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Hollywood liebt wahre Geschichten (bzw die brauch- und verwendbaren Elemente dieser) als Quelle der Inspiration – selbst wenn sich die Gemeinsamkeiten des Ausgangsmaterials mit dem fertigen filmischen Produkt am Ende in nur einem kurzen Satz ausschöpfend zusammenfassen lassen. Die Bezeichnung „Based on / Inspired by a true Story…“ hat schon lange ihre Glaubwürdigkeit verloren, seit Produktionen wie „TCM“ oder „the Untold“ damit werben, weshalb es umso erfrischender wirkt, wenn ein Regisseur wie Tony Scott ein augenzwinkerndes „…sort of!“ hinter diese Aussage setzt. „Two for the Money“ basiert ebenfalls auf einer authentischen Begebenheit, doch schon auf den ersten Blick fällt eine (je nach Betrachtungsweise und Einstellung) entscheidende „kreative Veränderung“ ins Auge: Spielten sich die tatsächlichen Ereignisse um Brandon Link aka Mike Anthony (hier heißt er Brandon Lang aka John Anthony) im Umfeld der Sportart Baseball ab, entschieden sich die Verantwortlichen um Regisseur D.J.Caruso und Drehbuchautor Dan Gilroy, ihre Version stattdessen in der vergleichsweise attraktiveren Welt des amerikanischen Profi-Footballs anzusiedeln…

Im College war Brandon (Matthew McConaughey) der Star-Quarterback seines Teams. Die Zukunft (sprich: die NFL) stand ihm weit offen – etwas, auf das er seit seiner Kindheit mit Ambition und Freude hingearbeitet hatte. Im letzten Spiel der Saison wird er allerdings bei einem waghalsigen Touchdown-Manöver hart getackled – sein Knie bricht, die Karriere ist vorüber, bevor sie eigentlich begonnen hat. Sechs Jahre später lebt er (zusammen mit Mutter und Bruder) in Las Vegas, wo er sein Geld damit verdient, Ansagen für „1-900“-Rufnummern auf Band zu sprechen (z.B. Informationen über die neuste Produktlinie von Jessica Simpson). Eines Tages muss er einen Kollegen vertreten, der in seinem Bereich Sportwetten-Empfehlungen für eine Hotline aufnimmt. Dadurch, dass sich Brandon quasi sein Leben lang mit Football beschäftigt hat, besitzt er ein umfassendes Hintergrundwissen, welches ihm ermöglicht, verdammt gute Prognosen auszusprechen. Eine im Schnitt 80-prozentige Trefferquote beschert ihm nicht nur in dem kleinen Betrieb Anerkennung und Bekanntheit, sondern dringt irgendwann selbst zu dem Geschäftsmann Walter Abrams (Al Pacino) im fernen NY vor, welcher dort eine große Wett-Beratungs-Agentur betreibt und besitzt. Der Hintergrund dieser Branche ist folgender: In den meisten Staaten der USA ist Glücksspiel verboten, weshalb diese Leute ihren Kunden (den Spielern) nur Vorschläge unterbreiten, auf was sie setzen sollen/können. Es handelt sich bei ihnen also bloß um Mittelsmänner. Stimmen ihre Angaben, erhalten sie eine Provision (10 Prozent des Erlöses), lag man daneben, wird kein Geld verdient.

Auf jeden Fall lässt Walter ihn mit Hilfe eines netten Anreizes einfliegen und gibt ihm einen Job. Schon bald bewährt er sich in jener Umgebung ebenfalls bravourös, weshalb er schnell aufsteigt und zum persönlichen Berater eines gewichtigen Kundenkreises wird, welcher sehr große Summen einsetzt und, dank konstant hervorragender Tipps, der Firma hohe Profite beschert. Auf dem Weg zu weiteren Errungenschaften wird Brandon konstant von seinem charismatischen Chef begleitet, welcher schon bald eine Mentor-Rolle einnimmt und ihm die Regeln des Spiels lehrt: Ein neues Image muss her – das des Landeis, welches noch bei seiner Mutter wohnt, zieht in NY nämlich nicht. Ein Sportwagen, besserer Haarschnitt, Designeranzüge und gar ein neuer Name (John Anthony,“the Million Dollar Man“) verwandeln ihn auch äußerlich in einen selbstbewussten Vollprofi, der in den Augen der Klienten mit jeder Pore „Erfolg“ verströmt und ausstrahlt. Gemeinsam verdienen sie Woche für Woche Millionen – Walter investiert in John, indem er ihm immer prestigeträchtigere Kunden zuteilt, jener gibt aufgrund seines breiten Fachwissens die entscheidenden Empfehlungen ab. Ihr Verhältnis erinnert immer stärker an das zwischen einem Vater und seinem Sohn – etwas, das beide jeweils nie besessen haben. Außenstehende, wie Abrams Frau Toni (Renee Russo) oder der bisherige Star der Unternehmung (Jeremy Piven), betrachten diese Entwicklung allerdings mit zunehmender Sorge. Als man sich schließlich mit einem der einflussreichsten Spieler der Welt (Armand Assante) einlässt, wähnt man sich nahezu unbesiegbar. John konzentriert sich jedoch in Folge dessen zunehmend auf seinen neuen Lebensstil und vernachlässigt dabei die Recherchen, gibt Prognosen weit im Vorfeld ab und hört nicht auf warnende Stimmen in seinem Umfeld, was in einem gewaltigen Fiasko mündet. Um die Klienten nicht weiter zu beunruhigen, steckt Walter konstant immer mehr Mühe und Geld in die Fähigkeiten seines Schützlings hinein, doch die Glückssträhne des „Million Dollar“-Mannes scheint abgebrochen zu sein, was keiner der beiden wirklich wahrhaben will, bevor es eigentlich bereits viel zu spät ist…

Auf den ersten Blick mutet „Two for the Money“ wie eine klassische Geschichte über Macht, Gier und Moral an, welche sich im Einklang mit den altbewährten Elementen der „hoher Aufstieg, tiefer Fall“-Verlaufsinhalte sowie einer immer wieder gern verwendeten „Mentor/Protege“-Paarung befindet (vgl. Sheen/Douglas in „Wall Street“, Reeves/Pacino in „the Devil´s Advocate“ etc). Natürlich ist der Film letztendlich all das – doch er geht bei bestimmten Motiven andere Wege, vor allem in der Beziehung der beiden Hauptdarsteller: In den o.g. Beispielen hatte der Beteiligte mit der größeren Erfahrung immer etwas Negatives, Korrumpierendes an sich – hier ist es nicht ganz so einfach, denn nach und nach wird immer stärker ersichtlich, dass Walter deutlich mehr zu verlieren hat als Brandon. Zudem wendet sich jener nie wider seinen Förderer – im Gegenteil, denn gegen Ende möchte er ihm helfen bzw ihn davor bewahren, zuviel von ihm zu erwarten. Abrams ist keine unmoralische Gestalt wie Gordon Gekko. Er liebt seine Firma, Frau und kleine Tochter, in Lang sieht er einen legitimen Nachfolger (denn er leidet zudem unter Herzproblemen) – einen Sohn, der das Geschäft beerben kann, sowie einen Mann, der ihn an sich selbst am Anfang seiner Karriere erinnert. Brandon genießt den Aufstieg mitsamt dem Geld, wird überheblich und irgendwann auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Dann erkennt er jedoch, dass er die Personen um ihn herum gleichermaßen abwärts zieht, wodurch er (für sie) versucht zu retten, was überhaupt noch machbar ist. Sein eigener Vater hat ihn im Kindesalter im Stich gelassen, in Walter fand er jemanden, der diese Lücke zu schließen vermochte – und nun muss er erschrocken feststellen, dass ausgerechnet sein Verhalten diesem Mann, der über alles an ihn glaubt, derart schadet, jener sogar erneut (angesichts des finanziellen Schadens) zu wetten beginnt, nachdem er diese Sucht eigentlich lange überwunden hatte. Beide handeln sie aus positiven persönlichen Überzeugungen heraus. Es gibt eine Szene, in welcher Brandon, psychisch bereits schwer von dem auf ihm lastenden Druck gezeichnet, Walter gesteht, dass er die Prognosen bezüglich der beiden entscheidenden Spiele, auf die letzterer seine übrig gebliebenen Reserven gesetzt hat, per Werfen einer Münze getroffen hat. Pacinos Gesichtsausdruck in jenem Moment ist Gold wert – eine Mischung aus Enttäuschung und Bestreben, trotzdem noch an seinen Ziehsohn zu glauben, weshalb er umso entschiedener voranschreitet und alles auf eine Karte setzt, anstatt auch nur die Möglichkeit eines Irrtums seinerseits in Betracht zu ziehen, sich bei dem Jungen eventuell (auf lange Sicht) getäuscht zu haben oder von diesem Plan (seiner Legacy) abzuweichen, da jener schon vor geraumer Zeit das Zentrum seiner gesamten Bestrebungen eingenommen hat.

Abgesehen von den erwähnten Verbindungen zwischen den einzelnen Charakteren verbleibt das Skript von Dan Gilroy über weite Strecken leider etwas blass, vorhersehbar und oberflächlich. Der echte Brandon, der nach den Ereignissen (u.a.) als Golfcaddy seinen Lebensunterhalt verdienen musste, „pitchte“ ihm seine Geschichte übrigens bei einem Spiel auf dem Grün. Die erste Hälfte ist nahezu „by the Numbers“ gestrickt worden: Weder raucht, trinkt noch flucht Lang, doch in der Gestalt von John Anthony ändert sich das alles schlagartig. Geld kann zu Verblendungen führen und den Charakter verderben, man nimmt ein Talent als gegeben hin und investiert dementsprechend keine Mühen mehr. Im zweiten Handlungsteil weicht man von den gängigen Pfaden etwas ab, liefert sich dadurch allerdings einigen unausgegorenen Ansätzen aus, die nicht zur vollen Zufriedenheit ins Gesamtbild integriert werden können (beispielsweise entwickelt sich ein Klient nach dem Verlust einer immensen Summe zu einer ernstzunehmenden Bedrohung). Es wird sich fast schon zu sehr auf die Figuren konzentriert, so dass viele der extrem interessanten Hintergründe eher beiläufig (ohne Vertiefung) abgehandelt werden. Die Struktur von Walters Unternehmen verkommt beinahe zu einer bloßen Kulisse, obwohl sie durchaus Neugier erweckt: Alles, von den Wohnungen bis hin zu den Büros, befindet sich in einem Gebäude. Im Erdgeschoss werden die Hotline-Ansagen erstellt, die wichtigeren Kunden im Stockwerk darüber betreut. Es gibt sogar ein TV-Studio, wo eine eigene Empfehlungs-Sendung produziert wird. Das gesamte Geschäft ist zwar legal (dadurch, dass ja nicht selbst gewettet wird, sondern nur Informationen auf Erfolgsbasis verkauft werden), befindet sich aber in einer Art Grauzone inmitten der (pro Jahr) 200 Milliarden Dollar starken US-Wettbranche. Diese verbleibt ebenfalls bloß ein Rahmengerüst für die Ereignisse. Die Thematik (inklusive Praktiken, Vernetzungen etc) wird bestenfalls gestreift, was gleichwohl für den Football an sich gilt (man hätte diesen Punkt problemlos bei Baseball belassen können – es hätte, bis auf die Attraktivität der verwendeten Sportart, nichts geändert), weshalb eine Menge an Faszination verschenkt wird („Wall Street“ integrierte das Geschehen auf dem Börsenparkett beispielsweise deutlich besser).

Ohne seine gute Besetzung wäre „Two for the Money“ sicher in den Tiefen der cineastischen Belanglosigkeit verschwunden. Al Pacino („Heat“) bewegt sich genau in seinem Element bzw auf vertrautem Terrain, da seine Rolle bestimmte Eigenschaften seiner Parts in „Scent of a Woman“ oder „the Recruit“ aufweist – charismatisch, intelligent, erfahren, zum Teil selbstzerstörerisch sowie in einzelnen Augenblicken gar intensiv bedrohlich. Es macht einfach Spaß, ihm beim Spielen zuzusehen – vor allem, wenn ihm die Bühne überlassen wird, wie im Falle eines Treffens von Spielsüchtigen, bei dem er den Anwesenden vorhält, dass ihr Problem eigentlich ganz woanders liegt, da der Reiz des Wettens ihnen letztendlich nur das Gefühl gibt, lebendig zu sein. Zwischen diesen „crowd pleaser“-Momenten existieren aber auch genügend ruhige, feinfühlige Zwischentöne, die Walter zutiefst menschlich erscheinen lassen. Nicht selten (in letzter Zeit) ragt Pacino aus ansonsten mäßigen Werken positiv heraus, ohne seine Leistung dem weniger starken Umfeld anzupassen (etwas, das ihn von Kollegen wie DeNiro grundlegend unterschiedet). In diesem Sinne kommen seine Fans hier trotz allem auf ihre Kosten. Ihm zur Seite steht Matthew McConaughey (“Reign of Fire“,“Sahara“), der aktuelle „sexiest Man alive“, und auch das findet auf eine gewisse Weise Verwendung, denn Brandon hat einen eigenen Fitnessraum in seiner Wohnung und verbringt einen Großteil seiner Freizeit mit Training, was (für die Ladies) immerzu ansehnlich ins Bild gerückt wurde. Sein typischer Charme ist konstant vorhanden, weitestgehend kann er gar mit seinem Screen-Partner anstandslos mithalten. Obwohl seine Figur ab und an in eine eindimensionale Richtung tendiert, kann man sie sehr gut leiden und verstehen. Seine Leinwandpräsenz ist unverkennbar, die Interaktionen zwischen ihm und Pacino funktionieren tadellos. Den moralischen Kern und Ruhepol der Story stellt Toni dar, welche von Renee Russo (“Outbreak“/“Lethal Weapon 3“) ebenfalls toll verkörpert wird. Es ist schon hilfreich, wenn man mit dem Drehbuchautor verheiratet ist, denn das Skript schustert ihr einige durchaus starke Szenen zu – nur leider keinen vollends ausnehmenden Part. In entscheidenden Situationen erfüllt sie ansehnlich ihren Zweck, nur um in der Zwischenzeit den anderen vollkommen das Feld zu überlassen. Komisch, dass ihre Karriere in den vergangen Jahren derart auf Grund gelaufen ist. Abgerundet wird das Ensemble von guten Leistungen in wenig reichhaltigen Nebenrollen, zum Beispiel in der Gestalt von Jeremy Piven („Black Hawk Down“) als langjähriger, treuer Angestellter der Firma, der fortan in John Anthony´s Schatten leben muss, Armand Assante („Judge Dredd“) als gefährlicher Spieler sowie die hübsche und bezaubernde Jaime King („Sin City“), die leider nicht mehr als einen Kurzauftritt absolvieren darf. Die Cast ist auf jeden Fall ein herausragendes Plus der Produktion.

Die Arbeit von Regisseur D.J.Caruso (“Salton Sea“/“Taking Lives“) lässt sich als professionell und solide bewerten. Es gelingt ihm, die Dynamik und Energie der Materie zu vermitteln und alle Aufnahmen optisch ansprechend zu arrangieren. Schade, dass die erste Hälfte derart konventionell daherkommt, denn nachdem das Tempo gegen Halbzeit (nochmals) kräftig angezogen wird, erhöht sich das Vergnügen des Betrachtens merklich – selbst wenn die Oberflächlichkeit weiter bestehen bleibt. Man hat es also weder mit einem reinrassigen Sport- noch Spieler-Drama zutun, sondern eher mit einer Geschichte über Moral, Erfolg, Abhängigkeit, Erwartungen und Loyalität. Es geht um Menschen, welche Spiele analysieren und Empfehlungen aussprechen, für die andere Personen zahlen, wofür man einen klaren Kopf bewahren muss. Im Endeffekt sind sie bloß nur Verkäufer, die auf Provisionsbasis arbeiten. Auftreten und Image spielen eine wichtige Rolle – selbst wenn man eigentlich mit seinem Talent überzeugen kann und diese Art der Präsentation gar nicht nötig hat. Ich persönlich hätte mir eine hintergründigere Auseinandersetzung mit dem umgebenden Kontext der Branche gewünscht – vielleicht resultiert diese nicht erfüllte Hoffnung allerdings daher, dass die NFL (aufgrund der Wett-Thematik) jede Beteiligung strikt verweigerte und Universal Pictures gar die Ausstrahlung von Promos während ihrer Spiele untersagte. Letzten Endes wird man von „Two for the Money“ (ohne viel Tiefgang) relativ gut unterhalten. Wem darüber hinaus Werke wie „Wall Street“, „Boiler Room“ oder „Jerry Maguire“ zusagen, sollte ruhig mal einen Blick riskieren, was gleichwohl für Leute gilt, die Fans der beiden Hauptdarsteller sind, denn jene beweisen hier erneut, was so alles in ihnen steckt … „6 von 10“.

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