Um die Karriere von Kiefer Sutherland war es schon länger nicht mehr gut bestellt. Als er Ende der Achtziger mit den beiden Westernauffrischungen „Young Guns“ und „Blaze of Glory“ auffiel, sowie mit „Flatliners“ das Jenseits zu erkunden versuchte, schien die Perspektive für eine verheißungsvolle Karriere vorhanden zu sein. Abgesehen vom spaßigen Mantel & Degen-Abenteuer „The Three Musketeers“ kam danach allerdings nicht mehr viel. Die Nebenrollen häuften sich, die großen Produktionen wurden rarer, sein Name geriet in Vergessenheit. Um etwas dagegen zu tun, beschloss er selbst Hand anzulegen und drehte seine zweite Regiearbeit „Truth or Consequences, N.M.“, dem seinerzeit kaum Beachtung geschenkt wurde. Sein Comeback leitet er erst zur Jahrtausendwende mit dem mutigen Schritt gen TV-Unterhaltung mit der erfolgreichen Echtzeit-Serie „24“ ein. Im Schatten seines Vaters Donald steht er zwar auch heute noch, aber wenigstens ruft Hollywood inzwischen wieder an und fragt ihn zwischen den „24“ – Drehpausen, ob er nicht für die ein oder andere Rolle mal Zeit hätte.
Sein Drehbuchautor und Christopher Lamberts Spezi Brad Mirman, nicht unbedingt ein Garant für gute Skripte, wie „Body of Evidence“ und „The Piano Player“ eindrucksvoll beweisen, schrieb hier ein Skript, dass sich irgendwo zwischen der Tragik von „Bonnie and Clyde“ und dem grotesken Humor von Quentin Tarantino ansiedelt, damit aber überraschend gut fährt, weil es die Mischung macht. Warum Mirman so qualitativ schwankende Arbeiten abliefert, bleibt sein Geheimnis.
Raymond Lembecke (blass: Vincent Gallo, „Trouble Every Day”, „Stranded: Náufragos”) ist ein Verlierer, der zusammen mit seiner Freundin Addy Monroe (Kim Dickens, „Mercury Rising“, „Hollow Man“) den Neuanfang will. In den Bau ging er seinerzeit, um seinen Kumpel, den Drogendealer Eddie Grillo (John C. McGinley, „Platoon“, „Surviving the Game“), nicht zu verpfeifen. Der dankt es ihm nun mit einem Job als Lagerarbeiter und weil das in Raymonds Augen viel zu wenig ist, will er ihm Stoff im Wert von einer Millionen Dollar abnehmen. Doch der Coup verläuft nicht wie geplant, die Situation gerät außer Kontrolle und schon bald muss er mitsamt Addy und seinen beiden Kumpanen Curtis (Kiefer Sutherland selbst) und Marcus (Mykelti Williamson, „Con Air“, „Species II“), der, ohne das die drei es natürlich wissen, ein Undercover-Cop der DEA ist, die Flucht antreten. Erst lediglich von der Polizei gejagt, bald jedoch auch von Profikillern, haben sie die mexikanische Grenze vor Augen.
Kiefer Sutherlands Regiearbeit erweist sich als überraschend ausgewogen, denn ohne das dem Thriller seine Ernsthaftigkeit genommen wird, versteht er es Nebenbemerkungen zu ausufernden Diskussionen auszuwalzen, konsequent-brutale Actionpassagen einzubauen und niemals seine Figuren aus den Augen zu verlieren. Ihre Entwicklung verläuft zwar leider äußerst langsam, aber sie heben sich wohltuend von den gängigen Mustern ab.
Auch wenn Sutherland hier mit Curtis im Grunde nur eine Nebenrolle spielt, ist er neben dem mal wieder sehr sympathischen und gut spielenden Mykelti Williamson die klar herausragende Figur. Curtis ist ein aggressiver, naiver und sehr leicht reizbarer Soziopath, für den ein Menschenleben nichts Wert ist, weswegen man sich nie sicher sein kann, wie dieser unberechenbare Vulkan, auch aufgrund seines Drogenkonsums, als nächstes reagieren wird. Er verursacht und fördert nicht nur das Helsinki-Syndrom bei Geisel Gordon (Edel-Support: Kevin Pollack, „End of Days“, „Hostage“), sondern führt auch immer wieder zu einer angeregten Diskussion zwischen Raymond und Addy, da beide ganz unterschiedlicher Meinung über ihn sind.
Auf ihrem Roadtrip gen Mexiko müssen sie nicht nur an den Gesetzeshütern vorbeischlüpfen, sondern erleben auch noch eines faustdicke Überraschung, als sie den Stoff schließlich an den Mann (Rod Steiger in einer kleinen Rolle) bringen wollen und alsbald eine Meute von Profikillern (u.a. Martin Sheen auf Christopher Walkens Spuren und zwar durchaus ebenbürtig) am Hals haben. Zum Mexican Standoff kommt es dann schließlich in der Wüste von, wie passend, New Mexico: Eine minutenlange Gewaltorgie voller blutiger Shootouts, Zerstörungswut und tragischen Momentaufnahmen. Für die romantischen Momente zwischen Raymond und Addy bleibt da kaum noch Platz.
Neben der brisanten Figurenkonstellation, die ein ums andere mal zu explodieren droht und sich im Verlauf ihrer Reise auch untereinander misstraut, sorgen vor allem die Unvorhersehbarkeit des letztlichen Schicksals des Quartetts für Spannung. Die genreerfahrenen Zuschauer können sich schon anhand der festgelegten Sympathien den Ausgang vorhersagen, dafür hält Sutherland allerdings Situationen parat, bei denen einem schon mulmig wird. Speziell, weil nicht sicher ist, ob Marcus Tarnidentität noch aufzufliegen droht und weil zumindest Gordon sie so sehr bewundert, dass er selbst so wie seine Kidnapper zu werdend droht, was seine Freundin nicht nur skeptisch sondern auch ängstlich mit ansehen muss.
Fazit:
Gewalt ist keine Lösung und Verbrechen zahlt sich nicht aus. Das hat „Truth or Consequences, N.M.“ einmal mehr gezeigt, ohne dem etwas Neues hinzuzufügen. Das macht ihn keinesfalls schlecht, ganz im Gegenteil er ist sehr unterhaltsam, die Klasse zu etwas Besonderes werden zu wollen, fehlt ihm allerdings. So reicht es für Kiefer Sutherland immerhin noch zu einem Achtungserfolg, der sich besonders in den Actionszenen auf den in diesem Metier sehr erfahrenen Kameramann Ric Waite („48 Hrs.“, „Cobra“, „Rapid Fire“) verlassen kann und sich von seinen Kollegen, die im Gegensatz hierzu meist nur uneigenständig kopieren wollen, abhebt. Auf oberflächliche Unterhaltung war Sutherland hier definitiv nie aus. Dafür beinhaltet der Film zuviel Tragik und zu dosierte Action. Schade nur, dass sein Hauptdarsteller nicht immer mitzieht und ihm das Drehbuch in mittelprächtigen Passagen kurzfristig zu entgleiten droht.