Japan – im Horrorbereich das Land der maßlos übertriebenen Sickos und des immer gleichen Geistergrusels in leichter Variation? Mitnichten, denn das Regiedebüt des Regisseurs Higuchinsky aus dem Jahre 2000 schlägt in eine gänzlich andere Kerbe. „Uzumaki“ erklärt so etwas Alltägliches wie Spiralen bzw. spiralförmige Gegenstände zum Quell von Horror und Wahnsinn und macht sie zum Ausgangspunkt für einen surrealen Alptraum, der schwindlig macht.
Die Charaktere einer japanischen Kleinstadt, gleich ob bereits vom Spiralwahn besessen oder nicht, wirken beunruhigend der Realität entrückt, verhalten sich abnormal und nehmen Dinge als gegeben hin, die beim Zuschauer für ungläubiges Staunen sorgen. „Uzumaki“ ist ein Alptraum von einer aus den Fugen geratenen Welt, in der eigene Naturgesetze herrschen und die zudem von geheimnisvollen Erscheinungen und letztendlich Todesfällen heimgesucht wird. In dazu passend leicht verfremdeter Optik zündet Higuchinsky ein Feuerwerk (im wahrsten Sinne des Wortes) abgedrehter Ideen, sowohl hinsichtlich der Handlung als auch der zwar computergenerierten, durch ihre Unnatürlichkeit aber dadurch hier meist gut passenden und teils arg blutigen Spezialeffekte. Der nach einem roten Faden suchende und in Erwartung einer Erklärung gebannt verharrende Zuschauer wird mit immer neuen Überraschungen in einem dennoch nicht hektischen, sondern eher unheilschwanger-gemächlichen Tempo konfrontiert und muss sich letztlich mit einer durch die Einführung eines Journalisten grob angerissenen Hintergrundgeschichte zufrieden geben. Die handelnden Personen werden nahezu zu Statisten degradiert, die ohnmächtig dem Geschehen ausgesetzt sind. Das Schauspiel der Darsteller ist dabei stets zweckmäßig, niemand sticht sonderlich heraus.
„Uzumaki“ ist ein Wahnsinnstrip, der interessanterweise zwei Les- bzw. „Guckarten“ gestattet: Die einer grotesken Komödie oder die einer fürchterlichen Schauermär, die die Realität, wie wir sie kennen, aus den Angeln hebt und spiralenförmig unbeirrbar und in immer rasanterer Geschwindigkeit ins Absurde führt, um sie letztlich zu absorbieren. Das geschieht auf so originelle und kreative Weise, dass ich in meiner Begeisterung beinahe geneigt gewesen wäre, „Uzumaki“ auf einen Thron zu hieven, wären da nicht letztlich doch einige Szenen, die zu skurril und amüsant ausfielen, um die zuvor zelebrierte, unvergleichliche Horroratmosphäre beizubehalten. Ich denke da speziell an an Häuserwänden kriechende „Schneckenmenschen“ und außer Kontrolle geratene Lockenfrisuren.
„Uzumaki“ ist und bleibt aber absolut erfrischendes, nahezu psychedelisches Phantastik-Kino, das nicht sonderlich leicht zu beschreiben ist und daher am besten von aufgeschlossenen, schwindelfreien Genre- oder Ostasien-Liebhabern selbst konsumiert werden sollte. Ich versichere, dass man zukünftig der einen oder anderen Spirale mit mehr Aufmerksamkeit begegnen wird als zuvor – in welcher Form auch immer.