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Echtzeitfilme gab es im Kino immer mal wieder, 1995 versuchte sich John Badham mit „Gegen die Zeit“ an dem Rezept, hatte jedoch wenig Erfolg: In Deutschland fiel sogar der Kinostart flach.
Durchschnittsbürger Gene Watson (Johnny Depp) kommt gerade zusammen mit Tochter Lynn (Courtney Chase) von der Beerdigung seiner Frau nach Los Angeles und mag sich trotz seines Schicksalsschlag noch besser fühlen als die Obdachlosen, die er in Gleisnähe bei der Einfahrt des Zuges beobachtet. Schon kurz nach der Ankunft fallen immer wieder ins Bild gerückte Uhren auf, die als Leitmotiv den ganzen Film durchziehen und auf das Gimmick der Echtzeitprämisse hinweisen, auch wenn der Film sich hier und da kleine Freiheiten mit seinem Konzept erlaubt.
Ein geheimnisvoller Mann (Christopher Walken), der sich bloß Mr. Smith nennt, bugsiert Gene und Lynn mit Hilfe seiner Untergebenen in ein Auto, trennt Vater und Tochter und gibt Gene eine Waffe und das Foto einer Frau: Weniger als 90 Minuten hat er Zeit die Frau zu erschießen, andernfalls wird seine Tochter von Smiths Helferin Ms. Jones (Roma Maffia) ermordet. Um die High-Concept-Prämisse des Stoffs perfekt zu machen, muss Gene bald auch noch merken, dass die Frau auf dem Foto nicht irgendwer ist, sondern Eleanor Grant (Marsha Mason), die Gouverneurin von Kalifornien, die in einem nahegelegenen Hotel ihren Wahlkampf führt.

Gene hat natürlich nicht die Absicht jemanden umzubringen, will aber auch seine Tochter retten. Doch schon nach den ersten Versuchen Hilfe zu holen muss er feststellen, dass viel mehr Leute in die Verschwörung verwickelt und Mr. Smith auch nie weit entfernt ist…
„Gegen die Zeit“ hängt stark an seiner Prämisse, im Guten wie im Schlechten. Zum Letzterem gehört vor allem der logische Aspekt des Ganzen, an dem Badhams Thriller krankt: Die Prämisse erscheint absurd, wenn man sich den Grad der Unterwanderung des Umfelds von Grant anschaut, der seinerseits fast schon abstruse Züge annimmt. Denn fast jede Person, die Gene anspricht, scheint Teil des Komplotts zu sein, dass entweder Vater Zufall genau jene Leute seines Weges lenkt oder schlicht und einfach fast jeder dazugehört, was den Plan der Übelwichte noch unsinniger erscheinen lässt. Auch das Verhalten der Bösewichte ist nicht ganz konsequent, einerseits was die Gründlichkeit ihrer Überwachung angeht, anderseits in der Tatsache, dass sie später dann doch Leute umbringen, wobei es doch eigentlich der Plan war, dass nur Gene den Abzug drücken und damit als irrgeleiteter Einzeltäter erscheinen soll.
Allerdings sollte man die berühmte Antwort Hitchcocks auf die Frage, warum seine Charaktere nie zur Polizei gehen, nicht ganz vergessen: Weil der Film sonst nach 10 Minuten vorbei wäre. Was durchaus auch auf „Gegen die Zeit“ passt, der eine Hitchcock-Hommage darstellt: Die entführte Tochter kennt man aus „Der Mann, der zuviel wusste“, das Echtzeitszenario aus „Cocktail für eine Leiche“ und den Normalbürger als Opfer einer Verschwörung aus „Der unsichtbare Dritte“. Natürlich sind die Logiklücken hier größer als in Hitchcocks besten Werken und „Gegen die Zeit“ erreicht nicht deren nervenzerfetzende Spannung, als verdichtetes Prämissenkino macht der Badham-Thriller aber durchaus Spaß.

Als reduzierte Auswegsuche, in der Gene weder auf viele Helfer noch auf besondere Fähigkeiten zählen kann, spielt „Gegen die Zeit“ mit den Möglichkeiten, die zeitliche und räumliche Begrenzungen auf Genes Verhalten haben, auch wenn sich der Film gelegentlich wiederholt, wenn sich mal wieder jemand als heimliche Helfer der Verschwörer entpuppt. Damit erzielt „Gegen die Zeit“ Spannung, kleinere Schauwerte lockern den Film auf, wobei Badham seinen Thrillerkonzept treu bleibt, Normalo Gene nie Außergewöhnliches leisten lässt bzw. wenn doch, es dann als Traum entlarvt.
Dabei profitiert er von der Natürlichkeit Johnny Depps, der eben nie von Anfang als großer Held erscheint, dem man das mögliche Scheitern abkauft und der zurückgenommen spielt, damit aber punktet. Christopher Walken als graue Eminenz ist nicht übermäßig gefordert, überzeugt aber als eiskalter beinahe übermächtiger Schurke, während Roma Maffia solide als seine rechte Hand agiert und Charles S. Dutton als Schuhputzer guten Support liefert. Der Rest vom Cast ist durchweg brauchbar ohne zu glänzen – etwas, das man durchaus auf den gesamten Film übertragen kann.

Insofern schluckt man die unglaubwürdige Prämisse dieser Hitchcock-Hommage lieber und erfreut sich an dem Katz-und-Maus-Spiel zwischen Normalo und übermächtigen Verschwörern, wobei ersterer fast durchweg Maus bleiben und innovative Strategien finden muss. Das sorgt für einen netten kleinen Thriller, den man besser nicht hinterfragt, sondern als flottes Prämissenkino genießt.

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