Review

Es ist ja immer so eine Sache mit reißerischen Headlines. Ich muss es wohl kaum groß erwähnen, dass Chaos als "der brutalste Film, der je gedreht wurde" beworben wird/wurde. Solche Headlines bringen marketingstrategisch zwei Ergebnisse mit sich, wobei eins natürlich im Sinne der Marketingstrategen ist. Der Film wird genau eben wegen einer solchen Headline angesehen, denn man muss sich schließlich selber überzeugen, ob es tatsächlich sein kann, dass da ein Film kommt, der alles toppt. Damit erreicht man erstmal das, was man erreichen will - er wird angesehen. Das zweite fast schon zwingende Folgenergebnis ist natürlich, dass der geneigte Seher spätestens nach dem Ansehen des Films evaluativ den Film mündlich oder schriftlich eher kritisch und abneigend gegenüber stehen wird, und wenn es aus reiner Reaktanz (sprich Trotzverhalten) ist. Genau diese negativen Kritiken führen aber oft genug bei eben dieser Art von Film selbst wieder zur Abweichungsverstärkung, sprich der Film wird dann erst recht gesehen, man muss sich schließlich selbst davon überzeugen, dass er scheiße ist, oder eben nicht, was dann Counterreaktanz hervorruft- nichts reizt oder provoziert doch bei reißerisch gehypten Exploitation-Movies mehr als die schlechten Meinungen anderer Menschen.  Und genaugenommen kommt ein drittes Ergebnis hinzu, dass zum ersten abweichungsverstärkend wirkt, nämlich, dass sich ins Mediensystem inkludierte Kritiker in ihrer Professionsrolle einmischen und die Sichtbarkeit und damit den Verleih des Films weiter fördern - so hier geschehen in der sogenannten Roger-Ebert-Kontroverse.

Zum Film:

1) Narrative Struktur:
Also was kann man zum Film sagen. Es geht um zwei Mädels die stereotyper Weise auf ein Technoevent irgendwo im Nirgendwo fahren, natürlich ganz dringend E brauchen und vom nächstbesten Typen angequatscht werden, der ihnen was besorgen kann, was er natüüüüürlich nicht dabei hat (haben Dealer doch nie), dafür aber mit Ihnen kurz mal nen bisschen in den Wald gehen muss um die Glückspillen bei Kumpels zu besorgen - ne, ist klar. Den Rest der Geschichte kann man sich ausmalen. 2 Mädels geraten an Psychopathen und werden den Rest des Films gedemütigt, gequält, vergewaltigt und getötet. Rein vom narrativen Aufbau ist der Film hier dicht und ohne große Längen erzählt, ohne jeden Humor, kühl und bierernst, da kommt ihm seine kurze Spielzeit von 76 Minuten auch zu Gute. Es werden keine großen Nebenschauplätze aufgebaut und die Story wird von Anfang an vorwärts getrieben. So weit so gut. Was den Film für mich zu einem wirklichen Ärgernis gemacht hat, ist schon allein die Dreistigkeit zu Beginn dem Film eine Warnung bzw. Mahnung voranzustellen, dass der Film extrem ist, dies aber den Zweck hat, potenzielle Opfer und Eltern quasi zu warnen und aufzuklären, und dem ganzen dann einen Film hinten an zusetzen, der sich geradezu an der Gewalt gegen die 2 Mädels aufgeilt und auch gar nichts anderes will. Der Film bietet in keiner Weise ein sensibles, differenziertes und aufklärerisches Bild der an Frauen begangenen Grausamkeiten und Gewalttätigkeiten oder ein differenziertes Bild von Tätern und Opfern. Die Opfer sind hier stereotype junge dumme hübsche Mädels, und die Täter die klassischen ultrabösen Superfreaks ohne Moral und Skrupel, die ihr Es völlig ausleben in einer sowieso auf Selbstjustiz und Egoismus gestellten Welt, in der Gerechtigkeit ein längst vergessenes Wort ist - so wie es Hollywood halt gerade wieder mal sieht, Systemversagen und Selbstjustiz sind ja wieder mal ein großes Thema derzeit. Eine quasi medienpädagogische Aufklärung für ein letztliches Rapemovie mit plakativer Gewaltverherrlichung zu verwenden unterscheitet meinen persönlich ansozialisierten Geschmack. 

2) Gore
Die geneigten Filmseher, die Brutalität mit Blut, Gedärm und umherwirbelnden Gehirn gleichsetzen, kommen in dem Film definitiv nicht auf ihre Kosten. Grafisch haben wir eine Brutswarzenabschneideszene mit Lutschen an eben dieser Brustwarze, die dem Opfer dann auch noch in den Mund gesteckt wird. Und zum Ende hin ein völlig kontexturloses und sich in den Film in keinster Weise einpassendes Actionfinale mit Kettensäge und Schusswaffen, und das wars. Wer weniger auf Grafik der Gewalt als mehr auf die Intensität, Dichte und psychologische Härte achtet, bekommt hier durchaus zumindest für meinen Geschmack einen sehr harten Film zu sehen. Die 2 jungen Mädels werden auf wirklich derbe und brutale Art und Weise minutenlang vergewaltigt, verprügelt und letztlich getötet/abgeschlachtet, dass es einem schon kalt den Rücken runter laufen kann. Das traurige an den gezeigten Szenen ist dann, dass die Wirklichkeit viel brutalere Vergewaltigungen kennt, als es im Film dargestellt wird. Von daher ist es einfach harter Tobak, solange man sich auf den Narrationsfluss einlässt und sich empathisch in die Situation begibt. Spätestens wenn einer der beiden mit einem Messer ihre Vagina bis zum Anus aufgeschlitzt wird und dies lapidar mit "jetzt habe ich nichts mehr zum ficken" kommentiert wird, sollte einem der Film doch ein gewisses Unwohlsein entlocken. Natürlich ist und bleibt es ein Film (und ob ein rein auf Vergewaltigung und Misshandlung ausgelegter Film einen nun unterhalten kann, muss jeder für sich selber wissen), aber eine solche Thematik, die wie hier im Film ernst genommen werden will, sollte für mich ganz normativ nicht derart plakativ und primitiv als reiner Schauwert daherkommen, und letztlich einfach auf der Torturewelle mitschwimmen. Und auch hier betone ich es noch mal, um so schlimmer, dass der Film eine solch ernste Thematik derart pseudoaufklärerisch behandelt und damit das Thema per se selbst vergewaltigt, gerade weil er sich ja vorgeblich nicht als reines Unterhaltungsprodukt verstanden haben will.

3) Partyfeeling
Ja ein wahnsinns Partyfilm, am besten mit lauter Frauen anschauen, die finden das sicher alles grandios lustig, und wollen so das ein oder andere in Zeitlupe sehen. Nein definitiv kein Partyfilm, außer vielleicht auf einer zünftigen Massensuizidparty mit viel lustigen Tranquilizern und Downern - bestimmt spitze. Oder natürlich im normalen Dissozialen Club der richtig Parasozialen Antisozialen Asozialen, da könnts auch lustig sein, wer weiß....

Warum der Film von mir dann drei Punkte bekommt. Letztlich ist er straff erzählt und richtig Langeweile kommt nicht auf. Hier muss ja zwischen dem (nennen wir es reinen) Unterhaltungswert und der ethischen Beurteilung und moralischen Stellungnahme unterschieden werden, und es darf ja trotzdem auch nicht vergessen werden, dass es sich um einen Film (und nichts anderes) handelt, der schocken und provozieren will, und irgendwie hat er es geschafft, zumindest für mich. Immerhin kann ich mich ja auch dran abfucken, dass der Film sich derart pseudoambitioniert darstellt und seine primitive Gewalt durch Aufklärung rechtfertigen will. Von daher könnte man dem Film durchaus auch vier Punkte geben, aber ich gebe zu, ich bin einfach nicht bereit ihm die 4 zu geben, so einfach ist das. Das Thema Vergewaltigung trifft wohl einfach ein gewisses Tabuthema in der grafischen Darstellung bei mir - was ja auch irgendwie pseudomoralisch ist bei dem ganzen Hardcoresicko-irgendwas was ich so ansehe. Naja hat ja keiner gesagt, dass man immer den gleichen Wertekontext und Wertemaßstab ansetzen muss....

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