Review

José Bénazéraf ist schon ein ungewöhnlicher Regisseur. Der Facettenreichtum seines Oeuvres dient als eindeutiger Beleg: Neben reinen Hardcorefilmen - wie der unsägliche "Naziporno" FREUDENHAUS 42 - realisierte er auch eine ganze Reihe interessanter Erotikdramen, die bis heute noch in verstaubten Hinterzimmern als Filmrollen lagern und auf ihre erste offizielle Veröffentlichung warten. Bénazéraf - übrigens Absolvent der prestigreichen Hochschule Institut d´ études politiques de Paris - begann seine Karriere als Schauspieler. Er kann u. a. eine Rolle in Jean-Luc Godards Klassiker der nouvelle vague AUßER ATEM für sich verbuchen.

Schon bald wuchs Bénazérafs Begeisterung für das Metier hinter der Kamera, sodass er in der Folgezeit begann eigene Ideen und Projekte zu realisieren. Explizite Sexszenen und rohe Gewalt beanspruchten von nun an einen Großteil seiner Filme. Ein kurzer Blick auf den Kontext seines Schaffens erscheint an dieser Stelle erhellend: Bénazéraf begann seine Karriere zu einer Zeit als man Sexualität noch als Waffe gegen die repressiven Effekte der instaurierten Bourgeoisie einsetzten konnte. Wie nicht anders zu erwarten war, führte der Kampf gegen den gutbürgerlichen Konsens mithilfe schmutziger Filme nicht zur wohlwollenden Begutachtung durch pflichtbewusste Zensoren - die generell große Mühe an den Tag legten um die Werke zu eskamotieren.

FRUSTRATION ist ein Film aus dem Jahr 1971. Bénazéraf war zu dieser Zeit in der Filmrealisation schon etwas routiniert. Die Geschichte klingt bei erster Betrachtung unspektakulär: Adelaide lebt mit ihrer Schwester Agnes und deren Ehemann Michel in einem abgelegenen französischen Landhaus. Die glückliche Beziehung des Ehepaars löst bei der anscheinend frigiden Adelaide jedoch Missgunst und Neid aus. Adelaide ist überzeugt, dass die vormals innige Beziehung zu ihrer Schwester Zunehmens in eine ungewünschte Richtung abgleitet. Hinzu kommt noch Adelaides sexuelle Frustration und das damit zusammenhängende, scheinbar ausweglose Dilemma: Sie begehrt die eigene Schwester und versucht gleichzeitig krampfhaft ihre inzestuösen Phantasien zu kaschieren. Diese komplexe Vereinbarung von Lust und bürgerlicher Moralvorstellung gelingt ihr nicht permanent. Die Eifersucht treibt Adelaide an einer Stelle soweit, dass sie während eines Gesprächs mit ihrer Schwester Agnes eine nicht existente Geliebte des Ehemanns Michel erwähnt.

Diese kurze Übersicht des Plots - der bei genauerer Betrachtung erstaunliche Parallelen zu Roman Polanskis EKEL aufweist - sollte in erster Linie die großen Leitmotive des Films veranschaulichen. Es geht um unbefriedigte Sexgelüste, Neid, Eifersucht, Einsamkeit und Missgunst. Diese gefährliche Ansammlung unangenehmer Einstellungen drängen Adelaide Zunehmens in das Refugium ihrer Phantasie, wo sie ihre unterdrückten Wünsche ungehemmt ausleben kann. Die daraus resultierenden Traum- und Phantasieszenen bilden meines Erachtens die Höhepunkte von FRUSTRATION. In einer ersten Traumszene sieht man Adelaide durch einen langen Korridor rennen; sie öffnet jede Tür und beobachtet in den jeweiligen Räumlichkeiten immer nur das Ehepaar in unterschiedlichen Sexpositionen. Eine weitere Szene gegen Mitte des Films zeigt eine Orgie in einem mittelalterlichen Folterkeller, wo sich Mönche - begleitet von dem Geschrei einer Gequälten - mit jungen nackten Damen vergnügen. Im Gegensatz zu diesen - meiner Ansicht nach zwar "exploitativen" aber nicht übermäßig geschmacklosen - Momenten der Phantasie bietet die reale Welt nur wenige Freiräume. Das Landhaus ähnelt einem Gefängnis für die Protagonisten und die karge Winterlandschaft scheint eine Flucht zu verbieten.

Wie bereits erwähnt, überzeugen alle Traumszenen durch Einfallsreichtum und Können. An einigen Stellen hätte man sich als Zuschauer jedoch ein geeigneteres Vorgehen des Regisseurs gewünscht. So wird beispielsweise das sexuelle Verlangen Adelaides durch eine lang andauernde Großaufnahme von Agnes Lippen suggeriert, was meines Erachtens nicht zum sonst eher subtilen Vorgehen in Bénazérafs Film passt. Zu offenkundig und plakativ erscheinen an manchen Stellen die Sehnsüchte der Protagonisten.

Nichts desto trotz ist FRUSTRATION ein sehenswerter Film, der dank einiger gelungener Momente - visueller und inhaltlicher Art - in Erinnerung bleibt. Jedoch wird er vermutlich nur Leute ansprechen, die schon Erfahrungen mit undergroundigem Euro-Kino der 70er sammeln konnten. Für viele "mainstreamorientierte" Filmfans könnten die neunzig Minuten durchaus zur Qual werden.

Ich wünsche mir für FRUSTRATION auf jeden Fall eine angemessene DVD Veröffentlichung. Das klingt jetzt auf den ersten Blick unwahrscheinlich! Ein französisches Label hat jedoch vor kurzer Zeit begonnen die Filme Bénazérafs einem größeren Publikum zugänglich zu machen...

8 Punkte!

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