Review

Der Name des Regisseurs Philippe Garrel dürfte wohl den allerwenigsten Filmfans ein Begriff sein. Bis vor einiger Zeit hatte ich ebenfalls noch nichts von ihm gehört, bis ich zufällig auf seinen Film "la cicatrice intérieure" aufmerksam wurde. Erstaunlicherweise spielt in diesem unbekannten Film Nico (Christa Päffgen) die Hauptrolle, die den meisten wohl als Sängerin der Band "The Velvet Underground" im Gedächtnis geblieben ist.

Was soll man von "la cicatrice intérieure" halten? Was soll man von einem Film halten, der bisher noch nie "legal" veröffentlicht wurde, sondern nur auf japanischen Bootlegs zu finden ist? Was soll man von einem Film halten, der weder Vorspann noch Abspann besitzt? Was soll man von einem Regisseur halten, der für sein Werk die Sprachen Französisch, Englisch und Deutsch verwendet und trotzdem sämtliche Untertitel verbietet? Was soll man von einem Regisseur halten, der sein Werk der Öffentlichkeit nicht freigeben möchte, sondern die Kopien sorgfältig versteckt?

"La cicatrice intérieure" ist ein surrealistischer Experimentalfilm, der Menschen in fremdartige aber wunderschöne Landschaften platziert. Die Individuen bewegen sich in flachen Steinwüsten, im ewigen Eis, in Gegenden mit vulkanischer Aktivität und an sandigen Stränden. Die Kamera begleitet die langsamen Schritte der Protagonisten und fokussiert die Aufmerksamkeit des Zuschauers zunehmend auf die Landschaften, die sämtliche physikalischen Zeit und Raum Ordnungen aufzuheben scheinen. Begleitet werden diese Szenen durch den Klang von experimentellen und nihilitischen Musikstücken, die auf Nicos Soloalbum "Desertshore" zu finden sind. Ansonsten wird "la cicatrice intéreure" nur durch die natürliche Klangatmosphäre unterlegt.

Der Film stellt eine Rückbesinnung dar, ein Rückbesinnung auf die Grundelemente unserer Welt: Feuer, Wasser, Erde. Aus diesem Grund spielen die unterschiedlichen Landschaften eine tragende Rolle, da man sie einerseits als Idealzustand einer unberührten Natur wahrnehmen kann und auf der anderen Seite als eine parallel verlaufende Visualisierung des Innenlebens der Protagonisten.

Näher auf die "Story" des Films einzugehen, scheint mir an dieser Stelle ein sinnloses Unterfangen. Ich kann lediglich noch versuchen einige Metaphern zu dechiffrieren, möchte mich aber nur auf einen einzelnen Aspekt konzentrieren, um Interessierte nicht zu verärgern. "La cicatrice intérieure" besteht nur aus 23 Szenen. Die meisten dieser Szenen beinhalten nur eine einzelne Kamerafahrt, die die Bewegungen der Protagonisten verfolgt. Prinzipiell lässt dich das Gesamtkonstrukt des Films als eine Metapher für das menschliche Leben wahrnehmen. Die ständige Fortbewegung der Protagonisten und die Landschaften als Sinnbilder unterschiedlicher Gemütslagen suggerieren und untermauern diese Vermutung.

Das Werk hinterließ bei mir einen positiven Eindruck, da es aufgrund seiner Inszenierung eingefahrene Konventionen und triviale Muster bricht. Die sehr gelungenen Landschaftsaufnahmen, die den Zuschauer in eine mystische Stimmung versetzen und die inhärente Reflexion über die menschliche Kondition stellen für mich weitere Pluspunkte dar.

Letztendlich kann ich "la cicatrice intérieure" jedem Freund von surrealen Filmen empfehlen.

8,5/10

Details
Ähnliche Filme