Der Steuerberater Gene Watson und seine kleine Tochter werden am Bahnhof von Los Angeles von einem gewissen Mr. Smith und seiner Assistentin in einen Lieferwagen gezerrt. Watson bekommt eine Pistole in die Hand gedrückt und erhält den Auftrag, innerhalb von 75 Minuten damit die Gouverneurin Eleanor Grant zu töten. Sollte er es nicht tun, muss seine Tochter sterben. Einen Ausweg scheint es nicht zu geben, denn Smith verfolgt ihn gnadenlos und würde seinerseits einen tödlichen Schuss auf Watson abfeuern, sollte der Hilfe holen. Die Zeit verrinnt erbarmungslos.
Temporeicher und enorm spannender Thriller von John Badham, dessen Besonderheit in dem originellen Grundeinfall liegt. Denn der Film läuft in Echtzeit ab, d.h. die Laufzeit des Films entspricht gleichzeitig auch der Länge der Handlung - ein Mittel, das schon Hitchcock (als erster Regisseur überhaupt) in „Cocktail für eine Leiche“ und Zinnemann in „Zwölf Uhr mittags“ anwandte. Daraus resultiert auch der große Reiz von „Gegen die Zeit“, wobei der Zuschauer nicht auf die Idee kommen sollte, die Zeit mit der Armbanduhr zu stoppen. Erstens laufen Kinofilme im Fernsehen immer etwas schneller ab, und zweitens sind einige Zeitsprünge (Watson sitzt niemals zehn Minuten beim schwarzen Schuhputzer auf dem Stuhl) und -verlangsamungen (die letzten Minuten werden arg in die Länge gezogen) unübersehbar. Einen Film auf die Sekunde genau abzustimmen, dürfte selbstverständlich ungemein schwierig sein, gerade wenn laufend eine Uhr ins Bild kommt - also kein Vorwurf an den Regisseur.
Nach der fünfminütigen Eingangssequenz stolpert die bemitleidenswerte Hauptfigur Watson (Johnny Depp) von einer brenzligen Situation in die nächste, immer wenn er glaubt, seinen Schatten Smith (wie immer herausragend: Christopher Walken) abgeschüttelt zu haben, taucht dieser plötzlich wieder aus dem Hinterhalt auf und hindert ihn am Plaudern. Und hat er es doch einmal geschafft, muss er schnell erkennen, dass scheinbar alle von dem Mordplan wissen und unter einer Decke stecken. Dies strapaziert nicht nur dessen Nervenkostüm, sondern auch das des Filmguckers. Momente unerträglicher Spannung findet man hier zuhauf - sei es die Szene, in der Watson der Gouverneurin im Fahrstuhl gegenübersteht, sei es die Toilettenszene, in der eine sich langsam öffnende Kabinentür eine große Rolle spielt -, und auch überraschende Wendungen sind keine Seltenheit. (Die Albtraumsequenz, die dem Betrachter in der gekürzten Fassung leider vorenthalten bleibt, sei nicht vergessen, auch wenn sie innerhalb der Handlung recht überflüssig zu sein scheint.) Dadurch hält der Unterhaltungswert sich stets im obersten Bereich. Ideal für jeden Thrillerfan!
Doch ganz so perfekt, wie man aufgrund oben genannter Aspekte denken könnte, ist Badhams fünfzehntes Werk dann doch nicht: Natürlich kann man den als puren Unterhaltungsfilm gedachten „Gegen die Zeit“ lediglich auf sich einwirken lassen, ohne hinterher länger darüber nachzudenken, aber spätestens beim zweiten Ansehen fällt einem schonungslos in die Augen, dass der Plot voller Ungereimtheiten strotzt; eine hochkarätige Unlogik ist die Folge. Warum muss eigentlich ausgerechnet Watson Frau Grant abknallen, wenn es doch viel einfacher ist, jemanden zu wählen, der dem gediegenen Mordkomplottclan angehört? Warum Watson, der keine Gelegenheit auslässt, Hilfe zu finden, wenn es doch Leute gibt, die bereitwillig den Mord begehen würden? Selten dämlich verhält sich auch der „Profi“ Smith: Ich habe mich schon gefragt, wie ihm entgehen konnte, dass Watson sich mit dem Schuhputzer unterhält. Wenn der sich aber wenig später zum zweiten Mal die Schuhe putzen lässt, muss man doch einfach stutzig werden. Der absolute Hammer ist aber der Moment wenig später, die Schlüsselszene sozusagen, in dem sich Smith neben Watson setzt und mit ihm mehr als offensichtlich den Mordplan durchgeht (unser Held darf sogar per Walkie-Talkie kurz mit seiner entführten Tochter sprechen!), nur weil der gute Gene behauptet, der Schuhputzer sei taub. Das kann der Bösewicht ihm doch unter keinen Umständen abnehmen; schließlich versucht Watson von Beginn an, Hilfe zu konsultieren. Dies ist der Wendepunkt der Geschichte: Mit Hilfe des Schuhputzers verschafft Watson sich schließlich Zugang zu der Suite der Gouverneurin. Dem Zuschauer wird grad an dieser Stelle doch eine Menge guter Willen abverlangt. Na ja, es dient nun einmal der Spannung, und selbst Altmeister Hitchcock hat hin und wieder die Logik außer Kraft gesetzt (einer meiner Lieblingsfilme „Der unsichtbare Dritte“ ist ein Musterbeispiel dafür)...
Fazit: Gut gespielter Thriller mit reizvoller Ausgangsidee. Reichlich unlogisch zwar, dafür mit pausenloser Action und grenzenlosem Nervenkitzel - zwei wesentliche Merkmale, die die inhaltlichen Schwächen weitestgehend zu kaschieren wissen. Aufgrund des bei mir ausgelösten Immer-wieder-Anschau-Effekts gibt's einen Bonuspunkt. 7/10.