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Nachdem Lukas Moodysson mit seinem Film „Lilja-4-Ever“ einen sozialkritischen, emotionsgeladenen Film über das auswegslose Leben eines alleingelassenen Mädchens geschaffen hat, widmet sich der Regisseur und Autor erneut einem gesellschaftlichen Problem. Allerdings auf eine gänzlich andere Weise. In einer Stockholmer Wohnung hausen vier sozialverarmte, eigentliche beziehungsunfähige Charaktere zusammen, die nur durch ihre gegenseitige Abhängigkeit existieren können und gerade deshalb in ihrem eigen geschaffenen Mikrokosmos verhaften bleiben.
Rickard (Thorsten Flinck), ein Verlierertyp wie er im Buche steht, lebt gemeinsam mit seinem Sohn Eric (Björn Almroth) in der besagten Wohnung. Obwohl er seinen Sohn liebt, ist es ihm unmöglich zu seinem Sohn eine Beziehung aufzubauen. Sämtliche Versuche scheitern kläglich - nicht nur Eric zeigt kein Interesse mehr an einer Annäherung, sondern auch Rickards Versuche sind von vorn herein zum Scheitern verurteilt (Auf den Rat seines Kumpanen Gecko (Goran Marjanovic), glaubt er die Beziehung zu seinem Sohn mit gemeinsamen Schießübungen auf ein Nacktposter wieder kitten zu können). Gemeinsam mit Gecko produziert Rickard in seiner Wohnung billige Pornofilme, in denen Gecko auch die männliche Hauptrolle übernimmt. Sex, Videospiele, Drogenkonsum stehen im Zentrum ihres Alltags. Den weiblichen Part in ihren Filmen übernimmt Tess (Sanna Bråding). Mit allen Mitteln versucht sie dem Schönheitsideal der Medien zu entsprechen - selbst vor einer Schamlippenverkleinerung schreckte sie nicht zurück. Nachdem sie bei „Big Brother“ nicht genommen wurde, erhofft sie durch die gemeinsam gedrehten Pornos, doch noch zum Starruhm zu gelangen.
Ihr gemeinsames Versagen, ihre Angst vor dem Alleinsein und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben kettet die Charaktere im Laufe des Films immer stärker aneinander. Doch die Spirale ihres Schicksals lässt keinen Raum für Hoffnung. Das Leben ödet sie an (auch der Sex – Gecko schläft beim Geschlechtsverkehr ein), sie suchen nach stärkeren Reizen. Ihre Exesse nehmen immer unmenschlichere Züge an. Vergewaltigungsszenarien, Fressorgien und Aggressionsausbrüche treiben den abstoßenden Verfall der Charaktere voran. Ein Entkommen ist nicht mehr möglich. Tess Versuch die Flucht aus der Wohnung zu schaffen, endet kläglich in ihrer Rückkehr. Das Leben außerhalb bietet ihr nichts mehr, ängstigt sie sogar – ein Leben außerhalb der vier Wände scheint unmöglich …

Moodysson gelingt mit „A hole in my heart“ ein sicherlich kontroverser Film über die dunklen Seiten der Medien/ Konsum/Freien Gesellschaft. Mit einer DV-Kamera dogmatisch gedreht, erinnert sein Werk an bekannte Reality-TV-Formate (Big-Brother u.ä.). Nicht zuletzt dadurch, dass die Charaktere direkt mit der Kamera sprechen. Beide Elemente verstärken den dokumentarische Flair des Films. Moodysson führt den Zuschauer damit eine perverse Version des Reality-TV vor Augen und hinterfragt damit gleichzeitig die (inzwischen nicht mehr wirklich umstrittenen) Unterhaltungsformate des Fernsehens. Sämtliche Markennamen von Produkten werden in diesem Film geblurt und geraten dadurch wieder in den Fokus des Zuschauers, der das allgegenwärtige Product-Placement kaum noch wahrnimmt.
Wer darauf hofft, dass der Film versucht Empathie für die Charaktere herzustellen, oder gar eine Entwicklung der Charaktere erwartet, wird enttäuscht. Auch dramaturgisch hebt sich dieses Werk vom Mainstream ab. Es werden keine Handlungsbogen gespannt, die am Ende –seien sie nun positiv oder negativ- eingelöst werden. Die Charaktere befinden sich am Anfang in einer desolaten Verfassung und verweilen die 94min in diesem Zustand. Keine Beziehung verbessert oder verschlechtert sich sichtlich. Im Zentrum steht die menschliche Leere der Figuren und zwischen den Figuren. Obwohl sich die Charaktere der Außenwelt verweigern, versuchen sie durch Konsum (wie z.B. Essen und Medien) ihre Leere zu füllen, da ihnen klar ist, dass sie einander nicht helfen können – doch gerade diese Hilflosigkeit verbindet sie.

Die schauspielerische Leistung ist nicht nur gut, sondern authentisch. Der Film ist nicht wegen seiner teilweise harten Bilder schockierend, sondern wegen seines Inhalts. Sicherlich ist „A hole in my heart“ nichts für einen gemütlichen Samstagabend im Kreise seiner Liebsten, und auch nicht jedermanns Geschmack – wer aber auf kontroverse und außergewöhnliche Filme steht, dem kann ich diesen Film nur ans Herz legen – oder an das Loch daneben …

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