Review

Ein US-australischer co-produzierter Neowestern, dessen deutscher Titel „Quigley, der Australier“ den Ton weniger gut trifft als der originale, „Quigley Down Under“, denn der typisch-amerikanische Cowboy macht sich hier auf die Reise zu besagtem Kontinent.
Die Zügel gab man dafür dem australischen Regisseur Simon Wincer in die Hand, der mit „Quigley Down Under“ den Sprung nach Hollywood schaffte, dort aber zweite Garde blieb. Dieses von John Hill geschriebene Werk passt zu knalligen, actionreichen Neowestern wie „Silverado“ oder „Young Guns“, deren Genrerevisionen eher augenzwinkernder Natur waren. So ist auch Matthew Quigley (Tom Selleck) der extrem männliche Cowboy-Held, der schon kurz nach seiner Ankunft in Australien eine Frau vor ein paar Rüpeln beschützt, die sich ihm danach an den Hals wirft. Ironischerweise stellen sich die Rabauken aber als Helfer seines Auftraggebers heraus, während die Holde nicht umsonst als Crazy Cora (Laura San Giacomo) bezeichnet wird, nennt sie Quigley doch nur „Roy“ und scheint diesen für ihren Ehemann zu halten.
Trotz anfänglicher Missverständnisse machen Quigley, Cora und ein paar Amüsierdamen die Reise zum Landgut des britischen Farm-Tycoons Elliot Marston (Alan Rickman). Der hat Quigley angeheuert, da dieser als vielleicht bester Scharfschütze des Wilden Westens gilt und dies actionheldentypisch natürlich bei einer Feuerprobe unter Beweis stellen darf, die den Zuschauer gleich auch noch mit seinem Spezialgewehr bekannt macht. Auch sonst etablieren diese Szenen des Kennenlernens launig alle wichtigen Grundlagen für den Restfilm: Marston ist ein schnell ziehender wie sadistischer Revolverheld, sein Reichtum groß und das britische Militär hat er auch auf seiner Seite. Ähnlich wie Quigley schwant dem Zuschauer schon: Der Scharfschütze wurde gar nicht angeheuert, um Dingos zu jagen, die Marstons Herden bedrohen, wie in der Ausschreibung stand.

Marston eröffnet Quigley, dass er Aborigines erschießen soll, die sich gegen Marstons Landnahme wehren und sein Vieh attackieren. Dafür kriegt er vom rechtschaffenen Cowboy erst einmal eins in die Fresse, doch dann wird Quigley überwältigt. Als Marstons Schergen ihn und Cora im Outback beseitigen wollen, kann er jedoch die Bewacher töten. Doch damit beginnt der Überlebenskampf für die beiden erst…
Man merkt den Einfluss des Actionkinos in „Quigley Down Under“, denn die Gefechte gehören zu den Highlights von Wincers Neowestern. Der Protagonist beweist darin nicht nur seine Sniper-Fähigkeiten, sondern Wincer spielt effektiv zwei Parteien gegeneinander aus: Quigley ist allein, kann aber auf größere Distanz schießen und treffen als seine Gegner, die dafür die zahlenmäßige Überlegenheit haben und ihn einkesseln müssen. So besteht ein großer Höhepunkt darin, dass Quigley sich an einer Stelle in einer verwinkelten Stadt gegen seine Verfolger behaupten muss und Katz-und-Maus mit ihnen spielt, wenn er aus einem brennenden Hotel flieht, über Dächer klettert und durch Kanäle kriecht. Dieser Gegensatz von Schießküsten auf kurze und weite Distanz wird im Finale noch auf die Spitze getrieben, wenn Revolvermann Marston den Scharfschützen zum klassischen Colt-Duell fordert – mit amüsanter Pointe.
Zu den weiteren Stärken von Wincers Film gehört die Art, auf die der Regisseur einen humorvollen Ton und ernste Themen verbinden kann, ohne dabei deplatziert oder überfordert zu werden. Wenn hilflose Aborigines von einer Klippe gedrängt werden oder Cora die Gründe für ihr Verhalten offenbart, dann macht „Quigley Down Under“ deutlich, dass der Wilde Westen (egal ob in Amerika oder Australien) eine Welt ist, in welcher Tod alltäglich ist und man Schlimmes erdulden muss. An anderen Stellen sorgt er mit der fast schon screwballhaften Balz zwischen Quigley und Cora und gut platzierten Gags für Erheiterung, gerade wenn er mit den Mythen des Westerngenres spielt. Doch nie kommen sich diese beiden Elemente ins Gehege, immer trennt Wincer sauber zwischen Tragik und Komik, lässt beides auch nie zu abrupt aufeinanderfolgen.

Allerdings muss auch zugeben, dass „Quigley Down Under“ für seine Laufzeit von rund zwei Stunden nicht allzu viel Handlung im Gepäck hat. Das ungleiche Duo reist durch die Wüste, hat Begegnungen mit Verfolgern und anderen Gefahren, aber auch mit freundlichen Helfern. Man kommt sich näher, überwindet die eigenen Traumata und wird Zeuge einiger Ungerechtigkeiten, die dem Zuschauer schon früh klarmachen, dass Quigley nicht nur seine Haut retten wird, sondern am Ende für klare Verhältnisse sorgt. Das ist dann, Augenzwinkern hin oder her, selbst klassische Westernkost mit sehr klassischem Verlauf, die „Quigley Down Under“ dann aber mit Tempo und Witz zu verkaufen weiß.
Noch dazu ist Tom Selleck als Held eine Freude. Der Darsteller kann seinen „Magnum“-Charme auch als souveräner Cowboy spielen lassen. Ebenso augenzwinkernd wie das Script legt Selleck den Protagonisten als Glücksritter mit Prinzipien an, der sowohl Lover als auch Fighter sein kann. Für Ersteres hat er Laura San Giacomo als gut aufgelegte Anspielpartnerin, die ihre Rolle vielschichtig und nicht bloß als pures Love Interest interpretiert. Bei Alan Rickman steht sein Schurke in der öffentlichen Wahrnehmung etwas im Schatten von Hans Gruber und dem Sheriff von Nottingham, die er kurz davor und kurz danach spielte, aber den arroganten wie kaltblütigen Fatzke hat er darauf, denn auch hier steckt hinter guten Manieren und aristokratischer Überheblichkeit ein skrupelloser Killer. Mit diesem Trio steht der Film, dessen Nebendarstellerensemble, zu dem unter anderem Ben Mendelsohn in einer frühen Rolle gehört, wenige Akzente setzen kann.

„Quigley Down Under“ ist kein Film wie etwa Clint Eastwoods „Erbarmungslos“, der kurz darauf ebenso ernst wie radikal mit Western-Mythen aufräumte, sondern einfach nur ein augenzwinkernder Neowestern, der mit actionreichen Schießereien, gut harmonierenden Hauptdarstellern und stilsicherer Inszenierung aufwartet. Innovativ ist nicht viel daran, die Handlung bisweilen etwas übersichtlich, aber insgesamt überwiegt ganz klar der Entertainmentfaktor.

Details
Ähnliche Filme