Review

Die 1980er, das Jahrzehnt, in dem ich aufwuchs, waren einerseits die Dekade gepflegter angepasster Oberflächlichkeiten, neureicher Yuppies in Tennis-Clubs und spießigen Reihenhaussiedlungen, der Popper und des Reagan’schen Kalten Kriegs und daraus resultierender kultureller Harmlosigkeit, brachte aber auch sich dagegen wehrende Kritiker, Verweigerer und Außenseiter hervor, die die Pop-, Gegen- und Subkultur entscheidend mitgeprägt haben und mich bis heute mit ihren künstlerischen Ausdrucksformen erfreuen. Als ich nun kürzlich darüber gestolpert bin, dass der von mir für Werke wie „Flatliners“ und „8MM“ geschätzte US-Regisseur Joel Schumacher 1985 mit „St. Elmo’s Fire“ einen Film gedreht hat, der das Lebensgefühl einer jungen, aufstrebenden Generation jenes Zeitabschnitts eindrucksvoll zum Ausdruck bringen soll, der stellenweise sogar als eine Art inoffizieller Nachfolger des vielerorts und so auch bei mir Kultstatus besitzenden „Breakfast Club“ gehandelt wird und dessen Soundtrack zudem der Song „St. Elmo’s Fire (Man In Motion)“ von John Parr entsprang, ein Song, den ich wie kaum einen anderen mit den 80er-Jahren in Verbindung bringe, stellte sich mir die Frage, welcher der o.g. Aspekte wohl beleuchtet wurde. Neugierig besorgte ich mir „St. Elmo’s Fire“, legte die Scheibe gespannt in den Player und hoffte wenigstens auf reichlich Zeitkolorit. Der Film dreht sich um eine siebenköpfige Gruppe Collegeabsolventen, allesamt Anfang 20. Zunächst schienen sich meine Befürchtungen zu bestätigen, denn als sich einer der jungen Männer, Alec (Judd Nelson), als widerlicher Speichellecker entpuppt, der seine ehemals demokratischen Überzeugungen über Bord wirft, um als Arschkriecher eines republikanischen Abgeordneten mit seiner Politkarriere durchstarten zu können, wird dessen Antwort „Weil’s was einbringt“ auf die Frage nach seinen Beweggründen von seiner Clique hingenommen, als wäre es das Normalste der Welt. Er haust mit seiner Freundin Leslie (Ally Sheedy) in einem Luxusappartement (mit Anfang 20!) und erscheint wie die personifizierte Werbung für den „American Way Of Life“-Kapitalismus. Die Mädels scheinen nur „Shoppen“ und Mode im Kopf zu haben und von den interessanten „Breakfast Club“-Charakteren, mit deren Darstellerriege es zahlreiche Überschneidungen gibt, scheint kaum etwas übrig zu sein. Beim Aufsagen ihrer „Club-Parole“ (oder was auch immer das sein soll) wirken diese lachhaften Abziehbilder eher wie ein peinlicher möchtegern-elitärer Stundenbund denn wie eine verschworene Gemeinschaft, die sich gemeinsam den Irrungen des Lebens stellt. Doch glücklicherweise scheint das Drehbuch uns Zuschauer bis zu diesem Punkt absichtlich an der Nase herumgeführt zu haben, dann bald stellt sich heraus, dass der Speichellecker seine Freundin betrügt und trotzdem krampfhaft seinen spießbürgerlichen Willen durchzusetzen versucht, sie zu heiraten. Ein anderer (Kirby/Emilio Estevez) irrt ziellos durchs Leben und versucht sich in zahlreichen verschiedenen Betätigungsfeldern, bis er sich in eine hoffnungslose, einseitige Liebe stürzt, durch die er vermutlich Stabilität erhofft, der saxophonspielende Rockmusiker Billy (Rob Lowe) verliert einen Job nach dem anderen, verfällt dem Alkohol und rennt seiner jungen Familie hinterher, die sich von ihm abgewandt hat, die am oberflächlichsten und vergnügungssüchtigsten dargestellte Jules (Demi Moore in jungen Jahren und vor ihren OPs) entwickelt ein ernsthaftes Drogenproblem, Fräulein „Rühr mich nicht an“ Wendy (Mare Winningham) hat noch keinerlei sexuelle Erfahrungen gemacht, ist verklemmt und hat ihren weiteren Lebensweg bereits von ihrem die Luft zum Atmen raubenden Elternhaus vorgezeichnet bekommen, das ihr Engagement im sozialen Bereich nur müde belächelt usw. usf. Als es dann auch noch Streit um eine Frau, genauer: um Leslie gibt, scheint die Cliquen-Idylle endgültig passé. Um ein noch größeres Unglück abzuwenden, besinnen sich aber letztendlich alle wieder auf die Stärke ihres Zusammenhalts und wenden zumindest zunächst alles zum Guten. So richtig glaubwürdig wirkt das nicht und ich habe das Gefühl, dass man das Potential der Handlung, das eine ordentliche Portion Zündstoff birgt, absichtlich nicht voll ausgeschöpft hat, um es sich mit seinem Publikum nicht zu verderben. Für eine Absage an eine anpassungswillige, karrieregeile, materialistische Generation fiel „St. Elmo’s Fire“ zu zahnlos aus, für ein realistisches Porträt zu oberflächlich und klischeehaft und für ein Außenseiterdrama die Clique zu heterogen. Dennoch ist die Aussage, in entscheidenden Momenten das eigene Ego zurückstellen und solidarisch an einem Strang zu ziehen, positiv zu werten und der Blick in die chaotische Gefühlswelt junger, von Schule und College ins „wahre Leben“ entlassenen jungen Menschen in dieser abstrahierten Form ebenso leicht konsumierbar wie nachvollziehbar und für Verständnis für diejenigen, die der Leistungsgesellschaft nicht mir nichts, dir nichts gewachsen sind, werbend. Insofern habe ich hiermit tatsächlich einen interessanten, kritischen Blick auf die Protagonisten des eingangs beschriebenen Jahrzehnts kennengelernt, der mit seiner versöhnlichen Ausrichtung zwischen Baum und Borke steht und niemandem so richtig wehtut, aber dafür mit eben jener Atmosphäre, die im Nachhinein für einen verklärenden Wohlfühlfaktor sorgt, interessanter Starbesetzung und recht hohem Unterhaltungswert punktet. Oder in Kurzform: Trotz seines Versuchs der kritischen Auseinandersetzung ist „St. Elmo’s Fire“ eben doch ein typisches Kind des 80er-Mainstreams.

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