Review

Es ist ziemlich schwer, aus dieser Orgie der Völlerei, die sich zweckgemäß "Das große Fressen" nennt, so etwas wie einen gut erklärbaren Sinn herauszufiltern. Dieser Film IS(S)T mehr, als er denn etwas bedeutet, eine Bestandsaufnahme, eine Satire, ein finsterer Gag.

Vier Freunde unterschiedlichster Couleur treffen sich zu einem verlängerten Wochenende mit dem Plan, sich zu Tode zu essen. Sie haben keine Ahnung, ob sie es schaffen, aber sie sind überzeugt, daß es funktionieren kann.
Dabei wird dieser Plan in den ersten zwei Dritteln niemals wörtlich ausgesprochen, sondern kommt erst langsam aber sicher fragmentarisch ans Tageslicht. Regisseur Ferreri stellt seine Delinqenten vor und führt sie zusammen, alles weitere ist Begleitung einer Orgie aus Sex und Nahrungsmitteln mit der Kamera.

Für alle, die wirklich einen Sinn benötigen, sei gesagt, daß sie es (vermutlich) aus Abscheu und Lebensmüdigkeit tun und vielleicht auch aus Freundschaft, aber das kann man nur vage aus den Charakteren destillieren.

Marcello (Mastroianni) - hier tragen alle handelnden Figuren die Vornamen ihrer Darsteller - ist ein Pilot und Schürzenjäger. Sein Leben besteht, außer gutem Essen, vornehmlich aus Sex, pausenlos, ununterbrochen. Er ist der Widerstrebenste der vier, da ihm der Sex vor dem Essen kommt und bekommt somit Probleme, die Idee in die Tat umzusetzen. In der Abgeschiedenheit des alten Hauses wird ihm nach und nach klar, daß sein sexueller Appetit über ihn selbst hinausgewachsen ist und spürt langsam aber sicher die Leere seiner Existenz. Er sucht nach Abwechslung, indem er an einem alten Bugatti herumschraubt, ein Inbegriff der Männlichkeit (er hat in ihm und mit den Ersatzteilen Sex), den er wieder zum Laufen bekommen muß, was er schließlich auch schafft. Trotzdem ist Wagen am Ende sein Tod, denn aus seinem leeren Selbst (dem Haus) gibt es kein Entkommen.

Michel (Piccoli) ist Fernsehproduzent, ein Mensch, der auf sein Äußeres und seine Figur und Fitness achtet. Kulturell hochentwickelt und gebildet, doch äußerlich oft mehr Fassade. Er flieht vor der Realität durch reichlich geäußerten Selbsthaß und Zynismus, den er über die Menschheit und seine Freunde ausgießt, ohne vulgär zu sein. Wie wenig er noch innerlich menschlich, er selbst ist, beweist das Unterdrücken seiner Triebe, seiner wahren Bedürfnisse, die er zurückhält, kaum ans Tageslicht läßt. So sind denn auch seine unterdrückten Blähungen, die ihm die gute Erziehung verbietet, sein Ende, indem ihm vollgefressen die Gedärme platzen.

Ugo (Tognazzi) ist Meisterkoch und führt die drei in ihrem kulinarischen Exzess. Sein Faible ist es, stets sämtliche Fäden in der Hand zu halten, Meisterschaft zu zeigen. Er ist der Herr der Küche und somit Herr des Hauses. In der Gewißheit, Delinquent und Henker gleichzeitig zu sein, indem er sein Bestes aufbietet, um sein tödliches Ziel zu erreichen, blüht er als Zeremonienmeister des Todes regelrecht auf. Ihm soll Achtung und Bewunderung gezeigt werden, auch wenn er sie nicht verlangt. Sex steht bei ihm in Verbindung mit Essen und Andrae Ferreols Hingabe an seine Schöpfungen beweist ihm die Richtigkeit seiner Annahme. Zum Schluß wird er ein absolutes Meister- und Monsterwerk der Kochkunst und der Kalorien erschaffen, eine Schönheit, die niemand anrühren möchte. So nimmt er denn das Werk selbst in die Hand und überfrißt sich, während ihm einer runtergeholt wird.

Philipe (Noiret) schließlich ist Kind geblieben. Zwar Richter von höheren Weihen, ist er immer noch ein Muttersöhnchen, daß nie Mutterliebe erhalten hat, stattdessen bis zum heutigen Tag von der ältlichen, aber monströs vollbusigen Amme abhängig ist, im Leben und auch sexuell. Er selbst ist ein nöliges Kind, irgendwo zwischen Weisheit und der Gier nach Anteilnahme und Bemutterung. Ferreol wird seine Mutter, seine Frau und sein liebevoller Todesengel sein, die in ihrer sexuellen und kulinarischen Fülle den perfekten Menschen darstellt, zu viel für ihn und zu komplex bei seinem Vorhaben. Ganz zum Schluß gibt sie sich ihm ganz hin, indem sie ihm zwei gigantische eßbare Brüste komponiert, bei deren Vertilgung er in ihren Armen stirbt, einsam und unverstanden, doch vielleicht mit einem Hauch von Glück.

Andrea (Ferreol), eine Lehrerin, die sich mehr zufällig in das Haus verirrt und von der Morbidität, aber auch von ihrer Eßgier dort gehalten wird, dient am Ende als Helfer und Begleiter, als Geliebte und Verbindungsglied, eine unsagbar voluminöse Masse aus Wollust, Mütterlichkeit und Gier, Antrieb zum Durchhalten und letzte Verbindung zu einer nicht-zynischen Weltsicht.

"Das große Fressen" ist ein harter Brocken. Es gibt kaum Spannung, keine wirkliche Dramatik, nur einen stabilen roten Faden, der sich durch das Menu zieht und immer wieder neues, köstliches Essen. Für normale Zuschauer dürfte es kaum durchzustehen sein, wenn sich die Freunde in Platitüden ergehen, wie die Wilden durchs Haus vögeln, philosophieren, fressen und noch mal fressen, sich angiften, wieder liebhaben, einander ignorieren, rülpsen, fluchen und übers Ficken diskutieren. Für 1973 ist der sicherlich geradezu obszön gewesen und auch heute ist er in seiner nüchternen Direktheit ein schwerer Brocken, wenn sich vier gestandene und berühmte Schauspieler mit derlei Profanitäten bewerfen. Der Film ist eine Monströsität, die mit nackter Haut und Unmenschlichkeit nicht spart, vielleicht schon fast ein pornographischer Film, aber mit viel Lust an der Darstellung und Komposition von Körpern und Nahrung, bisweilen sogar absurd bis ins Mark (die Toten sehen den Lebenden aus Kühlschränken beim Weiteressen zu).

Wer also mit dem Film nicht viel anfangen kann, mag beruhigt sein. Das muß man auch nicht, aber allein die Existenz dieses stillen Infernos der Fleischeslust beweist, was alles mit dem Medium Film möglich ist. Meisterhaft köstlich, aber schwer im Magen. (9/10)

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