Romeo und Julia in New York: Der Musical-Klassiker „West Side Story" aus der musikalischen Feder von Leonhard Bernstein kam nur wenige Jahre nach seiner Uraufführung als Filmversion unter der Regie von Robert Wise (Jerome Robbins war für die aufwendigen Tanzsequenzen verantwortlich) in die Kinos und begeisterte das Publikum weltweit. Auch heute noch ist die tragische und musikalisch mitreißende Geschichte über Tony, den Gründer der Jugendgang Jets, und Maria, die Schwester des Anführers der Sharks, die sich trotz der Rivalitäten zwischen den Gangs ineinander verlieben, absolut sehenswert.
Was „West Side Story" aus der Masse seines Genres hervorhebt, ist vor allem die grandiose Inszenierung: Im Gegensatz zu vielen anderen Filmmusicals wird hier die filmische Umsetzung nicht den Musical-Aspekten untergeordnet - ganz im Gegenteil: Schon die Einleitung begeistert mit fantastischen New York-Bildern aus der Vogelperspektive, bevor dann die beiden Gangs in einer furiosen, annähernd dialoglosen Sequenz, die bereits enorm an der Spannungsschraube dreht, eingeführt werden. Nach diesem brillanten Auftakt entwickelt sich die Story trotz zweieinhalb Stunden Laufzeit zügig und zielgerichtet. Die verschiedenen Parteien und ihre emotionalen Hintergründe werden vorgestellt, die schicksalhafte Begegnung zwischen Tony und Maria wiederum mit genialen technischen Mitteln (der gesamte Hintergrund eines überfüllten Tanzlokals wird per Weichzeichner verwischt, und nur die beiden sich auf den ersten Blick ineinander Verliebenden bleiben sichtbar) umgesetzt - und die dramatische Story nimmt ihren Lauf.
Filmtechnisch hat „West Side Story" enorm viel zu bieten: technische Effekte wie eben erwähnter Weichzeichner, lange Einstellungen der teils sehr beweglichen Kamera, Beleuchtungs- und Farbspiele, die vor allem in einer überraschenden Überblendung geradezu psychedelisch werden, und enorm aufwendige, oft wechselnde Kulissen. Deren künstliche Hintergründe sieht man ihnen zwar in den meisten Szenen an, aber diese bühnenhaften Kulissen tragen durchaus zur rundum gelungenen Stimmung des Films bei.
Darüber hinaus überzeugt er inhaltlich auf ganzer Linie. Für ein groß produziertes Unterhaltungs-Musical reißt er erstaunlich viele gesellschaftspolitische Probleme recht direkt an: Polizeigewalt und -willkür, Rassismus, Hass und Vorurteile, die zu Elend und Leid führen, und nicht zuletzt der Generationenkonflikt zwischen den konservativen Machthabern und der rebellischen Jugend (wobei die Gewalt dieser Jugend hier trotz tanzender Straßengangs keinesfalls verharmlost oder gar glorifiziert wird - grandios die Szene, in der der Ladenbesitzer die Kids fragt, warum sie unbedingt Krieg spielen müssen!). Vieles davon wird mit einer Beiläufigkeit ausgespielt, die vor allem aus heutiger Perspektive immer wieder staunen lässt.
Natürlich überzeugt aber auch der Hauptaspekt eines Filmmusicals - die Musik. Leonhard Bernstein hat mit diesem Soundtrack wirklich ein Meisterwerk komponiert, das mitreißt, ins Ohr geht und absolut stimmig verschiedene Gefühlszustände beschreibt, ohne je langatmig zu werden. Nicht umsonst sind einige der Songs zu echten Klassikern geworden. Und die komplex choreografierten Tanzsequenzen suchen durchaus ihresgleichen.
„West Side Story" ist alles in allem eines der besten Musicals der Filmgeschichte, mitreißend, dramatisch, politisch subversiv und emotional fesselnd - nicht zuletzt, weil es hier weder Gut noch Böse gibt; beide Gangs werden als Menschen mit Hintergründen, Traumata und Hoffnungen dargestellt. Wer sich Steven Spielbergs Neuverfilmung ansieht, sollte sich vorher dieses brillante Original zu Gemüte führen. Schaden kann es keinesfalls.