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„Wenn wir uns in der Schule sehen und ich nicht ‚Hallo’ sage, sei nicht sauer, ok?“

In US-Regisseur Francis Ford Coppolas („Der Pate“-Trilogie) Jugenddrama und Literaturverfilmung „Die Outsider“ aus dem Jahre 1983 gaben sich zahlreiche spätere Hollywood-Größen wie Patrick Swayze, Matt Dillon, Rob Lowe und der unvermeidliche Tom Cruise ein Stelldichein als aufstrebende Jungschauspieler. Vordergründig geht es um die rivalisierenden Jugendcliquen der „Greasers“ und der „Socs“ in den 1960er-Jahren, doch unter der Oberfläche lauert noch mehr. (Achtung, massive Spoiler!)

„Die Outsider“ ist ein in Form einer langen Rückblende erzählter Film über Subkultur, über Freundschaft, über Klassenkampf, über Gewalt, übers Erwachsenwerden und über den Tod. Die „Socs“ sind reiche Schnösel, oberflächliche Popper, arrogante, privilegierte Fatzkes, die verächtlich auf die „Greaser“, ungebildete Jungs aus der Unterschicht, Waisen und Kleinkriminelle, die sich Gel in die Haare schmieren, cool aussehen und versuchen, mit ihrem offensiven Auftreten das Beste aus ihrer Situation zu machen, der Welt den Stinkefinger zeigen und proletarisches Selbstbewusstsein zu verkörpern, hinab blicken. Die Dauerfehde eskaliert immer mehr, der Gewalt sind beide Seiten nicht abgeneigt. Coppola lässt seine Protagonisten die Sinnfrage stellen, ohne die Gewalt grundlegend zu verteufeln und zu moralisieren; glorifiziert wird sie hingegen auch nicht. Sie ist ein ständiger Begleiter, eine wie selbstverständlich dazugehörendes Begleiterscheinung.

Eines Tages ersticht der junge Greaser Johnny (Ralph Macchio) in Notwehr einen Socs und flieht mit seinem erst 13-jährigen Kumpel Ponyboy, aus dessen Erinnerungen sich der Film zusammensetzt, in eine abgelegene, verlassene Kirche. Beide stehen füreinander ein, führen stark an der Oberfläche kratzende Gespräche – keine Spur vom Image der Greaser, der lediglich ein Schutzmantel in einer feindlichen gesinnten Gesellschaft ist. Doch während eines Besuchs Dallys (Matt Dillon) werden sie nach einem kurzen Ausflug Zeugen, wie die Kirche in Flammen steht. Sie greifen ein und retten Menschenleben aus dem brennenden Gebäude. Johnny erleidet dabei so schwere Verletzungen, dass er fortan im Krankenhaus vegetiert, von den Medien aber als Held gefeiert wird. Ob der unachtsame Umgang Johnnys mit brennenden Zigaretten den Brand ausgelöst hat, wird nicht geklärt, die Vermutung liegt aber nahe.

Um endgültig die Frage nach der Überlegenheit zu klären, wird unterdessen ein entscheidender Kampf zwischen den Greasers und den Socs anberaumt, eine wüste Massenschlägerei, zu der die Greasers in Unterzahl antreten und trotzdem einen Sieg erkämpfen. Die Unterschicht siegt gegen die Bourgeoisie. Diese Form der Auseinandersetzung war nur schwer vermeidbar, denn selbst in gegenseitigen Annäherungen gemäßigter Greaser und Socs wurde seitens letzterer unmissverständlich klar gemacht, dass die Greaser immer unten sein werden und die Socs immer oben. Desillusion und Ohnmacht schwingen in diesen Aussagen ebenso mit wie willkommenes Arrangement mit den Gegebenheiten. Ob der Sieg daran grundlegend etwas ändern wird, erscheint fraglich, gibt aber erst einmal Anlass zu feiern. Doch die Freude währt nur kurz, denn gleichzeitig stirbt Johnny im Krankenhaus, was Dally durchdrehen lässt, der von seinen Emotionen übermannt wird und den Tod seines Freundes nicht verarbeiten kann und will. Diese Ereignisse rütteln die Clique durcheinander, stellen Weichen für die Zukunft, fürs Erwachsenwerden. Man zieht seine Lehren und nichts wird mehr so sein, wie es war.

Einmal mehr also starker Tobak, was uns Coppola hier auftischt. Es passiert eine Menge und ich weiß beim besten Willen nicht, wo manch Kritiker hier „Längen“ ausgemacht haben will. Das Lebensgefühl der Greaser wird gut eingefangen, die Stimmung des Films zwischen Außenseiterromantik im Kleinen und Negierung selbiger im Großen, unverklärter Nostalgie und Realismus passt und einige ästhetisch-schöne Bilder voller Melancholie und Symbolik sowie poetische Momente und Dialoge laden das Auge zum Verweilen ein, schmeicheln den Ohren, regen den Geist an und lassen Coppolas Händchen fürs Epische durchblitzen. „Die Outsider“ besitzt einen eigentümlichen Hang zur Romantik, besonders in den Momenten, in denen Freundschaft und Zusammenhalt idealisiert werden. Dabei streift er mitunter die Grenze zum Kitsch bedenklich, manch Szene könnte fast aus „Vom Winde verweht“, dessen Romanvorlage eine Rolle im Verlauf der Handlung spielt, stammen. Es ist, als sehnten sich die jüngsten Greaser nach einer verträumten, idyllischen Welt, während sie sich im Dreck der Straße durchschlagen. Ein Lichtblick am Horizont, Hoffnung, die beim Beobachten des Sonnenaufgangs empfunden wird. „Die Outsider“ wird dabei aber weder zu Disney-Kommerz noch zu einer emotionalen Tortur für den Zuschauer; es ist ein dynamischer, unterhaltsamer Film, aber eben einer mit einem starken, aussagekräftigen Fundament, das einen der jüngsten zu früh zum Erwachsenwerden – und zum Sterben - Gezwungenen erkennen lässt, dass man sich die eigene Kindlichkeit bzw. die damit verbundenen positiven Aspekte sein Leben lang bewahren sollte.

Coppolas Inszenierung erscheint mir bisweilen absichtlich unperfekt, als hätte er bewusst Ecken und Kanten gelassen, statt ein geschliffenes Epos zu kreieren. Das passt zu seinen Hauptfiguren. Die Choreographie des großen Kampfes gegen die Socs hätte allerdings dann doch gern etwas weniger holprig ausfallen dürfen. Ansonsten ist „Die Outsider“ aber ein starkes Jugenddrama, eines, das die Kraft in sich birgt, eine ganze Generation zu beeinflussen und das nicht nur Freunden derartiger Produktionen ans Herz gelegt sei. Wer „Wanderers“ sagt, muss auch „Outsiders“ sagen!

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