erblickt, das Kreuzzeichen macht – auch wenn er denjenigen Sekunden zuvor selbst erschossen hat.
Auch die Nebenrollen sind durch die Bank ausgezeichnet besetzt. Der Leone-kundige Filmfreund wird schnell das ein oder andere bekannte Gesichter aus vorherigen Filmen des italienischen Regisseurs erkennen. So kehrt Mario Brega, in „Für ein paar Dollar mehr“ noch die rechte Hand des Bösewichts Indio, diesmal als Sentenzas Verbündeter, Corporal Wallace zurück, um Tuco mit Hilfe von Brachialgewalt Informationen zu entlocken und Luigi Pistilli legt einen denkwürdigen Auftritt als Pater Pable Ramirez hin. Erwähnenswert ist auch die Rolle des alkoholabhängigen Captains, exzellent verkörpert von Aldo Giuffrè, dem Tuco und der Blonde einen allerletzten Wunsch erfüllen.
Die vielen spanischen und italienischen Laiendarsteller, die übrigens während der Dreharbeiten ihren Text in ihrer jeweiligen Landessprache aufsagten – später wurde alles nachsynchronisiert – verleihen dem Film einen Schuss seiner Authentizität. Im Gegensatz zum klassischen Hollywood-Western kommen hier nicht ausschließlich ausgebildete Schauspieler zum Einsatz, sondern zum Teil Menschen, die fast wie echte Bewohner des amerikanischen Westens im 19. Jahrhundert wirken.
Sergio Leones Charaktere sind keine bloßen Schablonen, die er in der Landschaft postiert, damit diese eine bestimmte Funktion erfüllen. Vor allem die Hauptfiguren sind, trotz ihrer kategorischen Unterteilung in „gut“, „böse“, und, charakterlich gesehen, „hässlich“, bei weitem tiefgründiger, als man dies zunächst annehmen würde. So sind sich Blonder, Sentenza und Tuco bei genauerer Betrachtung doch ähnlicher, als es ihre eher eindimensional klingenden „Beschriftungen“ vermuten lassen.
„Der Gute“ beispielsweise setzt Tuco auf skrupellose Weise, ohne dass zuvor jemand damit hätte rechnen können und ohne ersichtlichen Grund, in der Wüste aus und überlässt diesen somit seinem Schicksal, welches unter Umständen mit Tucos Tod enden könnte, während „der Böse“ von Zeit zu Zeit Anflüge von Barmherzigkeit und Mitleid zeigt. Dem „halben Soldaten“ spendiert er wohlwollend einen Drink und auch dem Kriegsveteranen im verlassenen Fort überlässt er mildtätig eine volle Flasche, obwohl dieser ihm keine weitere Hilfe mehr sein wird. Dies könnte allerdings auch Zeichen seiner Verbundenheit zum Militär sein, eine Vermutung, die sich zu einem späteren Zeitpunkt der Handlung noch erhärten wird. „Der Hässliche“ steht irgendwo zwischen den beiden und gerade das macht ihn charakterlich besonders vielschichtig und unberechenbar. Sind die den einzelnen Figuren zugewiesenen Titulierungen also hinfällig? Natürlich nicht, denn in einigen entscheidenden Aspekten unterscheiden sich die drei Kontrahenten maßgeblich. So schlägt Sentenza Frauen und erschießt gerne mal Unschuldige, eine Vorgehensweise, die man beim Blonden vergeblich suchen wird, da dieser Unbeteiligte generell zufrieden lässt und sich gelegentlich sogar als Helfer in der Not erweist, zumindest solange es ihm keine allzu großen Umstände macht.
In einem aber sind sie, ihrer unterschiedlichen Methoden zum Trotz, alle 3 gleich: Dem Bestreben, der Habgier, nach dem Gold.
Und diese Gier ist es, die Leone zu einem zentralen Thema von „Zwei glorreiche Halunken“ macht. Sie ist es, die die Akteure voran treibt, ihr gesamtes Sinnen und Trachten richtet sich auf den Schatz, den Reichtum; er wird zu ihrem Lebensziel. Sie sind bereit, ihre Existenz dafür aufs Spiel zu setzen. Dass Sergio Leone in diesem Zusammenhang eine Referenz zu Erich von Stroheims Stummfilm-Meisterwerk „Greed“ (1924) einbaut, ist somit nicht verwunderlich. Natürlich schwingt in Bezug auf dieses Thema auch ein gewisser Anteil an Gesellschaftskritik mit, da die gezeigte, schier grenzenlose Gier als Produkt der in der Bevölkerung weit verbreiteten Armut gesehen werden muss. Da es aber gerade das Geld ist, das so eine wichtige Rolle im Dasein eines jeden übernommen hat, das letztendlich über Leben und Tod entscheidet, tun die Charaktere alles, um es zu erreichen, es zu besitzen. Koste es, was es wolle. Dieser Gedankenansatz lässt sich in weiten Teilen des Films nachvollziehen. Im Gespräch zwischen Tuco und seinem Bruder jedoch, wird er dem Zuschauer im Besonderen nähergebracht. In diesem Dialog wird klar, dass Tuco aus ärmlichen Verhältnissen stammt und nach seiner schwierigen Jugend das Banditengeschäft als einzigen Ausweg sah. Er wollte der Armut, diesem quälenden Dasein, entfliehen und wurde somit, auf der Suche nach einer Prise Lebensglück, welches so schwer zu finden in dieser harten, ungerechten Welt zum Verbrecher, zum Gewalttäter. Sergio Leone konkretisierte dieses Thema später in einem weiteren Meisterwerk, „Es war einmal in Amerika“ (1984).
Eine weitere wichtige Rolle in „Zwei glorreiche Halunken“ spielt - auch in interpretatorischer Hinsicht - der Krieg. Zwar beschäftige sich Leone auch mit diesem Thema später noch einmal ausführlicher, in seinem Revolutionsepos „Todesmelodie“ (1971), jedoch kommt es auch hier, im letzten Teil der Dollartrilogie, der vor dem Hintergrund des amerikanischen Bürgerkriegs spielt, bereits ausführlich zu Sprache.
Zunächst scheint es fast, als existiere der Krieg überhaupt nicht. Die Charaktere halten sich an Schauplätzen auf, an denen man jegliche Spuren von Schlachtengetümmeln vergebens sucht. In den Städten, in denen Tuco aufgeknüpft werden soll, lassen sich bei bestem Willen keine Soldaten entdecken – nun ja, ein halber vielleicht. Jedoch merkt man schnell, dass die Figuren im Verlauf der Handlung immer näher und näher an den tobenden Bürgerkrieg herangeführt werden und spätestens als sie Städte erreichen, in denen Erschießungskommandos vor den Augen der Öffentlichkeit Gefangene hinrichten und grollendes Kanonenfeuer die Häuser erbeben lässt, weiß man, was hier tatsächlich gespielt wird. Immer dichter schließt sich der Kreis der allgegenwärtigen Zerstörung und je weiter sich die Kontrahenten in Richtung des Schatzes bewegen, desto mehr Hindernissen begegnen sie. Hindernisse, die erst durch den Krieg entstanden sind. Dass Tuco und der Blonde vorübergehend in einem Kriegsgefangenlager landen, ist da fast eine logische Konsequenz, soll sich später allerdings als Vorbote des tatsächlichen Höhepunkts ihrer Odyssee durch den Bürgerkrieg herausstellen. Dann nämlich gelangen sie zum Schauplatz einer wütenden Schlacht und nehmen tatsächlich aktiv an dieser teil. Auf ihre ganz eigene Weise natürlich.
Doch trotz aller Beeinflussung, trotz aller Hindernisse, die der Krieg für die Handelnden darstellt, ist er für sie doch nicht zentral, sondern lediglich ein Hintergrund für ihre eigenen Aktivitäten. Obgleich sie dem Kriegsgeschehen immer näherkommen, für sie steht ihre eigene Suche im Vordergrund; sie haben „Wichtigeres“ zu tun, als an einem historischen Ereignis wie dem Bürgerkrieg, welcher das ganze Land beschäftigt, teilzunehmen. Für solche Kriegsspielchen haben sie nun einfach keine Zeit. Dass ihnen der erbitterte Kampf der Nordstaatler gegen die Südstaatler vollkommen egal ist, lässt sich unter anderem an der Szene festmachen, in der der Blonde und Tuco, verkleidet als Soldaten, mit ihrer Kutsche durch die Prärie reisen. Weder wissen sie, welche Uniform sie da überhaupt tragen, noch scheinen sie daran interessiert zu sein, zu erfahren, wer überhaupt gegen wen kämpft. Ihr ganzes Trachten richtet sich darauf, ohne längere Unterbrechungen, ihre eigene Mission fortführen zu können. Ob es sich nun um graue oder blaue Uniformen handelt, spielt für sie im Grunde gar keine Rolle. Die herannahenden Soldaten teilen dieses Desinteresse jedoch keineswegs, und somit landen die beiden Halunken, durch eine ironische Fügung des Schicksals, in einem Gefangenlager. Ausgerechnet in dem, welches Sentenza in „Besitz genommenen“ hat.
Und genau diese schicksalhaften Eingriffe sind es, die die Verbindung der Halunken zum Krieg charakterisieren. Ihr Leben, ihre Bemühungen werden, manchmal fast unmerklich, von den Auswirkungen des Bürgerkrieges beeinflusst. Beispielsweise verhindert eine abfeuerte Kanonenkugel, dass der namenlose Revolverheld von seinem Erzfeind gehängt wird. Und bereits die Tatsache, dass die beiden überhaupt von dem Schatz erfahren, ja dass dieser Schatz überhaupt existiert, ist eine weitere schicksalhafte Fügung, die durch den Krieg hervorgerufen wurde.
Kriegsschauplatz für Kriegsschauplatz lassen die 3 Revolverhelden hinter sich, ihr Streben nach dem Gold lässt ihnen keine Zeit, sich mit derlei philosophischen Themen wie der Schicksalsbestimmung auseinanderzusetzen. Selbst das Gefangenenlager ist nur eine weitere Station auf ihrem Weg und auch, als sie letztendlich aktiv am Krieg teilnehmen, ist dies nur ein weiterer Schritt, der gegangen werden muss, um letztendlich an das große Ziel zu gelangen.
Dass Leone seine Figuren vor dem Hintergrund des Krieges auftreten lässt, ist natürlich kein Zufall. Und auch, wenn die Handelnden Wichtigeres zu tun haben, als sich mit einem „lächerlichen“ Krieg zu abzugeben, übt der Regisseur teilweise heftige Kritik. Die öffentlichen Erschießungen, die in ihrer Kaltblütigkeit sogar Sentenza kaum zuzutrauen wären oder Tucos Begegnung mit einem sinnlos verkrüppelten Soldaten sind nur ein paar Beispiele dafür. Die Schlacht um die Brücke stellt nicht nur inhaltlich, sondern auch in Bezug auf die Interpretation der Rolle des Krieges und der damit verbundenen Kritik, einen Höhepunkt dar. Hier ist auch eins der zuvor erwähnten treffenden, tiefgründigen Kommentaren des Blonden zu finden, der der Kritik an dieser Schlacht, ja am gesamten Krieg, in einem einzigen, knappen Satz Ausdruck verleiht. Die sich in Alkohol flüchtenden Soldaten, der sterbende Captain mit seinen Aussagen und seinem Herzenswunsch und der ebenfalls im Sterben liegende Soldat, dem das Mitgefühl des „Guten“ zuteil wird, sind weitere Bausteine für diese von Sergio Leone wohldurchdachten Missmutsbekundungen am gegenseitigen Abschlachten zweier Parteien.
Der Blonde und Tuco, obgleich sie doch Halunken sind, erweisen sich in dieser Situation als Helfer, vielleicht sogar als wahre Helden, indem sie, das Hauptaugenmerk selbstverständlich auf ihr Weiterkommen gerichtet, ganz nebenbei die Brücke sprengen, die bereits auf solch sinnlose Art und Weise so viele Leben gekostet hat und sicherlich noch einige weitere genommen hätte. Auf ihrer für sie so wichtigen Schatzsuche retten die beiden Teufelskerle doch tatsächlich, und wenn es auch nur ein Nebeneffekt ist, das Leben von vielleicht Hunderten von Soldaten, erfüllen dem sterbenden Captain seinen letzten Wunsch und tricksen ebenso den allgegenwärtigen Krieg, das sinnlose System aus, nutzen es sogar zu ihrem Vorteil. Anschließend ist dann endlich der Weg frei zu ihrem Ziel. Der Krieg ist besiegt. Alles was ihnen nun noch zur Erfüllung ihres Traumes im Weg steht, sind sie selbst.
Das Aufeinandertreffen der „Giganten“ nimmt also seinen Lauf, bevor Sergio Leone seinem Meisterwerk mit einem genial-gewitzten Ende das I-Tüpfelchen aufsetzt. Und auch auf formaler Ebene rundet er seinen Film ab. Wie bereits in der Eingangssequenz verwendet er wieder die altbekannten Texteinblendungen. Diese dienen nun als „Schlussworte“, zeigen sie doch, was im Verlaufe ihrer Reise und im Vergleich zu den Lebenssituationen, in denen sie sich während ihrer ersten Szenen befanden, schlussendlich aus den 3 Akteuren geworden ist und wohin sie ihr Weg geführt hat – ob in den Reichtum, den Tod oder irgendetwas, das dazwischen liegt. Der Kreis schließt sich.
Sergio Leone schuf mit „Zwei glorreiche Halunken“ einen der besten Western, einen der besten Filme, aller Zeiten. Der praktisch makellose Genre-König des von Leone perfektionieren und populär gemachten Italo-Westerns, der mit perfekt in ihre Rollen passenden Schauspielern, geistreich-trockenem Humor, einem Sammelsurium an legendären Szenen, monumentaler und zudem innovativer Optik, die gemeinsam mit der ebenfalls legendär gewordenen Musik eine filigran aufeinander abgestimmte Mischung ergibt, aufwartet, kann bedenkenlos als eines der großen Kunstwerke der Filmgeschichte angesehen werden. Ein Meisterwerk ohne Wenn und Aber. Es gibt - so würde es der Blonde sicher formulieren - 2 Kategorien von Filmen: Jene, die in Vergessenheit geraten und jene, die zu unvergänglichen Klassikern werden. "Zwei glorreiche Halunken" gehört zweifelsohne in die letztere Kategorie.
-- SHUs Wertung: 10 Punkte